Rezension über:

Francis W. Kent: Lorenzo de' Medici and the Art of Magnificence (= The John Hopkins Symposia in Comparative History; 24), Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2004, XIII + 230 S., 28 fig., ISBN 978-0-8018-7868-8, USD 36,95
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Rezension von:
Ulrich Rehm
Kunsthistorisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Rehm: Rezension von: Francis W. Kent: Lorenzo de' Medici and the Art of Magnificence, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11 [15.11.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/11/8201.html


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Francis W. Kent: Lorenzo de' Medici and the Art of Magnificence

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Wie hielt es Lorenzo de'Medici mit der Architektur? F. W. Kent versucht eine Antwort auf der Basis umfangreicher archivalischer Recherchen. Das dabei entstandene Buch fasst viele seiner wichtigen Entdeckungen zum Thema neu zusammen und ist zugleich ein Vorgeschmack auf die angekündigte zweibändige Magnifico-Biografie des Verfassers. Bisher war Lorenzos Sachverstand und seine architektonische Ambition im Vergleich zu seinem Großvater Cosimo nicht selten für gering erachtet worden. Kent versucht, dieser Auffassung entgegenzuwirken: Lorenzo habe nicht nur über eine von Grund auf geschulte Kompetenz verfügt, sondern auch weit reichende Baukonzepte verfolgt, die der urbanistischen Struktur von Florenz ebenso gegolten haben sollen wie den familiären Landsitzen. Schließlich habe Lorenzo, als er 1473 die ricordanze der Familie zu schreiben begann, die gewaltigen Bauausgaben seiner Vorfahren als eine Investition beurteilt, die das Ansehen der Familie maßgeblich gesteigert habe.

Auch Kent räumt ein, dass die zeitgenössischen Bezeichnungen Lorenzos als "bonus architectus" und "maestro della bottega" primär Metaphern für den inoffiziellen Herrscher über eine Republik sind und nichts weiter über Lorenzos architektonische Kenntnisse, Fähigkeiten oder gar Tätigkeiten aussagen. Dennoch lohne es sich, die Frage seines architektonischen Engagements weiter zu verfolgen. Denn Lorenzo sei in einem Alter verstorben, in dem Cosimo gerade einmal begonnen hätte, seine Bauaktivitäten zu entfalten, und außerdem sei die finanzielle Situation über weite Strecken so heikel gewesen, dass Lorenzo seine Projekte letztlich nicht habe verwirklichen können.

Was den jugendlichen Lorenzo betrifft, so bleibt durchaus fraglich, ob die geltend gemachte humanistische Bildung und der Umgang mit höchstrangigen Künstlern schon ein hinreichender Garant für ein ausgeprägtes Interesse und ein geschärftes Urteil in Sachen Architektur sind. Auch auf Grund der spätestens seit dem vierzehnten Lebensjahr regelmäßig ausgeübten Tätigkeit als operaio lässt sich kein wirklicher Kompetenzerweis erbringen. Es mag sein, dass die Auftragsvergabe der Thomas-Christus-Gruppe für Orsanmichele oder der Domkuppelbekrönung an Verrocchio auch die persönliche Fürsprache des jungen Lorenzo und damit sein hohes Qualitätsbewusstsein widerspiegeln. Doch die Motive bleiben ungewiss. Auch dass die frühen diplomatischen Missionen nach Rom, Neapel, Venedig, Mailand oder Ferrara Hand in Hand mit dem antiquarischen Interesse für Gemmen, Kameen, Medaillen, Münzen und Handschriften gehen, ist noch kein Beweis für ein auch architektonisches 'Händchen'. Sicher: Immer wieder wird Lorenzo um Rat gefragt, und er mischt sich in Entscheidungen ein. Aber in welcher Rolle und mit welchem Interesse? Hier bleiben die Quellen weitgehend stumm.

Die erste, nachweisliche Beschäftigung mit Baufragen betraf den Festungsbau - eine rein pragmatische Aufgabe also, die sich aus der Belagerung Volterras 1472 ergab. Dass die Namen der hier tätigen Ingenieure in der späteren Vita Lorenzos gelegentlich wieder auftauchen, ist schwerlich Ausweis für kontinuierlich verfolgte Bauinteressen. Ähnlich eng in den Familienkontext eingebunden wie Bertoldo di Giovanni, der die Kunstsammlung betreute und der 'Kunstakademie' im Medici-Garten bei San Marco vorstand, war als 'Hausarchitekt' Giuliano da Sangallo - immerhin ein 'Schwergewicht' unter den Baumeistern der Renaissance.

Allerdings ist auch der erste, umfangreichere Finanzeinsatz für Baumaßnahmen wohl vor allem der Notwendigkeit und der - allerdings anonymisierten - allgemeinnützigen Freigebigkeit geschuldet: der Wiederaufbau des brandzerstörten Benediktinerinnenklosters Le Murate im Gonfalone Santa Croce. Die weiteren 1470er- und die frühen 80er-Jahre seien, so Kent, Zeiten der finanziellen Misere gewesen. Erst die Allianz mit Innozenz VIII. durch die Vermählung der Tochter Maddalena mit dem Papstsohn 1487 habe einen gewissen Aufschwung gebracht. Ob, wie manche Zeitgenossen mutmaßten, Lorenzo in größerem Umfang öffentliche Mittel für private Zwecke missbrauchte, bleibt ungeklärt. In jedem Fall habe er seine Verbindung zur Kurie geltend gemacht, um ansehnliche Grundstücke im Umkreis von Florenz zu erwerben. In die 1480er-Jahre fällt zugleich die nachweisliche Auseinandersetzung mit Leon Battista Albertis Architekturtraktat.

Als maßgebliches urbanistisches Projekt benennt Kent die Planung der von der Santissima Annunziata ausgehenden Via Laura, über deren eventuell geplante Gestalt wir jedoch - mangels Realisation - kaum etwas wissen. Der einzig noch zu Lebzeiten halbwegs fertig gestellte, repräsentative Bau im weiteren Stadtbereich war das Augustinerstift San Gallo vor dem nördlichen Haupttor der Stadt, als dessen Autor (auctore) Lorenzo ausgewiesen wurde. Gerade hier ist allerdings fraglich, ob Lorenzo mit dem Bau nicht vor allem seinem politischen Verbündeten, dem Prior Fra Mariano, die Ehre gab. Auch ein weiteres Engagement Lorenzos betrifft nach 1489 die Augustiner in Florenz: der Bau der Sakristei von Santo Spirito, für den Giuliano da Sangallo verpflichtet wurde. Wie weit Lorenzos Einfluss auf die Baukampagne der 1490er-Jahre von San Salvatore e San Francesco al Monte genau reichte, bleibt ungewiss, die Indizien sprechen jedoch weiterhin für ein größeres Engagement.

Die wichtigsten Bauten initiierte Lorenzo nicht als Lenker der städtischen Geschicke, sondern als bonus agricola, wie Cristoforo Landino ihn titulierte. Kent betont die Verbundenheit Lorenzos mit dem Landleben, das sich mit landwirtschaftlichem Ertrag, Jagd und Gesundheitspflege verband. Mit sich verschlimmernder Krankheit wurde Lorenzo geradezu zum Nomaden zwischen Bagno a Morba, Spedaletto, Agnano, Poggio a Caiano, Bagni di San Filippo, Careggi, Loggia de' Pazzi etc. Diese Bauinitiativen lassen durchaus eine spezifische Aussageabsicht erkennen, die sich in den Dokumenten bestätigt: Lorenzo versuchte offenbar, die Stadt von allen Seiten mit Landsitzen zu umkreisen. Dabei verzichtete er, obwohl sonst sehr auf Personenschutz bedacht, auf jegliche fortifikatorische Maßnahmen. Offenbar wollte er seine Autorität durch eine Architektur all'antica petrifizieren, die nicht nur weithin sichtbar war, sondern die auch freie Sicht über weite und politisch wichtige Teile der Toskana bot.

Um 1486 begannen verstärkte Bauaktivitäten auf dem Land. Kent mutmaßt eine längere Vorbereitung, zumal das Grundstück von Poggio a Caiano schon zwölf Jahre zuvor gekauft worden sei. Ebenso gut ließe sich allerdings argumentieren, dass Lorenzo nicht länger auf seine Gesundung vertraute und sein Leben nunmehr ganz auf das Land konzentrierte. Vom frisch erworbenen Hospital in Spedaletto, unweit Volterra, wurde der mittelalterliche Turm in den Neubau einbezogen. Das mythologische Bildprogramm besorgten die berühmtesten Maler ihrer Zeit. Besonders interessiert verfolgte Lorenzo daneben offenbar den Neubau von Agnano, dessen Fertigstellung sich jedoch hinzog.

Mit Poggio a Caiano schuf Giuliano da Sangallo einen Prototyp des herrschaftlichen Landhauses, dessen Tempelportikus von besonderem Anspruch kündet. 1474 von Lorenzos Schwager Bernardo Rucellai erworben, wurde die ehemalige Strozzi-Besitzung von der zweiten Hälfte der 1480er-Jahre an zu einer repräsentativen Villa ausgebaut, die den Ausblick auf Prato, Pistoia und die Hauptstadt selbst erlaubte.

Das Buch Kents lässt mit seiner Fülle an Quellenmaterial die historische Persönlichkeit Lorenzos nähergerückt erscheinen und ist ein wichtiger Beitrag zur kunsthistorischen Diskussion über das Verhältnis von Auftraggebern und Künstlern in der Renaissance. Der Verdacht, dass Lorenzo womöglich deshalb als Kunstsammler und Poet ein deutlicheres Profil aufweist denn als Bauherr, weil ihn die Architektur über längere Strecken seines Lebens weniger interessierte, ist allerdings noch nicht ganz aus dem Weg geräumt.

Ulrich Rehm