Rezension über:

Heiko Diekmann: Lockruf der Neuen Welt. Deutschsprachige Werbeschriften für die Auswanderung nach Nordamerika von 1680 bis 1760 (= Universitätsdrucke Göttingen), Göttingen: Universitätsverlag Göttingen 2005, 284 S., ISBN 978-3-938616-21-5, EUR 23,00
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Rezension von:
Mark Häberlein
Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Mark Häberlein: Rezension von: Heiko Diekmann: Lockruf der Neuen Welt. Deutschsprachige Werbeschriften für die Auswanderung nach Nordamerika von 1680 bis 1760, Göttingen: Universitätsverlag Göttingen 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/10282.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Migrationen" in Ausgabe 7 (2007), Nr. 11

Heiko Diekmann: Lockruf der Neuen Welt

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Die deutschsprachige Auswanderung nach Nordamerika im 18. Jahrhundert stand forschungsgeschichtlich lange Zeit im Schatten der zahlenmäßig weitaus bedeutenderen transatlantischen Migration des 19. Jahrhunderts. Dank einer Reihe von Studien, die seit den frühen 1990er Jahren erschienen, sind wir inzwischen jedoch über die Wanderungsmotive der schätzungsweise 100.000 bis 120.000 Menschen, die Mitteleuropa im 18. Jahrhundert in Richtung Neue Welt verließen, über das Transportsystem, das sie über den Atlantik beförderte, und über ihre Ansiedlung in den britischen Kolonien in Nordamerika gut unterrichtet.

Dabei hat die neuere Forschung auch gezeigt, dass sich auswanderungswillige Deutsche und Schweizer auf verschiedenen Wegen über ihre Zielgebiete informieren konnten: durch direkten Kontakt mit transatlantischen Geschäftsreisenden, Rückwanderern und professionellen Werbern, durch Briefe ausgewanderter Familienangehöriger, Bekannter und ehemaliger Nachbarn sowie durch die Lektüre von Werbe- und Informationsschriften. Aus dem Zeitraum von ca. 1680, als die deutschsprachige Nordamerikawerbung einsetzte, und dem Siebenjährigen Krieg haben sich mehrere Dutzend dieser Schriften erhalten, die bislang noch nicht Gegenstand einer umfassenden Untersuchung geworden sind. Diekmanns Göttinger Dissertation versucht diese Forschungslücke zu schließen; das Ergebnis seiner Bemühungen ist allerdings - dies sei hier vorweggenommen - nur mit Einschränkungen als gelungen zu bezeichnen.

In einem einleitenden Kapitel verortet Diekmann die deutschsprachigen Amerikaschriften in ihrem historischen Kontext und geht kurz auf Ursachen und Verlauf der Auswanderung, den mitteleuropäischen Buchmarkt und die obrigkeitliche Zensur ein. Als entscheidendes Merkmal der untersuchten "Werbepamphlete" postuliert er, dass sie eine "Gegenwelt" zur Lebenswelt der Adressaten im Heiligen Römischen Reich und den Schweizer Kantonen konstruiert hätten. Der Begriff "Gegenwelt" wird jedoch ebenso wenig präzisiert wie die Unterscheidung zwischen "Werbung" und "Information". Auf die Einbeziehung neuerer literaturwissenschaftlicher, kommunikationsgeschichtlicher und diskursanalytischer Ansätze wird gänzlich verzichtet. Stattdessen nähert sich Diekmann seinem Thema mittels eines pragmatisch entwickelten Rasters von Fragen nach Entstehungsbedingungen, Adressaten, Argumentation und Wirkung der Amerikaschriften.

Es folgen 14 Kapitel, in denen der Verfasser jeweils eine "wichtige" Schrift vorstellt, die für eine bestimmte nordamerikanische Kolonie Werbung machte oder von der Auswanderung dorthin abriet. Das Spektrum reicht von einem 1684 in deutscher Sprache publizierten Brief des Koloniegründers William Penn über Texte der radikalen Pietisten Franz Daniel Pastorius (1700) und Daniel Falckner (1702) sowie des Schweizer Projektemachers Jean Pierre Purry (1720, 1734) bis hin zu dem württembergischen Organisten Gottlieb Mittelberger, der nach seiner Rückkehr aus Pennsylvania 1756 eine Schrift gegen die Auswanderung dorthin vorlegte. Hier ist zwar positiv hervorzuheben, dass Diekmann neben geläufigen und in der Forschung bereits häufiger behandelten Autoren auch weniger bekannte Pamphletisten wie den aus Nürnberg stammenden Sprachlehrer Johann Matthias Krämer und den Jenenser Arzt Emanuel Christian Löber vorstellt, die um die Jahrhundertmitte die Werbetrommel für die jüngste der britischen Kolonien, Georgia, rührten.

Völlig unklar bleibt hingegen, warum gerade die ausgewählten Schriften "wichtiger" als andere Pamphlete gewesen sein sollen. So geht Diekmann mit keinem Wort auf Anton Wilhelm Boehmes "Das verlangte, nicht erlangte Canaan bey den Lust-Gräbern" (1711) ein, obwohl diese Schrift direkt auf ein Pamphlet des pfälzischen Pfarrers Josua Harrsch (Kocherthal) reagierte, das der Verfasser ausführlich behandelt. Weiterhin fehlen z.B. der 1729 publizierte "Auszug einiger Send-Schreiben aus Philadelphia in Pennsylvanien" und das 1739 in Franfurt am Main gedruckte "Glaubhafte Send-Schreiben aus Pensylvania in America", obwohl beide Texte, die vor den Risiken der Auswanderung warnten, im 20. Jahrhundert in englischer Übersetzung wieder veröffentlicht wurden und daher gut zugänglich sind [1], sowie die 1750 im Kontext der Bemühungen um deutschsprachige Siedler publizierte "Historische und geographische Beschreibung von Neu-Schottland". Auch die Edition Schweizer Auswandererbriefe von Leo Schelbert und Hedwig Rappolt, die Briefe enthält, welche die Lektüre von Werbeschriften reflektieren, hätte berücksichtigt werden müssen. [2] Darüber hinaus wurde die relevante neuere Forschung nur unvollständig eingearbeitet. So bemängelt der Verfasser, dass die Problematik der Auswanderungsentscheidung noch nicht aufgearbeitet sei (15), übersieht aber die einschlägige Studie von Georg Fertig. [3]

Aufgrund der Auswertung seiner selektiven Quellenbasis kommt Diekmann zu durchaus plausiblen Ergebnissen: So arbeitet er heraus, dass an die Stelle einer um 1700 noch stark religiös fundierten Sicht auf Nordamerika bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine partielle Trennung von religiösen und säkularen Deutungs- und Beschreibungsmustern getreten war. Außerdem legt er dar, dass die Autoren Nordamerika weitgehend als Abbild des zeitgenössischen Europa wahrnahmen - als einen überschaubaren, wirtschaftlich nutzbaren und in naturräumlicher, politischer und sozialer Hinsicht vertrauten Lebensraum, der wie ein deutsches Fürstentum oder ein Schweizer Kanton in Übersee erschien.

Dass die Studie einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt, liegt neben der Selektivität der Quellen- und Literaturbasis auch an einer hölzern und mitunter ausgesprochen holprig wirkenden Sprache sowie an einer stellenweise unausgereiften Argumentation. So schreibt Diekmann z.B. von "Menschen, die kein Auskommen mehr fanden und auf der Suche nach einem neuen Lebensunterhalt verzweifelt umherzogen" und bettelten, um im nächsten Satz zu behaupten, dieselben Personen hätten "immerhin soviel Besitz" gehabt, "dass sie eine Auswanderung einleiten" konnten (79-81). Dem Pamphletisten Daniel Falckner bescheinigt er zunächst, er "forder[e] die Reisenden zu einem Verhalten auf, das äußerst unselbständig und passiv erscheint" (63), um wenige Seiten später zu konstatieren, derselbe Falckner gebe detaillierte Ratschläge, "welche Arzneimittel und welche zum Verkauf nötigen Sachen ein Emigrant mit sich führen solle." (68) Die Liste der Beispiele ließe sich fortsetzen.

Fazit: Diekmanns Dissertation trägt zur Erforschung der deutschen Amerikaauswanderung im 18. Jahrhundert einen weiteren Mosaikstein bei. Angesichts der Mängel der Studie kann von einer wirklich befriedigenden Aufarbeitung des Themas allerdings nicht die Rede sein.


Anmerkungen:

[1] Julius F. Sachse (Hg.): Diary of a Voyage from Rotterdam to Philadelphia in 1728, in: Pennsylvania German Society Proceedings and Addresses 18 (1909), 5-25; Donald F. Durnbaugh (Hg.): The Brethren in Colonial America, Elgin/IL 1967, 41-53.

[2] Leo Schelbert/Hedwig Rappolt: Alles ist ganz anders hier. Auswandererschicksale in Briefen aus zwei Jahrhunderten, Olten/Freiburg 1977, vgl. etwa 81.

[3] Georg Fertig: Lokales Leben, Atlantische Welt. Die Entscheidung zur Auswanderung vom Rhein nach Nordamerika im 18. Jahrhundert (= Studien zur historischen Migrationsforschung; 7), Osnabrück 2000.

Mark Häberlein