Rezension über:

Joop W. Koopmans (ed.): News and Politics in Early Modern Europe (1500 - 1800) (= Groningen Studies in Cultural Change; Vol. XIII), Leuven: Peeters 2005, xxi + 269 S., ISBN 978-90-429-1623-4, EUR 45,00
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Rezension von:
Johannes Arndt
Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Arndt: Rezension von: Joop W. Koopmans (ed.): News and Politics in Early Modern Europe (1500 - 1800), Leuven: Peeters 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/03/12269.html


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Joop W. Koopmans (ed.): News and Politics in Early Modern Europe (1500 - 1800)

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Der Sammelband ging aus einer Tagung hervor, die im Oktober 2003 in Groningen stattfand. Dort wird seit mehreren Jahren ein internationaler Forschungsschwerpunkt gebildet, der sich mit "kulturellem Wandel" in unterschiedlichen Zeitaltern von der Antike bis zur Gegenwart befasst. In dreizehn Beiträgen werden die Wechselbeziehungen zwischen politischer Macht und medialer Politikvermittlung während der Frühmoderne untersucht. In der Mehrzahl wählen die Verfasser nationale Ausgangspunkte, doch vielfach zeigt sich, dass das Medienwesen übernational agierte und daher die Themenbehandlung diesem Umstand zu folgen und über die Grenzen zu blicken hat.

In einem einführenden Essay zeichnet Jeremy Popkin den Aufschwung der frühmodernen Mediengeschichtsschreibung in den vergangenen Jahrzehnten. Er sieht um 1700 eine "moderne" Debatte über die Rolle der Zeitungen in der Öffentlichkeit entstehen und zitiert als wichtigsten Vertreter Kaspar Stieler, dessen "Zeitungs Lust und Nutz" 1695 in Erstausgabe erschien. Die folgenden drei Beiträge richten den Blick auf die Flugschriftenproduktion des Reformationsjahrhunderts. Brendan Dooley weist darauf hin, dass noch große Bestände an handschriftlichen Zeitungen unbearbeitet sind, etwa im Archiv der Medici in Florenz, die ein Netzwerk an Informanten in ganz Europa unterhielten. Neuerdings werden Teile dieser Hinterlassenschaft digitalisiert und damit einem breiterem Fachpublikum geöffnet.

Als eigene Mediengattung stellt Minou Schraven die Funeralwerke vor, die in den größeren Gattungszusammenhang der Festbücher einzuordnen sind. Wie bei anderen großen zeremoniellen Ereignissen - königliche und fürstliche Übergangsfeste sowie feierliche Einzüge, Wahlen und Krönungen - wurde auch in dieser Gattung das Procedere der hochadligen Begräbnisse für beteiligte Zeitgenossen und Nachwelt detailliert festgehalten, oft in Wort und Bild. Vincent van Zuilen präsentiert einige Antwerpener Nachrichtenbriefe, die eine propagandistische Zielrichtung hatten, die Einheit der 17 Provinzen beschworen, die nordniederländischen Aufständischen als Rebellen diffamierten und den baldigen Sieg der spanisch-katholischen Seite in Aussicht stellten.

Die folgenden fünf Beiträge legen ihren Schwerpunkt auf das 17. Jahrhundert. Paul Arblaster untersucht die Zensurpraxis der südniederländischen Behörden. Da Spanien kaum Mittel für eine wirkungsvolle Medienkontrolle investierte, ergaben sich erstaunliche Spielräume für findige Verleger. Dies änderte sich zwischen 1684 und 1691, als der Umstand kaschiert werden musste, dass Spanien zusammen mit England und später mit dem nordniederländischen Generalstatthalter und englischen König Wilhelm III. von Oranien gegen seinen Amtsvorgänger Jakob II. kooperierte. Natasja Peeters stellt den Besuch des portugiesischen Prinzen Ludwig Wilhelm 1625 in Antwerpen und Brüssel vor. Dieses Ereignis füllte die Zeitungen von Abraham Verhoeven im Mai 1625, zumal nicht nur Festlichkeiten, sondern auch der Verzicht des Prinzen und seiner Familie auf portugiesische Kronansprüche verhandelt wurden.

Henk Gras zeigt, dass das englische Theater als "neues Medium" eine ähnliche Unterhaltungsfunktion besaß wie das Fernsehen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es war Freizeitspaß und gleichzeitig Fenster zur Welt. In vielfältiger Weise kommentierte das Theater bekannte politische Ereignisse und förderte damit das Räsonnement der Zuschauerschaft lange vor Beginn der Hochaufklärung. Angela McShane Jones verweist die ältere Zuschreibung, englische "broadside-ballads" seien die Vorläufer der Zeitungen, in den Bereich der Fabeln. Ihre Bedeutung lag eher auf der Unterhaltung als auf der Nachrichtenvermittlung, wobei ihre Attraktivität zunahm, wenn sie - mit Meinung aufgeladen - zu aktuellen politischen Prozessen Stellung nahmen. Geert Janssen untersucht das personale und informationelle Patronagenetz, durch das Statthalter Wilhelm Friedrich von Nassau seinen Einfluss auf die öffentliche Meinung und das politische Tagesgeschäft sicherte. Zu diesen Informanten gehörten nicht nur adlige und bürgerliche Klienten, sondern auch kommerzielle Nachrichtenhändler.

Vier weitere Artikel handeln von der Medienberichterstattung im Aufklärungsjahrhundert. Donald Haks fragt nach der Rolle der Druckmedien in der niederländischen Republik während des Spanischen Erbfolgekrieges. Er weist nach, dass Politiker wie Ratspensionär Anthonie Heinsius oder Statthalter Wilhelm Friedrich geringfügig schneller informiert waren als die niederländischen Periodika. Neben Zeitungen untersucht Haks Flugschriften, Regierungsdokumente und "News Books" wie den in Amsterdam verlegten "Europische(n) Mercurius", die wir als historisch-politische Zeitschriften bezeichnen würden. Joop Koopmans fragt nach Methoden der Nachrichtenbeschaffung und Medienverbreitung in Europa, ein bislang eher vernachlässigtes Thema. Die Medienproduktion war in allen Ländern von großen Restriktionen geprägt. Einen grundlegenden Wandel kann Koopmans während der Frühmoderne nicht erkennen. Kriege und extreme Wetterlagen konnten das Postwesen, das der Presse zugrunde lag, vorübergehend blockieren. Weiterhin bestimmten die Entfernungen die Schnelligkeit der Berichterstattung.

Rietje van Vliet stellt den Kampf des Buchhändlers und Autors Elie Luzac mit dem Zensursystem der Stadt Leiden in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Luzac befand sich als Orangist während der Patriotentumulte in Leiden in einer Minderheitenposition und trat daher entschieden für Pressefreiheit ein, auch wenn er Verleumdungs- und Diffamierungskampagnen weiterhin verboten wissen wollte. Marcel Broersma stellt fest, dass auch nach der Niederschlagung der Patriotenbewegung 1787 die innenpolitische Berichterstattung wesentlich breiter vorgenommen wurde als vor den 1780er Jahren. Statthalter Wilhelm V. setzte weniger auf Zensur als viel eher auf diskrete Manipulation der Berichterstattung, um seine Position zu wahren und die Ruhe im Land zu erhalten.

In den Beiträgen wird das Verhältnis von politischer Macht und der Berichterstattung darüber nicht mehr als konfrontativ, sondern als kooperativ gekennzeichnet, ohne dass undistanzierte Hofberichterstattung die Folge gewesen wäre. Beide Seiten benötigten einander, für die Medienmacher lieferten die Fürsten und Magistrate samt ihren Streitkräften erst den Stoff, über den berichtet wurde, für die Regierungen und die Lesefähigen brachten die Zeitungen den ständig fortgeschriebenen Überblick über den Kontinent, was früher nur durch teure Informanten zu haben war und nun preiswerter wurde. Die Zensurpraxis war weit weniger drückend als die Zensurnormen, nur in Krisenzeiten und bei der Behandlung neuralgischer Themen wurde durchgegriffen. Das Verbot der Berichterstattung war in keinem Beitrag von Belang, viel mehr Mühe wurde von fürstlicher Seite darauf verwendet, Selbstdarstellung bis hin zur Manipulation zu betreiben, um in der Presse eine gute Figur abzugeben.

Der Sammelband ist schön geraten, und die einzelnen Beiträge fügen dem entstehenden Gesamtbild frühmoderner politischer Berichterstattung manch neues und interessantes Mosaiksteinchen hinzu. Dankenswerterweise wird die gesamte Frühe Neuzeit aufgearbeitet, nicht bloß die Reformationszeit oder die Hochaufklärung wie in manchen anderen Publikationen. Auch wenn Europa im Titel des Buches steht, so dominieren doch die Generalstaaten, die Spanischen Niederlande und England, am Rande geraten Portugal und Italien in den Blick. Frankreich und das Heilige Römische Reich hingegen sind nicht durch eigene Beiträge vertreten, die einschlägigen Forschungen beispielsweise aus dem Umfeld der Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung "Deutsche Presseforschung" an der Universität Bremen werden auch nicht in der Bibliografie erwähnt.

Da mag man den Veranstalter ermuntern, dass er weitere Tagungen planen möge, um diese und andere Länder ebenfalls am "Haus Europa" hinsichtlich der Medienhistoriografie teilhaben zu lassen. Positiv ist zu vermerken, dass der Band reichlich mit Kupferstichen versehen ist und - selten bei Tagungsbänden - über eine ausgezeichnete Gesamtbibliografie sowie über ein Register der erwähnten Personen und der verwendeten ephemeren und periodischen Druckschriften verfügt.

Johannes Arndt