Rezension über:

Gerald D. Feldman / Oliver Rathkolb / Theodor Venus u.a. (Hgg.): Österreichische Banken und Sparkassen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, München: C.H.Beck 2006, 2 Bde., 942 S. + 1077 S., ISBN 978-3-406-55158-1, EUR 98,00
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Rezension von:
Paul Erker
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Paul Erker: Rezension von: Gerald D. Feldman / Oliver Rathkolb / Theodor Venus u.a. (Hgg.): Österreichische Banken und Sparkassen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, München: C.H.Beck 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/11223.html


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Gerald D. Feldman / Oliver Rathkolb / Theodor Venus u.a. (Hgg.): Österreichische Banken und Sparkassen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit

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Nach der wegweisenden Studie zur Geschichte der Dresdner Bank in der NS-Zeit [1] liegt nun auch für Österreichs größte Bank ein exemplarisches Werk vor. Genau genommen handelt es sich um die Geschichte von drei Banken: des Creditanstalt-Bankvereins (CA), der Länderbank Wien und der Zentralsparkasse Wien, die von der Unabhängigen Historischen Kommission der Bank Austria Creditanstalt im Kontext der Entschädigungsklagen vor amerikanischen Gerichten im Jahr 2000 erstellt wurden. Ehe auf einzelne Ergebnisse eingegangen wird, seien die meines Erachtens fünf wichtigsten Beobachtungen nach der Lektüre vorweggenommen:

1. Die umfangreiche Studie stellt nicht nur eine ergänzende Untersuchung zu den bislang vorliegenden Monographien zur Bankengeschichte im Dritten Reich dar, sondern liefert auch eine Reihe darüber hinausgehender, neuer Erkenntnisse. Dies gilt insbesondere für die expansiven Osteuropa-Aktivitäten, bei denen Hermann Josef Abs und Josef Joham, der CA-Generaldirektor, Hand in Hand arbeiteten. Abs Agieren wird hier weit plastischer aufgedeckt, als das bislang in der deutschen Forschung der Fall war.

2. Methodisch-konzeptionell dominiert eine spezifische Art von Unternehmensgeschichte, die vor allem für die Untersuchung von Unternehmen in der NS-Zeit und der Suche nach Verantwortung und Moral sinnvoll erscheint und die man als narrative Entscheidungsprozess-Geschichte bezeichnen könnte. Die Studien sind daher ungemein detailreich, nachgerade akribisch und empirisch dicht, ob dies allerdings auch den "Königsweg" für die Unternehmensgeschichtsschreibung insgesamt darstellt, sei dahingestellt.

3. Die CA war nicht nur Bank, sondern gleichermaßen auch Industriekonzern bzw. industrielle Holding. Mit ihren Beziehungen und Beteiligungen an 142 Finanz-, Industrie- und Handelsunternehmungen fungierte sie gleichsam als Spinne im Netz der österreichischen Wirtschaft. Insofern liegt nicht nur eine Bankengeschichte, sondern auch eine Geschichte der österreichischen Industriewirtschaft in der NS-Zeit vor. Der deutsche Einmarsch und die Integration in die Kriegswirtschaft führten dazu, dass der umfangreiche in- und ausländische Beteiligungs- und Konzernverbund der CA innerhalb des Untersuchungszeitraums ziemlich grundlegend verändert und umgeschmiedet worden ist. Dies und der Kampf um die Anteilseignermehrheit und Kontrolle über die CA (durch die Deutsche Bank und die VIAG) selbst bringen es mit sich, dass

4. Die beiden Bände sind voll von Aktientransaktionen und Börsengeschäfte, die sich wie ein roter Faden durch die Darstellung ziehen. Die Studien liefern somit (ungewollt) auch einen wichtigen Baustein zu der nach wie vor ungeschriebenen Geschichte der Börse und des Kapitalmarkts in der NS-Zeit.

5. Schließlich liefern die Studien zentrale Bausteine für eine spezifische Risikogeschichte der Unternehmen in der NS-Zeit. Implizit und zum Teil auch explizit werden die sich verändernden Konstellationen der politischen und ökonomischen Risiken unternehmerischen Agierens deutlich gemacht. Ein besonders markantes Beispiel waren etwa die Aktivitäten der CA über die Automobil-Verkehrs-Anstalt GmbH (AVA), die seit 1931 im Ratenzahlungsgeschäft tätig war. Der "Anschluss" brachte nun einige unerfreuliche finanzielle Risiken politischer Natur mit sich, da die Gestapo und andere Parteistellen in großer Zahl Automobile jüdischer Besitzer einfach beschlagnahmt hatten, die längst noch nicht vollständig abbezahlt waren. Insgesamt könnte die Studie mithin einen Anstoß dazu liefern, von dem eingefahrenen Muster der Untersuchung von Zwangslagen und Handlungsspielräumen wegzukommen und dafür die spezifische Wahrnehmung und den Wandel von unternehmerischen Risiken, sei es politischer oder ökonomischer Natur, als Leitthema unternehmenshistorischer Untersuchungen in der NS-Zeit in den Vordergrund zu rücken.

Die Studien beginnen im ersten Teil mit einer eher knappen Darstellung der organisatorischen Entwicklung der CA, in deren Mittelpunkt der teilweise dramatische Kampf zwischen VIAG und Deutscher Bank um die Einflussnahme und Kontrolle der CA steht (zuvor besaß die österreichische Regierung die Aktienmehrheit). Am Anfang der "Privatisierung" der CA (1935/36) stand ein Aktienbesitz von 35 Prozent (bzw. faktisch kontrolliert 70 Prozent) durch die VIAG und nicht einmal 1 Prozent seitens der Deutschen Bank, an deren Ende (1942) jedoch hatten sich die Mehrheitsverhältnisse umgekehrt. Bemerkenswert ist dabei weniger das Ergebnis als vielmehr die lange Dauer dieses Beherrschungsprozesses.

Der weit umfangreichere zweite Teil schildert sehr ausführlich das operative Geschäft der CA, insbesondere im "Arisierungsgeschäft", bei der bank- wie beteiligungsmäßigen Expansion in Südosteuropa sowie bei der Finanzierung und Beteiligung an der Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Wie kaum eine andere Bank war die CA in die Enteignungs- und "Arisierungsaktivitäten" verstrickt, sei es durch die großzügige Vergabe von "Arisierungskrediten" oder die - in der Studie detailliert nachgezeichnete - Fülle von selbst und auf eigene Rechnung vorgenommenen Arisierungsgeschäften. Der "Anschluss" machte es der Bank möglich, "ganz unverhohlen als antisemitisches Unternehmen zu agieren" (219). Nicht anders sah es bei der Expansion in Südosteuropa aus. Hier arbeitete die CA eng mit der Deutschen Bank zusammen, manchmal als deren Partnerin, manchmal als deren Stellvertreterin und Bevollmächtigte, manchmal aber auch als Konkurrentin, wie insbesondere die Ausweitung des Bankgeschäfts in Polen zeigte. Dies und die Aktivitäten im Sudentenland, in der Slowakei, in Ungarn und Jugoslawien dokumentierten, dass die CA-Führung unter ihrem Generaldirektor Joham aktiv und mit Nachdruck das Ziel verfolgte, "die eigene Position so machtvoll und autonom wie nur irgend möglich auszugestalten" (324). Neben dem Bankgeschäft wurde dabei vor allem auch das Beteiligungsgeschäft vehement vorangetrieben, sei es im Bereich Export/Import (Getreide/Tabak), in der Schuhbranche, in der Textilbranche sowie durch Beteiligungen und Übernahmen von Unternehmen der Glasindustrie und der Papier- und Druckindustrie.

Schließlich stellte die CA auch innerhalb der deutschen Rüstungs- und Kriegswirtschaft ihre Position als Industrieholding gleichsam auf neue Füße und baute ihre Stellung erheblich aus. Dies reichte von der Beteiligung am Reichswirtschaftshilfeprogramm für Österreich von 1938 durch die Bewilligung von Krediten über die Finanzierung von neuen rüstungswirtschaftlichen Unternehmen bis zur Übernahme und Kontrolle einer Reihe von Unternehmen und deren Integration in den CA-Konzernverbund. Die Beteiligungen reichten dabei von Bauunternehmen über Metallindustriebetriebe und Zuckerfabriken bis hin zu einem textilindustriellen Komplex und zur Gummi- und Reifenindustrie. Die Geschichte der CA-Beteiligung beim Reifenkonzern Semperit ist dabei in mehrerer Hinsicht so bemerkenswert wie exemplarisch, denn die CA wehrte nicht nur feindliche Übernahmeangriffe aus dem Deutschen Reich ab und wurde dadurch mitten in den zwischen Continental und Phoenix heftig tobenden deutsch-europäischen Branchenwettkampf gezogen, sondern ihr gelang es sogar, Semperit selbst auf einen Expansionskurs zu bringen und zu einem gewichtigen europäischen Wettbewerber zu machen.

Am Ende sieht sich die CA nicht nur von einem erfolgreichen Wachstumskurs geprägt, sondern zugleich auch erheblich gestiegener Risiken, nicht zuletzt in Form von (wertlos zu werden drohenden) Staatspapieren in Höhe von 428 Mio. RM gegenüber. Die ganze Ambivalenz der Entwicklung spiegelt sich schließlich in der Person des Generaldirektors Josef Joham, der "österreichische H.J. Abs", der anders als der Deutsche Bank-Manager seit Ende 1943 unter großen persönlichen Risiken zum Spion der Alliierten mutierte - und nach Kriegsende Generaldirektor der "neuen" CA wurde.


Anmerkung:

[1] Johannes Bähr: Die Dresdner Bank in der Wirtschaft des Dritten Reichs, München 2006; Siehe auch: Klaus-Dietmar Henke: Die Dresdner Bank 1933 - 1945 : ökonomische Rationalität, Regimenähe, Mittäterschaft, München 2006.

Paul Erker