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Jürgen Zarusky: Neuerscheinungen zu Stalin. Einführung, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
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Neuerscheinungen zu Stalin

Einführung

Von Jürgen Zarusky

Auf vielen Gebieten hat der Stalinismus nur Mangel erzeugt - bei den Nahrungsmitteln, bei Konsumgütern, beim Wohnraum, von den Freiheitsrechten ganz zu schweigen. Kein Mangel herrschte indes schon zu seinen Lebzeiten an Biographien über Josef Stalin. Soweit er selbst die Kontrolle darüber ausüben konnte, fallen die entsprechenden Veröffentlichungen in das Genre der Hagiographie, wie etwa das kilo-schwere illustrierte Monumentalwerk "Stalin", das 1939 rechtzeitig zu seinem 60. Geburtstag in Moskau erschien. In Frankreich war schon 1935 der kommunistische Schriftsteller Henri Barbusse mit einer Eloge auf Stalin und die Bolschewiki hervorgetreten, seinem letzten Werk. Doch auch scharfe Kritiker Stalins und seiner Politik betätigten sich bereits in den 30er Jahren als Biographen. Boris Souvarine, einer der Begründer der französischen kommunistischen Partei, der, nicht zuletzt nach jahrelangen russischen Erfahrungen, mit der KP gebrochen hatte, ohne seinen Traum von einem freiheitlichen Kommunismus aufzugeben, beschrieb 1935 Stalin als reaktionären Totengräber der Revolution. Ähnlich stellte ihn wenige Jahre später sein unterlegener politischer Rivale Trotzki dar, den mit Stalin eine intensive Hassbeziehung verband. Trotzki, damals schon im Exil in Coyoacán im Süden von Mexiko-Stadt, konnte sein Werk nicht mehr ganz fertig stellen: Am 20. August 1940 brachte ihm der stalinistische Killer Ramon Mercader, der unter falscher Identität sein Vertrauen erworben hatte, mit einem Eispickel eine Schädelverletzung bei, der er einen Tag später erlag. Mercader erhielt dafür noch 1960, nachdem er seine Haftstrafe in Mexiko abgesessen hatte, die Auszeichnung "Held der Sowjetunion".

Waren Souvarines und Trotzkis Arbeiten Bestandteil der Debatte innerhalb der Linken, so war es dem Publizisten Emil Ludwig mit seiner Stalin-Serie, die ab Ende 1941 in der US-amerikanischen Zeitschrift "Liberty Magazine" erschienen war, darum gegangen, den Amerikanern Sowjetrußland näherzubringen und das Kriegsbündnis gegen Hitler zu stärken. Bei seiner 1945 als Buch erschienenen Darstellung, die trotz deutlich apologetischer Tendenzen im Kreml nicht gutgeheißen wurde, konnte er sich auch auf ein dreistündiges Interview stützen, das ihm der Generalsekretär 1931 gegeben hatte. Kritischer fiel die 1949 erschienene Stalin-Biographie des mit Trotzki sympathisierenden Isaac Deutscher aus. Drei Jahre nach Stalins Tod wurden dann auch in der Sowjetunion seine Persönlichkeit und der Kult um dieselbe in ein kritischeres Licht gerückt - von Nikita Chruschtschow mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956. Im Oktober 1961 musste dann sogar der Leichnam des "Vaters der Völker" vom Lenin-Mausoleum zur Kremlmauer umziehen.

Die Entstalinisierung hatte indes Grenzen, wie etwa der dissidierende - wiewohl leninistische! - russische Historiker Roy Medwedjew erfahren musste, dessen Studie über den Stalinismus bis zur Perestrojka nur im Westen erscheinen konnte. Dort lagen nach dem Krieg die Zentren der Stalin- und Stalinismusforschung in den USA. Auf Trotzkis Papiere, auf das im Krieg gegen die Sowjetunion von deutschen Einheiten erbeutete Smolensker Archiv, auf die Erinnerungen Chruschtschows, von Stalins Tochter Swetlana und anderer sowie natürlich auf eine Fülle veröffentlichter Dokumente konnte dabei zurückgegriffen werden. Auch auf dieser begrenzten Quellenbasis konnten bedeutende Werke entstehen, wie die Bücher von Adam Ulam "Stalin. The Man and His Era" (1973) und Robert C. Tucker "Stalin as a Revolutionary, 1879-1929" (1973) und "Stalin in Power: the Revolution from Above 1928-1941" (1990) gezeigt haben. Der zweite Band von Tuckers Stalin-Biographie ist unmittelbar vor der Öffnung der russischen Archive erschienen, mit der die Forschung ein neues Zeitalter betrat. Als eine Art Vorbote dieser Epoche trat 1989 der sowjetische Militärhistoriker Dmitrij Volkogonov auf den Plan, dessen "politisches Porträt" Stalins wegen des damals noch exklusiven Quellenzugangs des Autors geradezu als Sensation galt. In Deutschland ist dieses Buch parallel in einer DDR- und einer bundesdeutschen Ausgabe erschienen.

Seit der russischen "Archivrevolution" ist eine Menge über die Ära Stalins geschrieben worden. Die jüngste Entwicklung zeichnet sich dabei durch ein verstärktes biographisches Interesse aus. Das hängt wohl damit zusammen, dass entgegen früheren revisionistischen Thesen die zentrale Rolle Stalins in allen grundsätzlichen (und vielen nebensächlichen) politischen Entscheidungen inzwischen belegt ist, und natürlich mit der erweiterten Zugänglichkeit von Quellen - so sind beispielsweise Teile des Schriftwechsels mit Molotov und Kaganovič publiziert worden [1], und der Stalinfond ist zu erheblichen Teilen der Forschung zugänglich gemacht worden -, und schließlich ging auch vom 50. Todestag des Diktators am 5. März 2003 eine inspirierende Wirkung auf Konferenz- und Publikationsaktivitäten aus. [2] Richtet man den Blick auf Russland, so muss hinzugefügt werden, dass dort auch eine eigentümliche, seit Jahren anwachsende Stalin-Nostalgie von Bedeutung ist, die vor der akademischen Historiographie keineswegs halt macht. Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll und angezeigt, im Forum der sehepunkte eine Momentaufnahme der aktuellen Stalinforschung zu präsentieren. Vollständigkeit ist dabei kaum erreichbar und auch nicht angestrebt worden. Die Auswahl berücksichtigte vor allem die wichtigsten und leicht zugänglichen deutsch- und englischsprachigen Werke, die seit dem Jahrestag von Stalins Tod erschienen sind. Doch auch auf die russische Forschungsdebatte über Stalin richtet sich zumindest ein kurzer Blick.

Die schlaglichtartige Beleuchtung auf eine Reihe der jüngsten einschlägigen Publikationen erscheint uns hinsichtlich neuester Erkenntnisse und jüngster Trends aufschlussreich.

Anmerkungen:

[1] Lars T. Lih, Oleg Naumow, Oleg Chlewnjuk (Hrsg.): Stalin - Briefe an Molotow 1925-1936. Berlin 1996. O.V. Chlevnjuk, R. U. Dėvis, L. P. Košeleva, Ė. A. Ris, L. A. Rogovaja (Hrsg.): Stalin i Kaganovič - Perepiska. 1931-1936 gg. Moskau 2001.

[2] In diesen Zusammenhang gehört auch der vom Verfasser herausgegebene Sammelband "Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung", München 2006, der hier naturgemäß nicht weiter behandelt wird.

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