Rezension über:

Hansmartin Schwarzmaier: Baden. Dynastie - Land - Staat, Stuttgart: W. Kohlhammer 2005, 304 S., ISBN 978-3-17-018551-7, EUR 19,80
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Eva Maria Werner
Institut für Geschichte, Universität Innsbruck
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Eva Maria Werner: Rezension von: Hansmartin Schwarzmaier: Baden. Dynastie - Land - Staat, Stuttgart: W. Kohlhammer 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/8651.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Hansmartin Schwarzmaier: Baden

Textgröße: A A A

Eine Geschichte Badens vom Mittelalter bis zur Gründung Baden-Württembergs vor gut fünfzig Jahren in ein Taschenbuch von 253 Textseiten zu fassen, scheint ein mutiges Unterfangen. Doch Hansmartin Schwarzmaier, der spätestens durch seine Herausgebertätigkeit für das Handbuch der baden-württembergischen Geschichte [1] ein überregional bekannter Fachmann auf diesem Gebiet ist, kann als ehemaliger Leiter des Generallandesarchivs in Karlsruhe aus langen Jahren der Arbeit direkt am "Quellenarsenal der badischen Geschichte" (7) schöpfen, so dass ein gelungener Band zu erwarten war.

Bereits mit dem Untertitel "Dynastie - Land - Staat" deutet Schwarzmaier sein Vorgehen an: Während es zunächst gilt, die Wurzeln einer fürstlichen Familie - benannt nach der im 10. Jahrhundert errichteten Burg oberhalb der Siedlung Baden-Baden - zu ergründen und ihren Herrschaftsaufbau nachzuzeichnen, konzentriert sich der Autor im Laufe des Spätmittelalters auf das entstehende "Land" - die Markgrafschaft - Baden. Ihren Weg zur modernen Staatlichkeit, sprich zur Entstehung des "Staates" Großherzogtum Baden 1806, betrachtet Schwarzmaier im weiteren Verlauf und zeichnet die Entwicklung fort bis zum Jahre 1952.

In der Frühzeit ist es Schwarzmaier vor allem wichtig, die Verbindungen des Hauses Baden zu den wesentlich bekannteren Zähringern offenzulegen, mit deren Geschichte es untrennbar verbunden ist. Stets der Chronologie verhaftet, führt er hin zu dem Machtgewinn durch die Einbeziehung der Badener in den staufisch-zähringischen Ausgleich 1098. Ab jetzt könne man von den Markgrafen von Baden sprechen (54). 300 Jahre später ist mit Markgraf Bernhard I. (gestorben 1431) die Schlüsselfigur in der badischen Geschichte benannt, der das Gebiet "zu einem modernen Staatswesen ausbauen konnte" (101) - dies wohl eine doch zu weit reichende Formulierung.

Die Einbindung Badens in das Reich illustriert Schwarzmaier überzeugend beispielsweise durch die Schilderung der Mainzer Stiftsfehde 1461, als durch die Niederlage der kaiserlichen Koalition gegen den pfälzischen Kurfürsten auch die badischen Markgrafen vor dem Ruin standen. Doch konnte die Krise durch den Gewinn der Herrschaft Rötteln, den "für die Zukunft des badischen Hauses bedeutendsten Besitzerwerb" (111), bereits 1503 überwunden und eine ganz neue Bedeutung am südlichen Oberrhein erworben werden.

Eine wichtige Rolle im Prozess des Herrschaftsaufbaus, dies macht der Autor sehr deutlich, spielte durch die Zeiten hindurch die Frage der Erbteilungen. Zwar war im Heidelberger Vertrag von 1380, einem "Kerndokument der badischen Geschichte" (99), festgelegt worden, dass die Markgrafschaft in nicht mehr als zwei Linien geteilt werden dürfe. Dennoch kam es 1515 kurzzeitig sogar zu einer Dreiteilung, bevor 1535 die Herrschaft an die beiden verschieden konfessionellen, in der Folgezeit rivalisierenden Linien Baden-Baden und Baden-Durlach ging, ein Zustand, der bis 1771 Bestand haben sollte.

Bis hierhin gelingt es Schwarzmaier gut, die badische Geschichte mit der Reichsgeschichte zu verknüpfen. Höhepunkte der Darstellung, welche die teilweise etwas langatmige Genealogie unterbrechen, sind lebendige Schilderungen wie die der Hochzeit des Erbprinzen Magnus 1670 (138-142), die dem Leser Baden auch aus kulturgeschichtlicher Perspektive näher bringen.

Mut zur Lücke ist bei der Aufgabenstellung einer Geschichte Badens im Taschenbuchformat von Nöten, doch es fällt rasch auf, dass Schwarzmaiers Forschungsschwerpunkt nicht in der Neuzeit liegt. Ausführlich wendet sich der Autor zwar noch den Umwälzungen der napoleonischen Zeit zu, die Baden zu großen Gebietsgewinnen und dem Aufstieg zum Großherzogtum verhalf. Sehr hilfreich ist das nach Territorien gegliederte Kapitel, das die Neuerwerbungen im einzelnen betrachtet. Hier vermisst man lediglich einen Hinweis auf den 2003 erschienenen Ausstellungskatalog zum Übergang der Kurpfalz an Baden 1803. [2]

Die Zeit von 1914 bis 1945 allerdings handelt Schwarzmaier auf gerade einmal zehn Seiten ab. Betrachtet man das 19. Jahrhundert, aus dem Badens Ruf als liberales "Musterländle" stammt und das daher von besonderem Interesse sein sollte, kommt auch dieses so kurz, dass das Buch an Wert für ein überregionales Leserpublikum verliert. Insbesondere spielt hierbei die Geschichte Badens im Vormärz für den Autor offenbar nur eine marginale Rolle. So werden weder der Inhalt der Verfassung von 1818 noch der des liberalen Pressegesetzes von 1831, das noch jahrzehntelang als vorbildhaft galt, ausführlich erläutert. [3] Auch sind Behauptungen wie etwa, dass nur in Baden in der Revolution von 1848 "eine demokratische Bewegung" (217) entstanden sei, nicht korrekt und erwecken den Eindruck, es ginge hier um die Profilierung der eigenen Heimat.

Statt dessen wünscht man sich des öfteren, Schwarzmaier hätte bei seinen allgemeinen Belehrungen Platz gespart. Ob der Investiturstreit, die Bedeutung des Namens "Fortunatus" oder die mehrfach ausgeführte Tatsache, dass es im Mittelalter keine Liebesheiraten gab - alles scheint ihm der Erläuterung wert. Dieser Stil mag allerdings dem Leser, der sich schlichtweg über die Geschichte seiner Heimat informieren will, entgegenkommen. Seinen Bedürfnissen entsprechen sicherlich auch die knappe Literaturauswahl im Anhang, die ein Weiterlesen leicht möglich macht, und die "sehr sparsam eingesetzten Fußnoten", die dezidiert "nicht die gesamte wissenschaftliche Diskussion um vielfach komplizierte und kontroverse Probleme" (268) beinhalten sollen. Dafür wird er sich mehr am Druckbild des Bandes stören: Die in kleiner Schriftgröße eng bedruckten Seiten werden nur selten von Karten unterbrochen, abgesehen von vier Stammtafeln im Anhang sucht man andere Abbildungen vergeblich.

Insgesamt ist festzuhalten, dass Schwarzmaier ein kompaktes und leicht verständliches Handbuch zur Geschichte Badens geschrieben hat, welches seine Stärken vor allem im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit hat. Hier kann es in erster Linie interessierten Badenern einen umfangreichen Einblick in die Geschichte eines Landes geben, das - so Schwarzmaier - heute zu den Größen zählt, die zu "virtuellen Räumen" (264) geworden seien.


Anmerkungen:

[1] Hansmartin Schwarzmaier u.a. (Hg.): Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, 5 Bde., Stuttgart 1992-2004.

[2] Armin Kohnle (Hg.): "... so geht hervor ein' neue Zeit". Die Kurpfalz im Übergang an Baden 1803, Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel 2003.

[3] Für solcherlei zentrale Informationen zur badischen Geschichte des 19. Jahrhunderts sei daher verwiesen auf die fast zeitgleich erschienene "Kleine Geschichte des Großherzogtums Baden 1806-1918" von Frank Engehausen (Karlsruhe 2005), die hier mehr als eine Ergänzung bietet. Vgl. dazu auch die Rezension http://www.sehepunkte.de/2006/03/10110.html.

Eva Maria Werner