Rezension über:

Peter Blickle / Rudolf Schlögl (Hgg.): Die Säkularisation im Prozess der Säkularisierung Europas (= Oberschwaben - Geschichte und Kultur; Bd. 13), Epfendorf: bibliotheca academica 2005, 574 S., ISBN 978-3-928471-58-9, EUR 39,00
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Rezension von:
Wolfgang Reinhard
Freiburg/Brsg. / Erfurt
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Reinhard: Rezension von: Peter Blickle / Rudolf Schlögl (Hgg.): Die Säkularisation im Prozess der Säkularisierung Europas, Epfendorf: bibliotheca academica 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/8761.html


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Peter Blickle / Rudolf Schlögl (Hgg.): Die Säkularisation im Prozess der Säkularisierung Europas

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Ein Kongress im Jahre 2003 zur Erinnerung an die Säkularisation in Süddeutschland 1803 konnte dank großzügiger Förderung durch die Gesellschaft Oberschwaben diese Ereignisse räumlich und zeitlich in ihren europäischen Zusammenhang stellen. Dieser besteht aber nicht nur in früheren Enteignungen der Kirche an anderen Orten, sondern vor allem im übergeordneten langfristigen Prozess der Säkularisierung, die aber im Gegensatz zur Säkularisation als Sache und Begriff alles andere als eindeutig ist. Auch auf der Tagung selbst war sie umstritten, wie der abschließende Diskussionsbericht von Andrea Iseli und Peter Kissling belegt. Die früher selbstverständliche Vorstellung, dass die Religion als überholte Welterklärung im Zeitalter der Wissenschaft unweigerlich von selbst verschwinden werde, erreichte als Ideologie erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, ist aber inzwischen empirisch falsifiziert, und zwar nicht nur durch die Islamisten. Zwar scheint die Entkirchlichung weiter zu laufen, was aber einem neuen Aufschwung von Religiosität nicht im Wege steht. Es lässt sich geradezu von Re-Sakralisierung sprechen, wobei die Definition von "sakral" und "Religion" sich aber als nicht weniger schwierig erweist als diejenige von "Säkularisierung". Sakralisierung und Säkularisierung scheinen bisweilen in einem Verhältnis gegenseitiger Bedingtheit zu stehen, stellen sich geradezu als zwei Seiten desselben Vorgangs dar.

Nach der instruktiven Einführung durch die Herausgeber legt Paolo Prodi dar, warum und mit welchen Folgen im Einzelnen die theologische Trennung von Gott und Welt in Judentum und Christentum Säkularisierung überhaupt erst ermöglicht hat. Rudolf Schlögl leistet anschließend seinen Beitrag zum Thema "Prozesse der Entsakralisierung" mit einer kommunikationsgeschichtlichen Abhandlung, die Säkularisierung nicht als Verschwinden, sondern als Formwandel von Religion durch Rationalisierung deutet.

Thomas Fuchs betrachtet unter "Gelungene und gescheiterte Säkularisierung an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit" die bibelorientierte Stadtreformation als Rationalisierung der Religion, während Peter Blickle den Versuch der Reformation zur Säkularisierung politischer Macht gescheitert sieht. Sabine Ullmann hingegen stellt in den bi-konfessionellen Gemeinden Oberdeutschlands eine Parallelität von konfessioneller Abgrenzungsdynamik und ökonomischem Pragmatismus fest. Arnold Angenendt geht das Problem erneut grundsätzlich an mit dem Hinweis, dass das Christentum von Haus aus nur Heiligkeit von Personen, nicht aber von Orten und Sachen gekannt habe, Säkularisation also nur eine Rückkehr zu den Anfängen darstelle, freilich oft genug eine gewalttätig-brutale. Bernd Roeck rettet Jacob Burckhardts Bild einer säkularen und individualistischen Renaissance vor allem mit Hilfe kunstgeschichtlicher Befunde, die Burckhardt selbst erstaunlicherweise zu diesem Zweck nicht herangezogen hatte. Die Säkularisationen der Reformationszeit waren laut Thomas A. Brady eindeutig rechtswidrige Plünderung, auch wenn sie in England und Schweden im Gegensatz zum Reich wenigstens notdürftig legalisiert werden konnten.

Unter der kryptischen Überschrift "Implodierendes Altes Europa" sind sieben Beiträge zu Religion und Politik im konfessionellen Zeitalter und im 18. Jahrhundert versammelt. Marc R. Forster schildert wieder einmal die katholische Selbstkonfessionalisierung durch Laien in oberdeutschen Gemeinden 1550-1750. Wolfgang von Hippel und Hartmut Zückert führen eine mit reichem Material gepanzerte Auseinandersetzung darüber, ob die barocken Bauvorhaben oberdeutscher Klöster aus laufenden Einnahmen finanziert wurden oder mit zusätzlicher Ausbeutung der Untertanen einhergingen. Kaspar von Greyerz hegt begründete Zweifel an der Sakralisierung Europas im Barock; seit dem späten 17. Jahrhundert handle es sich eher um Säkularisierung. Ebenso stellt Heinz Duchhardt bei den sogenannten absoluten Monarchen kein eindeutiges Verhalten fest, obwohl ihre Politik der Herrschaftsintensivierung durchaus zu Lasten der Kirchen ging. Peter Hersche versucht, "Barock" als Epochenbegriff für die "intendierte Rückständigkeit" des nicht-französischen katholischen Europa zu etablieren. Heinrich Richard Schmidt stellt in schweizerischen und oberdeutschen Städten um 1700 einen Verfall kirchlicher religiöser Praxis dar, den er als Säkularisierung deutet.

Dann wendet sich der Band der Säkularisation im engeren Sinn zu, an der nach Andreas Holzems revisionistischem Beitrag keineswegs nur Napoleon schuld gewesen ist, denn es ging ihr ein massiver binnenkirchlicher Mentalitätswandel in Richtung auf Säkularisierung voraus. Außerdem hängt Holzem die beklagten sozialen und kulturellen Folgen des "Raubes" ausgesprochen niedrig, vielleicht doch zu niedrig, wenn man die verschlechterte Lage der Katholiken im Deutschland des 19./20. Jahrhunderts bedenkt. Vadim Oswalt zeigt in deutlichem Kontrast dazu, wie sich die Volksfrömmigkeit im ländlichen Oberschwaben als ausgesprochen resistent gegen das Erziehungsprojekt aufgeklärter Kleriker vom Schlage Wessenbergs erwies. André Holenstein bietet einen ausgewogenen Überblick über Säkularisationen und deren teilweise Rücknahme im Kontext der Schweizer Konfessionskonflikte bis hin zum Sonderbundskrieg und der Entstehung (1848/74) und Aufhebung (1973) der anti-katholischen Artikel der Bundesverfassung. Winfried Schulze versucht eine Systematisierung des Zusammenhangs der Säkularisation mit dem Ende des Alten Reiches.

Zehn höchst verschiedenartige Beiträge sind "Formierungsproblemen eines neuen Europa" gewidmet, die ersten drei den fast parallel zur Säkularisation ablaufenden Vorgängen der Mediatisierung des Adels (Franz Quarthal) und der "Munizipalisierung" der Reichsstädte (Rolf Kießling, Andreas Schmauder), meines Erachtens eine brauchbare neue Begriffsprägung. Michael Maurer erkennt schon um 1800 eine Transformation kirchlicher Konfessionalität in private Religiosität des Bürgertums, die sich je länger desto mehr mit Nationalität identifizierte. In Deutschland dürfte es sich dabei freilich in erster Linie um ein protestantisches Phänomen gehandelt haben. Noch radikaler plädiert Lothar Gall mit Rekurs auf Kant für einen gewollten Bruch mit alten Strukturen und Mentalitäten, während Friedrich Wilhelm Grafs Abhandlung über die zeitgenössischen - allerdings abermals überwiegend protestantischen - Staats- und Kirchendiskurse mit Blick auf die Säkularisation eher ambivalente Einschätzungen ausmacht. Die folgenden Beiträge kehren wieder zu den historischen Vorgängen zurück. Hans-Georg Wehling stellt die nicht nur kirchenpolitische Integration der neuen Staaten Baden und Württemberg dar, Gerhard Besier die kirchliche Reorganisation in Bayern und Südwestdeutschland. Elmar L. Kuhn bietet eine gründliche religionssoziologische Untersuchung der verzögerten, seit 1970 aber rasant beschleunigten Säkularisierung des katholischen Oberschwaben bis zu den verzweifelten Versuchen der Kirche, wenigstens noch Reste zu retten. Der ganz anders gelagerte Beitrag von Wolfgang Schieder passt gut dazu, denn er stellt die Re-Klerikalisierung der deutschen katholischen Kirche im 19. Jahrhundert dar, vom Papst über die Bischöfe bis zur Kontrolle der Pfarrer über ihre Gemeinden, nachdem die "aufgeklärte" Priestergeneration des frühen 19. Jahrhunderts verdrängt worden war.

Mit zwei Aufsätzen in englischer Sprache kehrt der Band abschließend zu Grundsatzfragen zurück. In eindruckvoller Weise beantwortet Hugh McLeod die Frage, ob die Geschichte des modernen Europa ohne Berücksichtigung des Christentums geschrieben werden könne, für die Phase von 1870 bis 1960 mit einem wohlbegründeten "Nein", für die Zeit danach mit einem eindeutigen "Ja". Emilio Gentile schließlich hat ausgehend vom italienischen Faschismus Wichtiges zur Sakralisierung von Politik zu sagen, die nicht mit der ebenfalls anzutreffenden Politisierung traditioneller Religionen und Kirchen zu verwechseln ist.

Auch wenn etliche Autoren nur erneut kundtun, was sie schon immer behauptet haben, so tun sie es doch mit Niveau. Insgesamt sind die Beiträge daher überaus gehaltvoll und lehrreich. Obwohl es sich, streng genommen, einerseits nur um einen geographischen Ausschnitt aus dem Säkularisationsgeschehen handelt - bereits die anders gelagerten Befunde für das linksrheinische Deutschland werden kaum mehr als erwähnt -, andererseits natürlich das umfangreiche und hochaktuelle Thema Säkularisierung nicht erschöpfend behandelt werden kann, ist die vermittelte Information dennoch so breit und dicht, dass man fast von einer Art von Handbuch sprechen könnte. Jedenfalls legt man den Band mit reichem Erkenntnisgewinn aus der Hand.

Wolfgang Reinhard