Rezension über:

Richard Winkler (Bearb.): Die handgezeichneten Karten des Staatsarchivs Bamberg bis 1780 (= Schriften zur Heimatpflege in Oberfranken; Beiheft 4), München: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns 2005, IX + 575 S., ISBN 978-3-921635-93-3, EUR 30,00
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Rezension von:
Wolfgang Wüst
Institut für Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
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Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Wüst: Rezension von: Richard Winkler (Bearb.): Die handgezeichneten Karten des Staatsarchivs Bamberg bis 1780, München: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/10269.html


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Richard Winkler (Bearb.): Die handgezeichneten Karten des Staatsarchivs Bamberg bis 1780

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Lange bevor seit den 1980er Jahren der iconic turn auch die deutschsprachige Geschichtsschreibung zu beeinflussen begann, konnte sich die Kartographie als ein interdisziplinäres, überwiegend jedoch bis heute geowissenschaftlich erforschtes Fach etablieren. Die Landes- und Archivwissenschaften, aus deren Umfeld das vorliegende Inventar entstanden ist, hatten seit jeher Anteil daran, wie er sich etwa in Bayern mit der Realisierung des Großprojektes "Historischer Atlas" seit dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Die Rückkoppelung, insbesondere herrschaftlicher, wirtschaftlicher und sozialer Fragestellungen mit konkreten Plan- und Kartenaufnahmen musste zunächst auf regionaler Ebene eingeleitet werden. Ausstellungskataloge und repräsentative Tafelwerke schufen hier wichtige Voraussetzungen. Die Kenntnis des beherrschten Raumes, die der angelsächsische Geograph Matthew H. Edney [1] 1990 auf die Formel brachte "to govern territories, one must know them", war in der Landesgeschichte traditionell eine Selbstverständlichkeit. Freilich war die Beschäftigung mit historischen Karten und Plänen dann ein zweiter Schritt, der dieses farbige Medium nicht zum Beiwerk, sondern zum Hauptwerk kürte. Hier ist, um mit Daniel Schlögls "Der planvolle Staat" [2] zu sprechen, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Pionierarbeit geleistet worden, die neben den besser erforschten Druckwerken europäischer Kartengeschichte auch das weite Feld der behördlichen Kartographie einbezog. Der Überlieferung dieses zuletzt genannten, lange vernachlässigten Wissensfeldes nahm sich nun Richard Winkler an, der für die im Wesentlichen bereits 1994 abgeschlossene Dokumentation die etwa 2.500 handgezeichneten Karten und Pläne im Staatsarchiv Bamberg Blatt für Blatt sichtete.

Die letztlich 624 aufgenommenen Inventarnummern umfassen zum größten Teil die Bestände des 1802/03 säkularisierten Hochstifts Bamberg und des erst 1810 an das Königreich Bayern gefallenen hohenzollerischen Fürstentums Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth. Ein zahlenmäßig geringerer Anteil der verzeichneten Karten stammt aus landsässigen Klöstern und Stiften, die, soweit sie im Bamberger Hochstiftsgebiet lagen, ebenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts säkularisiert wurden. Und eine keinesfalls als quantité négligeable zu betrachtende Gruppe kam aus Nachlässen hinzu. Hier sind in erster Linie über 500 Karten und Pläne aus dem Erbe des 1903 verstorbenen Bamberger Sammlers Emil Freiherr Marschall von Ostheim und die zahlenmäßig zwar geringen, aber überlieferungsgeschichtlich sehr wertvollen Stücke aus dem Erbe des Bamberger Zeichenlehrers und Geschichtsschreibers Joseph Martin von Reider († 1862) zu nennen.

Vorarbeiten, auf die sich der Verfasser bei seiner Grundlagenforschung stützen konnte, gab es für die Rekonstruktion der aus dem fürstbischöflichen und domkapitelschen Archiv stammenden Bestände so gut wie keine, während die Karten aus Brandenburg-Kulmbach-Bayreuthischer Provenienz sich bereits seit der Mitte des 17. Jahrhunderts des Interesses der Registratoren erfreuen durften. Hier lagen aus den Jahren 1661-1781 listenartige Verzeichnisse (designationes) vor, die die damals bereits separat gelagerten Bestände der "Geheimen Registratur" und des "Geheimen Archivs" zu Bayreuth mit unterschiedlicher Genauigkeit beschrieben. Allerdings kam einschränkend die Tatsache hinzu, dass wesentliche Teile der Karten und Pläne zur Zeit der nach aufgeklärten Prinzipien vorgenommenen frühen Inventarisierung noch außerhalb der Archive in den dezentralen Registraturen lagerten. Nur etwa ein Drittel des Bestandes befand sich schon zur Zeit des Ancien Régime in den geordneten Plansammlungen der Geheimen Archive.

Die nach einer einheitlichen, 15 Punkte umfassenden Systematik vorgenommene Neuverzeichnung konnte sich also nur zum Teil auf mitunter disparate Vorarbeiten stützen. Vieles musste zeitaufwändig in Augenschein genommen werden, und dabei gab es kaum Vorbilder, da das 1998 von Peter Fleischmann [3] abgeschlossene Inventar der handgezeichneten Karten im Staatsarchiv Nürnberg zwar früher im Druck erschien, aber erst nach Abschluss des Bamberger Manuskripts zur Verfügung stand.

Im einzelnen sind die Karten und Pläne nach Inventarnummer und Kartentitel (1), dem Entstehungsdatum (2), dem Fertiger (3), Anlass und Zweck der Darstellung (4), Darstellungsweise (5), Darstellungsgegenstand (6), Ortsansichten (7), Begrenzung (8), Orientierung (9), Maßstab (10), kartographischem Beiwerk mit Dekor und Staffagen (11), Provenienz (12), Entstehungsstufe und äußerer Form (13), Archivsignatur (14) und schließlich Literatur und Abbildungsnachweisen (15) verzeichnet. Soweit Nachlässe betroffen waren, wurde bei der Provenienz-Stelle weiter recherchiert, so dass für diese Karten auch die Vorprovenienzen aufgenommen werden mussten.

Richard Winklers Grundlagenforschung wird für viele Adressaten interessant sein. Interdisziplinär wird man sich nun für die ausgewählte fränkische Region auf historische Anschaulichkeit verlassen können. Einzelbefunde, wie etwa das Œuvre des Banzer Benediktiner und Bamberger Mathematikprofessors Johann Baptist Roppelt (1744-1814) können nunmehr in einen größeren Kontext eingeordnet werden. Roppelt, der in der Aufklärung die Kartographie bereits einem gestalterischen Höhepunkt in atemberaubender mathematischer Präzision zuführte, und viele andere, weit weniger bekannte Meister ihres Faches werden auch bei überregionalen Forschungen neu entdeckt werden. Es bleibt zu hoffen, dass auch unterhalb der Ebene der Reichskammergerichtsprozesse die Drittmittelförderung für archivisch landeshistorische Grundlagenforschung in Zeiten limitierter Finanzressourcen weiterhin gewährleistet bleibt. Für den Band Bamberg jedenfalls kam die Finanzhilfe aus der Stiftung des Bezirks Oberfranken fast zu spät.


Anmerkungen:

[1] Matthew H. Edney: Mapping and Empire. The geographical construction of British India 1765-1843, Chicago / London 1997.

[2] Daniel Schlögl: Der planvolle Staat. Raumerfassung und Reformen in Bayern 1750-1800 (= Schriftenreihe zur Bayerischen Landesgeschichte; 138), München 2002.

[3] Peter Fleischmann: Die handgezeichneten Karten des Staatsarchivs Nürnberg bis 1806 (= Bayerische Archivinventare; 49), München 1998.

Wolfgang Wüst