Rezension über:

Jutta Braun / Hans Joachim Teichler (Hgg.): Sportstadt Berlin im Kalten Krieg. Prestigekämpfe und Systemwettstreit (= Forschungen zur DDR-Gesellschaft), Berlin: Christoph Links Verlag 2006, 432 S., 20 s/w-Abb., ISBN 978-3-86153-399-3, EUR 29,90
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Rezension von:
Thomas Raithel
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Raithel: Rezension von: Jutta Braun / Hans Joachim Teichler (Hgg.): Sportstadt Berlin im Kalten Krieg. Prestigekämpfe und Systemwettstreit, Berlin: Christoph Links Verlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/11745.html


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Jutta Braun / Hans Joachim Teichler (Hgg.): Sportstadt Berlin im Kalten Krieg

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Die deutsch-deutschen Sportbeziehungen und die im Bereich des Sports ausgetragene Systemkonkurrenz bilden inzwischen ein relativ gut untersuchtes Themenfeld, das auch über die Sportgeschichte im engeren Sinn hinaus wissenschaftliches Interesse findet. [1] Zu einem besonders interessanten und bislang vernachlässigten Fragenkomplex, der Stellung Berlins in den deutsch-deutschen Sportbeziehungen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung, liegt jetzt ein umfangreicher Sammelband vor. Die Potsdamer Sporthistoriker Jutta Braun und Hans Joachim Teichler haben zehn Aufsätze zumeist jüngerer Autoren herausgegeben, die - mit variierendem Berlin-Bezug - ganz unterschiedliche thematische Aspekte behandeln.

Ein gewisser Schwerpunkt des Bandes liegt auf Beiträgen, die auf die übergeordneten sportpolitischen Institutionen bezogen sind, wobei die DDR-Seite insgesamt im Vordergrund steht. Hans Joachim Teichler, schon seit langem ein ausgewiesener Fachmann für die Sportgeschichte der DDR, schildert die "frühen sportpolitischen Weichenstellungen der SED" bis zur Gründung des "Deutschen Turn- und Sportbundes" im Jahr 1957. Kristin Rybicki widmet sich der "Westarbeit" des 1948 gegründeten Deutschen Sportausschusses, des ersten zentralen Lenkungsorgans im DDR-Sport, Anfang der 1950er-Jahre. Die Autorin kommt dabei zu dem Ergebnis, dass der Versuch der DDR-Führung, den bis Mitte der 1950er-Jahre lebhaften innerdeutschen Sportverkehr in ihrem Sinne politisch zu instrumentalisieren, "auf ganzer Linie gescheitert" (94) sei. Jutta Braun zeichnet den in den Jahren 1989/90 beschrittenen "Weg in die Sporteinheit" in seinen generellen Linien nach, und Michael Barsuhn betrachtet speziell den Vereinigungsprozess der beiden deutschen Fußballverbände Deutscher Fußball-Bund (West) und Deutscher Fußball-Verband (Ost). Beide Autoren zeigen, wie sich inmitten des Zusammenbruchs von DDR-Strukturen sehr rasch eine eklatante Asymmetrie zwischen West und Ost ausbildete.

Ein weiterer Beitrag von Jutta Braun gibt einen Überblick über die sportpolitischen Probleme, welche die bundesdeutsche Einbeziehung der "Inselstadt" West-Berlin in den internationalen Sportverkehr bereitet hat. Insbesondere geht sie auf die massiven Spannungen zwischen der DFB-Führung und der Bundesregierung Mitte der 1980er-Jahre ein, als West-Berlin - sehr zum Unwillen führender Bundespolitiker - im Europäischen Fußballverband nicht als Spielort für die Europameisterschaft 1988 durchgesetzt werden konnte.

Eine zweite Gruppe von Aufsätzen beschäftigt sich mit spezifischen Berliner Entwicklungen in einzelnen Sportarten. Das sportpolitische Interesse verbindet sich hier eng mit einem sozial- und kulturgeschichtlichen Zugang. Der Fußballsport und insbesondere der große (West-)Berliner Traditionsklub Hertha BSC stehen im Mittelpunkt von zwei Beiträgen, die jeweils von René Wiese verfasst wurden. Da das ursprüngliche Einzugsgebiet dieses Vereins im Westen (Wedding) und im Osten (Prenzlauer Berg) lag, stellte die Teilung der Stadt hier eine ganz besondere Herausforderung dar. Zunächst wird das Schicksal der Hertha zwischen Kriegsende und Mauerbau behandelt. Wiese kann zeigen, wie im Kreis der Hertha-Mitglieder und -Anhänger ein "Gesamtberliner Zusammengehörigkeitsgefühl" (147) lebendig blieb und zu vielfachen Wechselbeziehungen über die Ost-Berliner Sektorengrenze hinweg führte - von fußballerischen Grenzgängern, die im Osten wohnten und im Westen spielten, über den regelmäßigen Zustrom von Ost-Berliner Zuschauern ins alte Hertha-Stadion "Plumpe" bis hin zum stetigen Bemühen um Ost-West-Freundschaftsspiele. In einem zweiten Aufsatz behandelt der Autor das Schicksal der im Osten der Stadt lebenden Hertha-Anhänger von 1961 bis 1990 und wirft damit auf exemplarische Weise einen erhellenden Blick in die stets auch in hohem Maße westorientierte Fankultur des DDR-Fußballs.

Während im Fußballsport eine höhere Attraktivität des Westens erhalten blieb, konnten die DDR und Ost-Berlin in vielen anderen Sportarten erhebliche Prestigegewinne erzielen. Ein Beitrag von Ronald Huster beschäftigt sich mit der Geschichte des Berliner Radsports, der "vom Beginn bis zum Ende der nationalen Teilung ein umkämpfter Schauplatz des politisch-symbolischen Wettstreits blieb" (314). Huster verdeutlicht dies vor allem am andauernden Konkurrenzverhältnis bei der Austragung großer Rundstreckenrennen, insbesondere der westlichen "Tour de Berlin" und der stets über Ost-Berlin geführten "Friedensfahrt" durch die DDR, Polen und die Tschechoslowakei. Lorenz Völker widmet sich dem Berliner Handballsport, der anfangs noch durch ein besonders intensives Streben nach Gemeinsamkeit geprägt war, seit dem Mauerbau aber in beiden Teilen der Stadt eine stark divergierende Entwicklung nahm. Ähnlich wie der Radsport wurde auch der Spitzenhandball im Westen Berlins durch die Insellage massiv behindert, während der Osten zu "einem exponierten und extrem erfolgreichen Zentrum des international konkurrenzfähigen Handballs ausgebaut" wurde (346).

Anzuführen ist schließlich noch der Aufsatz von Erik Eggers über die Geschichte des Berliner Sportjournalismus von 1945 bis 1989. Dabei beschreibt Eggers einen wechselseitigen Entfremdungsprozess, aber auch eine zunehmende Divergenz in der gesellschaftlichen Stellung. Während die Ost-Berliner Sportjournalisten, im Zentrum des mit allen verfügbaren staatlichen Mitteln geförderten DDR-"Sportwunders", seit den 1960er-Jahren in eine privilegierte Position rückten, litt der Sportjournalismus im Westen der Stadt - ähnlich wie viele Sportarten - unter der isolierten politischen Lage, die letztlich eine gewisse Marginalisierung bedingte.

Insgesamt bietet der vorliegende Sammelband, dessen Beiträge zumeist auf intensiver Quellenarbeit beruhen, eine Fülle von instruktiven und meist auch sehr konkreten Einblicken in die Komplexität der west-östlichen Berliner Sportbeziehungen von 1945 bis 1990. Das vor allem anfangs starke, aber auch nach dem Mauerbau nie ganz versiegende Bemühen um Berliner und deutsche Gemeinsamkeit zeigt sich dabei ebenso wie die allmähliche Ausbildung erheblicher struktureller Unterschiede im westlichen und östlichen Sportbetrieb und die gerade am exponierten Standort Berlin in hohem Maße symbolisch aufgeladene Systemkonkurrenz. Einige generelle Erkenntnisse der publizierten Aufsätze werden in der hilfreichen Einleitung von Jutta Braun kurz angesprochen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, ihnen am Ende des Buches eine etwas ausführlichere Synthese zu widmen. Doch auch in der vorliegenden Form bildet dieser aufschlussreiche Sammelband einen nachdrücklichen Beleg für die Produktivität eines sporthistorischen Ansatzes in der Zeitgeschichte.


Anmerkung:

[1] Vgl. Uta Andrea Balbier: Kalter Krieg auf der Aschenbahn. Der deutsch-deutsche Sport 1950-1972. Eine politische Geschichte, Paderborn u. a. 2007.

Thomas Raithel