Rezension über:

Jürgen Heyde: Geschichte Polens (= C.H. Beck Wissen; Bd. 2385), München: C.H.Beck 2006, 128 S., ISBN 978-3-406-50885-1, EUR 7,90
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Rezension von:
Leszek Zygner
Polnische Historische Mission am Max-Planck-Institut für Geschichte, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Leszek Zygner: Rezension von: Jürgen Heyde: Geschichte Polens, München: C.H.Beck 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4 [15.04.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/04/10355.html


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Jürgen Heyde: Geschichte Polens

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Der Band gibt einen Überblick über die Geschichte Polens von den mittelalterlichen Anfängen bis zur Integration in die Europäische Union. Der Autor des Bandes, Jürgen Heyde, lehrt seit 2003 am Institut für Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zuvor war er fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau tätig. Bestimmt hat ihm diese Zeit des Aufenthalts in Polen geholfen, sich ein individuelles Bild der Geschichte Polens zu verschaffen. Der Leser erhält Informationen zum Thema der Geschichte Polens sozusagen in Tablettenform. Der Autor schreibt kurz, aber präzise über die wichtigsten Ereignisse der polnischen Geschichte, mit einer besonderen Akzentuierung der Zeit der Teilungen im 19. Jahrhundert, welcher den umfangreichsten Teil des Bandes bildet. Doch ausdrücklich zu kurz wendet er sich der Epoche des Mittelalters und der Geschichte Polens im 20. Jahrhundert zu - einem Zeitraum, der die Deutschen eben wegen der deutsch-polnischen Beziehungen in dieser Phase am meisten interessiert.

In den einzelnen Kapiteln liefert Heyde eine kurze aber präzise Geschichte der Slawen in Mittel- und Osteuropa, die teilweise bis auf das 6. Jahrhundert zurückgeht, wie es die quellenkundlichen Belege griechischer und lateinischer Autoren beweisen. Es folgen die Entstehungsgeschichte der ersten Herrscherdynastie des Landes, der Piasten, sowie das Voranschreiten der Christianisierung mit anschließender Königstaufe im Jahre 1025, welche Polen als einen eigenständigen Partner in den Kreis der europäischen Königreiche eingereiht hat. Weiter behandelt der Autor die Zeit der Teilfürstentümer, des Landesaufbaus und der Kolonisation sowie die Zeit der Vereinigung der polnischen Länder unter König Władysław Łokietek. Die nächsten Kapitel befassen sich mit dem 14. und 15. Jahrhundert und sind der Herrscherzeit Kasimirs des Großen, der Anjou-Dynastie und der ersten Jagiellonen gewidmet.

Besonders wendet sich der Autor den Anfängen der polnisch-litauischen Union und dem Konflikt mit dem Deutschen Orden zu. In dem Kapitel zeigt er die Jagiellonenmonarchie in einer sehr anregenden Weise als ein multiethnisches und multikonfessionelles Großreich. Danach geht Heyde auf das 16. Jahrhundert ein, das so genannte Goldene Zeitalter in der Geschichte Polens. Bedacht wird auch die politische und soziale Struktur des Königreiches und die Bedeutung der Union zwischen Polen und Litauen, die in Lublin 1569 begründet wurde. Heyde erwähnt auch die Reformationsbewegung, die in Polen andere Schwerpunkte aufwies als in den deutschen Territorien. Er stellt die Erneuerung der katholischen Kirche dar und zeichnet das Bild Polens im 16. Jahrhundert als das eines Landes ohne Scheiterhaufen.

Für die Geschichte Polens im 17. Jahrhundert werden folgende Aspekte erörtert: die außenpolitischen Weichenstellungen und die neuen Konflikte, das Wahlkönigtum und der Aufstieg der Magnaten, die militärische Bedrohung und innere Krise seit der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das anschließende Kapitel zeigt Polen im 18. Jahrhundert als ein Land zwischen den Fronten der Expansionspolitik Preußens und Russlands, was in die späteren Teilungen mündete (1772; 1793; 1795). Zur Sprache kommen auch Themen der Aufklärung und der Reformdiskussionen in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Mit dazu gehören neue Strömungen wie der Chassidismus und die jüdische Aufklärung (Haskalah) sowie die traditionellen Strukturen der jüdischen Bevölkerung in Polen.

Die nächsten drei Kapitel betreffen die Zeit der Teilungen Polens. Diskutiert werden politische Themen (darunter die Bedeutung der napoleonischen Ära, polnische Aufstände im 19. Jahrhundert, die Bedeutung der "Großen Emigration", die ersten modernen Parteien und die polnische Frage im Ersten Weltkrieg), sozial-demographische Probleme (darunter Modernisierung der polnischen Gesellschaft, die jüdische Bevölkerung auf dem Weg zur Emanzipation, Bevölkerungswachstum, neue soziale Gruppen und Migration) sowie die Bedeutung der Kirche für die Idee der Wiedergeburt des Landes, neue Ideenströmungen ("polnischer Messianismus" und "organische Arbeit") und die moderne Nation im Bewusstsein der Bevölkerung und der Kunst.

Im vorletzten Kapitel geht der Autor auf das Thema der 2. Republik ein (1918-1939) und ihr Ende im Zweiten Weltkrieg. Folgende Themen werden besprochen: der Kampf um die Grenze (1918-1922), politische und soziale Strukturen der 2. Republik, die Außenpolitik Polens in der Zeit zwischen den Weltkriegen, die Situation polnischer Länder während des Zweiten Weltkriegs, der Völkermord an den Juden und die Selbstbehauptung der Nation. Das letzte Kapitel ist der Zeit der Volksrepublik Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Systemwandel und der wirtschaftlichen Transformation nach 1989 und, in aller Kürze, der Weiterentwicklung Polens seit 1991 gewidmet.

Am Ende des Buches befinden sich eine Liste der ausgewählten Literatur und ein Personenregister. Das Buch enthält drei Karten zum Jagiellonenreich, zu den Teilungen Polen-Litauens und zu Polen 1939-1945. In der Arbeit wird die Geschichte Polens als eines multikonfessionellen und multiethnischen Landes gezeigt. Einen umfangreichen Teil nimmt die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Polen ein, was teilweise zu einem Ungleichgewicht in der Darstellung führt. Am meisten fällt es bei der Beschreibung des Zweiten Weltkrieges auf, wo der Autor ein ganzes Unterkapitel dem Völkermord an den Juden widmet, doch nur in einem Satz auf die 14.000 Kriegsgefangenen, polnischen Offiziere im Wald bei Katyń und weitere Opfer, auch an anderen Orten, eingeht. Zwar erfährt der Leser von der Zahl der Opfer polnischer Juden in dem sowjetisch besetzten Ostpolen und weiterhin unter der deutschen Herrschaft. Doch er erfährt nichts von der Zahl der polnischen Opfer während des Zweiten Weltkrieges, darunter solcher, die in Konzentrationslagern, während Massenhinrichtungen oder in der Zeit des Warschauer Aufstandes 1944 umgekommen sind. Trotz dieser Mängel, die vielleicht den polnischen Leser unangenehm berühren könnten, ist die Arbeit von Jürgen Heyde als positiv zu bewerten und für den Leser als empfehlenswert zu beurteilen. Das Buch in seiner kompakten, praktischen Form kann für den an der Geschichte seiner Nachbarn jenseits der Oder interessierten Leser zu einer Handlektüre werden.

Leszek Zygner