Rezension über:

Olaf Asbach: Staat und Politik zwischen Absolutismus und Aufklärung. Der Abbé de Saint-Pierre und die Herausbildung der französischen Aufklärung bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts (= EUROPAEA MEMORIA. Studien und Texte zur Geschichte der europäischen Ideen. Reihe I: Studien; Bd. 37), Hildesheim: Olms 2005, 332 S., ISBN 978-3-487-12813-9, EUR 34,80
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Rezension von:
Jörg Ulbert
Université Bretagne-Sud, Lorient
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Ulbert: Rezension von: Olaf Asbach: Staat und Politik zwischen Absolutismus und Aufklärung. Der Abbé de Saint-Pierre und die Herausbildung der französischen Aufklärung bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, Hildesheim: Olms 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/9398.html


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Olaf Asbach: Staat und Politik zwischen Absolutismus und Aufklärung

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In seinem jüngsten Buch befasst sich Olaf Asbach mit der französischen Frühaufklärung von ihrer "Inkubations-" (16, 51) und Frühphase in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis zum Übergang in die Hochaufklärung um 1750. Als Leitfaden dient ihm dabei das Leben des Abbé de Saint-Pierre, welchem er bereits eine ansehnliche Menge von Veröffentlichungen gewidmet hat. Im Kern ist der Aufbau der Arbeit chronologisch angelegt. Nur das erste und die beiden letzten der insgesamt acht Kapitel sind übergreifend gehalten. Jeder Abschnitt folgt demselben Schema. Zunächst werden in groben Zügen die Reform- und Modernisierungsbestrebungen des französischen Staatswesens beschrieben und diese dann mit den Entwicklungsstufen der Aufklärung in Beziehung gesetzt. Erklärtes Ziel ist es dabei, "aufklärerische Theorie und Praxis stets im Zusammenhang mit den politischen und sozialen Problemen und Beziehungen zu analysieren" (31). Abschließend wird das zuvor Beschriebene dann beispielhaft am langen Leben des Abbé de Saint-Pierre (1658-1743) illustriert. Dabei verfällt Asbach jedoch keinesfalls in eine rein deskriptive Aneinanderreihung biographischer Angaben, sondern orientiert sich an dem in jüngster Zeit wieder zunehmend beliebten Genre der intellektuellen Biographie. [1] Erwähnt werden also nur jene Ereignisse seines Lebens, die im direkten Zusammenhang mit dem Thema stehen.

Charles-Irénée Castel de Saint Pierre, normannischer Adliger, mit Fontenelle befreundet, seit 1695 Mitglied der Académie Française und, bevor er wieder aus ihr ausgeschlossen wurde, ihr secrétaire perpétuel, ist heute allenfalls noch einigen Kennern ein Begriff. Und das auch nur, weil sein Projet pour rendre la paix perpté uelle en Europe von 1712/13 Jean-Jacques Rousseau und Emmanuel Kant als Vorbild für gleichgeartete Schriften gedient hat. So wird er gemeinhin auch nicht zum Kreise der einflussreichsten französischen Frühaufklärer gezählt. Aber seine schriftstellerische Tätigkeit beschränkte sich mitnichten auf das bereits erwähnte Friedensprojekt. Er fertigte vielmehr Denkschriften und Projektentwürfe zu einer großen Anzahl von Themen an: etwa zum Straßenbau, zur Abschaffung der Ämterkäuflichkeit, zu Fragen der Regierungsform und Verwaltung, zur Organisation der Staatsfinanzen, zur Erziehung, zur Statistik, zu Duellen, zur Reform der Rechtschreibung sowie zu Marinefragen. In der Forschung galt Saint-Pierre ob des visionären Charakters seiner Vorschläge lange als Phantast, dessen Projekte fern jeder Realisierbarkeit ohne jeglichen Einfluss auf die Entscheidungsträger in der französischen Regierung bleiben mussten. Doch vermag Asbach überzeugend nachzuweisen, dass seine Vorschläge zwar utopisch waren (150), aber durchaus gelesen und auch verarbeitet wurden (214-215). Denn im vorrevolutionären Frankreich standen sich nicht zwei homogene Blöcke gegenüber, der eine bürgerlich, reform- und rationalisierungswillig und der andere privilegiert, konservativ und rückwärtsgewandt, wie es Habermas und Kosellek angenommen haben (287-288). Altes und Neues waren in der Schlußphase des Ancien Régime vielmehr eng miteinander verwoben. Das ist nicht zuletzt an der großen Menge von Reformen des revolutionären Frankreich zu erkennen, die bereits vor 1789 auf den Weg gebracht worden waren - auch als Reaktion auf Vorschläge Saint-Pierres. Demzufolge wohnte der Revolution auch nichts Unausweichliches inne. "Der Übergang zu den Strukturen, Institutionen und Werten der bürgerlichen Gesellschaft war [...] sehr viel widersprüchlicher und in gewisser Weise auch tiefer in den Entwicklungen und Interessenlagen der Zeit angelegt, als es eine solche dramaturgisch suggestive, aber unterkomplexe und teleologisch grundierte Auffassung nahe legt" (293).

So kann das Buch in dreierlei Hinsicht gelesen werden: sowohl als ideengeschichtliche Darstellung der französischen Frühaufklärung, aber auch als Geschichte der Reformversuche des französischen Staatswesens und nicht zuletzt als intellektuelle Biographie des Abbé de Saint-Pierre. Trotz dieser drei parallel laufenden Analysestränge gerät der Autor nie in Gefahr, sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Der Text fügt sich vielmehr zu einem homogenen Ganzen. Dem stringenten Haupttext steht zudem ein beeindruckender Anmerkungsapparat zur Seite. Dieser geht weit über die üblichen Literatur- und Quellenverweise hinaus und präsentiert sich über weite Strecken als beinahe eigenständiger Metatext, der es dem dazu gewillten Leser ermöglicht, sich sofort zusätzliche Einblicke in die Materie zu verschaffen.

Die Arbeit besticht in vielerlei Hinsicht. Der Aufbau ist klar und verständlich. Die Sprache ist elegant und verzichtet weitgehend auf die übliche, der Sache nur selten dienliche Fachprosa. Das macht das Werk breiten Interessentenkreisen zugänglich - Historikern, Philosophen, Politologen, aber auch den an solcher Stelle gern bemühten interessierten Laien. Vor allem Studenten sollte der Band ans Herz gelegt werden. Positiv hervorzuheben ist weiterhin die Kompaktheit der Darstellung, die es versteht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ein Jahrhundert französische Verwaltungs- und Geistesgeschichte in weniger als 300 Seiten Text überzeugend darzustellen. Dabei profitiert Asbach von seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema. Diese hat es ihm nicht nur erlaubt, die ausufernde Literatur zu bewältigen, sondern auch bislang nicht erschlossene Quellen einzuarbeiten.

Will man der Masse positiver Eindrücke nun negative gegenüberstellen, so gestaltet sich dieses Unterfangen schwierig. Allenfalls einige Nachlässigkeiten bei der Transkribierung französischer Quellen- und Literaturzitate könnten hier ins Feld geführt werden. Doch diese werden wohl in der nächsten Auflage - die dem Buch möglichst bald zu wünschen ist - berichtigt worden sein.


Anmerkung:

[1] Stellvertretend für viele seien hier nur die jüngst erschienenen intellektuellen Biographien von Léo Strauss (Daniel Tanguay / Léo Strauss: Une biographie intellectuelle, Paris 2003) und Alasdair McIntyre (Emile Perreau-Saussine, Alasdair MacIntyre: une biographie intellectuelle. Introduction aux critiques contemporaines du libéralisme, Paris 2005) genannt.

Jörg Ulbert