Rezension über:

Cornelius Torp: Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860-1914 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 168), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 430 S., 11 Abb., 21 Tab., ISBN 978-3-525-35150-5, EUR 48,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Niels P. Petersson
Universität Konstanz
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Niels P. Petersson: Rezension von: Cornelius Torp: Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860-1914, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/8891.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Cornelius Torp: Die Herausforderung der Globalisierung

Textgröße: A A A

Das vorliegende Buch beruht auf Cornelius Torps Bielefelder Dissertation. Es geht der Frage nach, "ob und wie die voranschreitende weltwirtschaftliche Integration die Rahmenbedingungen und Handlungsmöglichkeiten der deutschen Politik vor dem Ersten Weltkrieg veränderte". Damit möchte Torp einen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über die Frage liefern, "inwieweit die ökonomische Globalisierung die Grundbedingungen nationalstaatlicher Politik beeinflußt" (15).

In der Einleitung grenzt sich Torp von der gängigen Behandlung der deutschen Außenhandelspolitik ab. Diese habe sich auf innenpolitische Aspekte - die "Sammlungspolitik" und die Debatte um den "Primat der Innenpolitik" - konzentriert und dabei die wirtschaftliche, insbesondere außenwirtschaftliche Dimension ebenso vernachlässigt wie die internationale Einbindung des Kaiserreichs und den Vergleich mit anderen Staaten. Methodisch orientiert er sich an der political economy, die die Analyse der "Trias von Interessen, Institutionen und Ideen" (26) erstrebt, was vor allem eine Abgrenzung gegenüber angelsächsischen, an der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft orientierten Arbeiten signalisiert.

Die im Titel angekündigte Untersuchung von "Wirtschaft und Politik in Deutschland" konzentriert sich rasch auf die Zoll- und Außenhandelspolitik. Nach einem Überblick über Formen und Bedeutung globaler wirtschaftlicher Integration am Ende des 19. Jahrhunderts (Kap. I) analysiert Torp die weltwirtschaftliche Einbindung des Kaiserreichs (Kap. II), um vor diesem Hintergrund dann die Entwicklung der deutschen Zollpolitik nachzuzeichnen, von der Freihandelsära 1860-1879 (Kap. III) über die Rückkehr zum Protektionismus 1879 (Kap. IV) und die Ära Caprivi (Kap. V) bis zum Streit um den Bülow-Tarif (Kap. VI). Fallstudien der deutschen Handelspolitik gegenüber Russland und den USA (Kap. VII) und eine pointierte Zusammenfassung beschließen die Arbeit. Die Materialbasis bildet in erster Linie die umfassend aufgearbeitete Forschungsliteratur, daneben treten punktuell ausgewertete Archivmaterialien der deutschen Ministerien, zeitgenössische Publikationen und durch eigene Berechnungen des Verfassers aufbereitetes statistisches Material.

Der Verfasser schildert das Deutsche Reich als einen Staat mit rasch wachsenden und in besonders modernen, zukunftsträchtigen Sektoren konzentrierten Exporten, der zunehmend von der Einfuhr von Getreide, Fleisch und Rohstoffen abhängig wurde. Die Interessenlage der volkswirtschaftlichen Sektoren und Branchen, die zunächst auf der Basis idealtypischer "Interessenprofile" dargestellt wird, war dabei durchaus heterogen. Während die Landwirtschaft durchweg am Schutzzoll interessiert sein musste, war die Industrie gespalten. Die eigentlich zu erwartenden intraindustriellen Interessenkonflikte kamen jedoch in der stärksten Branche, der Schwerindustrie, nicht zum Durchbruch, weil sie durch Kartelle und die vertikale Integration der Branche entschärft wurden. Dies ermöglichte die Einigung hinter einer gemäßigt protektionistischen Politik.

Torps zentrales Thema ist, wie sehr die wirtschaftliche Globalisierung die Handlungsspielräume der Regierung in der Außenhandelspolitik einschränkte. Die Freihandelsepoche (1860-79) fiel in eine Zeit, in der die ökonomische Globalisierung wesentliche Bereiche der deutschen Volkswirtschaft noch nicht erfasst hatte. Das Zusammentreffen der Globalisierung der Agrarmärkte mit der Gründerkrise und innenpolitischen Erwägungen Bismarcks bewirkte 1879 den Übergang zum Schutzzoll. Eine zentrale Rolle nehmen die Konflikte um die Handelsvertragspolitik Caprivis (1890-94) und den Bülow-Tarif (1902) ein. Caprivis Politik zielte darauf ab, dem Zusammenbruch des Systems der europäischen Handelsverträge und einem zollpolitischen "Rüstungswettlauf" vorzubeugen und so den inzwischen als lebenswichtig für die deutsche Volkswirtschaft erachteten Export zu schützen. Daher gewährte Deutschland im Gegenzug für günstigere Zölle auf deutsche Industrieexporte Erleichterungen bei den Zöllen auf landwirtschaftliche Einfuhren und akzeptierte vor allem eine langfristige Tarifbindung. Sofort nach Abschluss der Handelsverträge kam es zu einer protektionistischen Gegenbewegung, getragen nicht nur vom 1893 gegründeten Bund der Landwirte, sondern auch von industriellen Kreisen. Damit war die deutsche Außenhandelspolitik erstmals "einem doppelten Druck von zwei verschiedenen Seiten gleichzeitig ausgesetzt, der in beiden Fällen von der voranschreitenden Globalisierung ausging und den politischen Handlungsspielraum in einer Zangenbewegung zunehmend beschränkte."(202)

Die Konflikte über die Weltmarkteinbindung rückten nun die sozioökonomischen Spannungslinien der Gesellschaft des Kaiserreichs ins Zentrum der Politik und spalteten auch die Exekutive. Deshalb entbrannte über die Vorbereitung eines neuen Zolltarifs für 1902 eine der "erbittertsten, anhaltendsten und folgenreichsten Kontroversen der gesamten Geschichte des Deutschen Kaiserreichs" (211). Die "mittlere Linie", die die Regierung Bülow in diesem Konflikt verfolgte, interpretiert Torp nicht als eigenständiges handelspolitisches Konzept und auch nicht als landwirtschaftliche und schwerindustrielle Interessen versöhnende "Sammlungspolitik". Vielmehr sieht er sie als den Versuch, den hochdramatischen innenpolitischen Konflikt irgendwie zu entschärfen, der zwischen unnachgiebigen Agrariern, den Interessen einer Exportnation, und der sich durch ihr Eintreten für Konsumenteninteressen (also niedrige Zölle) neue Wählerschichten erschließenden Sozialdemokratie entbrannt war. Dabei sei es Bülow letztlich gelungen, die radikaleren Forderungen der Agrarier abzuwehren und eine den Interessen einer Exportnation entsprechende Zollpolitik durchzusetzen. Hier wie auch schon unter Caprivi vertrat die Exekutive die Anliegen der Exporteure weitaus wirksamer als deren eigene Verbände.

Das Beispiel der Beziehungen zu Russland und den USA verdeutlicht die These von den schwindenden Handlungsspielräumen der deutschen Handelspolitik: Deutschland konnte seine Ziele - Verteidigung der hohen Agrarzölle des Bülow-Tarifs und zugleich günstige Zölle für deutsche Ausfuhren - gegenüber Russland nur unter Ausnutzung von dessen Finanznot während des Krieges mit Japan 1904/1905 durchsetzen, von den USA hingegen musste man sich mangels Druckmitteln die handelspolitischen Bedingungen "diktieren" (352) lassen.

Torp erklärt die deutsche Außenhandelspolitik nicht als Ausdruck der Interessenwahrung konservativer Schichten, sondern als Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung an Gesellschaft und Politik des Nationalstaats. Als solche bewertet er sie (anders als der Rezensent) insgesamt positiv. Statt einer protektionistischen Abkehr von Caprivis Handelsvertragspolitik sieht Torp eine grundsätzliche Kontinuität von 1890 bis 1914: auch der Bülow-Tarif von 1902 habe trotz aller Zollerhöhungen die wesentlichen Interessen der Industrie berücksichtigt; der deutsche Protektionismus blieb im internationalen Vergleich moderat. Zwar seien die mehrfach erhöhten Agrarzölle zwecklose und volkswirtschaftlich schädliche Erhaltungssubventionen gewesen. Doch habe es aus Gründen politischer und gesellschaftlicher Stabilität sowie der politischen Durchsetzbarkeit keine Alternative dazu gegeben, die Verlierer der Globalisierung auf diese Weise für die auf sie fallenden Lasten einer langfristig vorteilhaften Weltmarktintegration zu entschädigen.

Damit findet man sich mitten in heutigen Debatten über den gesellschaftlichen Strukturwandel wieder - wie überhaupt die Arbeit dazu einlädt, aktuelle politische Bezüge herzustellen. In diesem Zusammenhang ist Kritik an der Ausrichtung der Arbeit angebracht: Erstens verleitet der Globalisierungsbegriff (beileibe nicht nur hier) dazu, die Eigenschaft des Nationalstaates als Schutzraum vor der Außenwelt zu betonen und die Abläufe und Ergebnisse nationalstaatlicher Politik in ein allzu mildes Licht zu tauchen - so, wenn etwa die preußischen Junker durch Einreihung in die Riege der Globalisierungsgegner geadelt (man verzeihe das Wortspiel) werden. Zweitens war Globalisierung, für Torp der zentrale, die gesellschaftlichen Konfliktlinien im Kaiserreich strukturierende Faktor, wohl ebenso oft Auswirkung oder Bestandteil umfassenderer Veränderungen wie deren Ursache. Globalisierung stellte sicherlich durch ihre hohe Symbolkraft (die auch Torp immer wieder hervorhebt) ein beliebtes Mittel dar, um allgemeine Fragen des gesellschaftlichen Wandels zu thematisieren. Doch sollte dies nicht davon ablenken, dass solche Fragen oftmals nur am Rande mit weltweiter ökonomischer Verflechtung zu tun hatten. Drittens war das Ergebnis der von Torp als Einengung der Handlungsautonomie der Regierung durch die Globalisierung (358) beschriebenen Entwicklung eine Ausweitung staatlicher Macht und Zuständigkeit, was darauf hinweist, dass "Globalisierung" im 19. und 20. Jahrhundert ein von Nationalstaaten geformter und gesteuerter Prozess war und damit gerade für die dynamischen Exportwirtschaften wie das Deutsche Reich keine rein externe "Herausforderung".

Trotz dieser politischen und theoretischen Meinungsverschiedenheiten ist abschließend festzuhalten: Dem im Schlussabsatz formulierten historiografischen Anspruch, "die zunehmende Integration der Weltwirtschaft kausal mit ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Prozessen innerhalb des Nationalstaats zu verknüpfen", wird das - übrigens leserfreundlich klar gegliederte und geschriebene - Buch überzeugend gerecht.

Niels P. Petersson