Rezension über:

Philipp Gassert / Mark Häberlein / Michael Wala: Kleine Geschichte der USA, Stuttgart: Reclam 2007, 550 S., ISBN 978-3-15-010629-7, EUR 19,90
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Rezension von:
John Andreas Fuchs
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Empfohlene Zitierweise:
John Andreas Fuchs: Rezension von: Philipp Gassert / Mark Häberlein / Michael Wala: Kleine Geschichte der USA, Stuttgart: Reclam 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13350.html


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Philipp Gassert / Mark Häberlein / Michael Wala: Kleine Geschichte der USA

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Mit der "Kleinen Geschichte der USA" wird nicht nur die bekannte Reclam-Reihe um ein wichtiges Land ergänzt, die Autoren Philipp Gassert, Mark Häberlein und Michael Wala legen mit ihrem Werk auch eine handliche, gut strukturierte Übersicht über die Geschichte der Vereinigten Staaten vor, die sich in die bisherigen ausführlichen Werke zur US-Geschichte einreiht. [1] Man kann sich natürlich fragen, ob es tatsächlich noch einer weiteren amerikanischen Nationalgeschichte bedarf. Betrachtet man allerdings die Zielgruppen der bisherigen Überblickswerke, kann man feststellen, dass mit Ausnahme von Horst Dippels schmalem Bändchen aus der Reihe "Beck Wissen" die Gruppe der Studenten und Schüler bisher zu kurz kam. Die "Kleine Geschichte der USA" hilft diese Lücke zu füllen und möchte einem breiten Publikum "historische Orientierung" (11) zum besseren Verständnis Amerikas bieten.

Ausgehend von ihrer einleitenden Frage "Hat Amerika überhaupt eine Geschichte?" (9) beleuchten die Verfasser die amerikanische Geschichte vom 17. bis ins 21. Jahrhundert unter politischen, kulturellen und sozialen Gesichtspunkten. Entsprechend ihren jeweiligen Epochenschwerpunkten gehen die Autoren an die Darstellung heran: Mark Häberlein widmet sich in den ersten beiden Teilen den Epochen von der Gründung der ersten Kolonien durch England im Jahr 1607 bis zum Ende der Revolutionszeit um 1800, Michael Wala befasst sich mit dem 19. und Philipp Gassert mit dem 20. und 21. Jahrhundert. Zusammen bilden die vier Hauptteile ein Werk aus einem Guss, dem man kaum anmerkt, dass es von verschiedenen Autoren geschrieben wurde, und dem es gelingt, den leider immer noch ab und an auftauchenden Topos der "Geschichtslosigkeit Amerikas" (9) anschaulich zu widerlegen. Besonders zeigt sich dies in der ausführlichen Darstellung der historischen Wurzeln und Entwicklung des heutigen Amerika von der Kolonisierung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Die Autoren setzen innerhalb ihrer Epochen jeweils eigene Schwerpunkte, wobei sie sich allerdings hauptsächlich auf die politische Geschichte konzentrieren. Hervorzuheben ist hier die sehr gute Verbindung von theoretischem Hintergrund, historischen Entwicklungen und einzelnen Fallbeispielen. So stellt Michael Wala die Außen- und Innenpolitik der frühen Republik sehr anschaulich am Beispiel der Implikationen des Louisiana-Kaufes von 1803 dar (203ff.). Auch die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (Häberlein) sowie die Kulturgeschichte (Gassert) kommen keinesfalls zu kurz. Afroamerikaner und amerikanische Ureinwohner werden, im Gegensatz zu Latinos, in einem für eine Überblicksgeschichte angemessenen Umfang gewürdigt. Dies gilt auch für die Frauen-, die Temperenz- und die Erweckungsbewegung(en). Zu wenig berücksichtigt wird allerdings die Integrationsproblematik; zwar spielt die Einwanderung bei Häberlein und Wala eine Rolle, aber Phänomene wie der ab 1830 stärker werdende Antikatholizismus und die damit einhergehenden antikatholischen Ausschreitungen in vielen amerikanischen Städten finden keine Erwähnung. Auch wenn in Überblickswerken immer Schwerpunkte gesetzt werden müssen, wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Autoren die Probleme bei der Integration der verschiedenen Immigranten-Gruppen näher beleuchtet hätten. Überhaupt ist die "Kleine Geschichte" etwas zu sehr entlang der Geschichte der "white Anglo-Saxon Protestants" angelegt: Häberlein lässt seine Kolonialgeschichte mit den englischen Kolonien beginnen; die spanischen Kolonien entfallen.

Bei Philipp Gassert taucht das gespannte Verhältnis zwischen der angelsächsisch-protestantischen Mehrheit und den Katholiken kurz auf, als er das Wiederaufleben des Ku-Klux-Klans in den 1920er Jahren beschreibt, "der nicht nur gegen Schwarze und Juden, sondern auch gegen Katholiken, Ausländer und alles, was er als unamerikanisch verstand - Alkohol, Tanzen und kurze Röcke - agitierte" (396). Der zweite Ku-Klux-Klan bildete ein "Sammelbecken für Millionen Amerikaner, die verunsichert auf die Modernisierung und den dynamischen Wandel der Gesellschaft reagierten" (396). Dies zeigt, ebenso wie die von Gassert gleichfalls erwähnte dritte Erweckungsbewegung (Reawakening), wie sich die USA im Verlauf ihrer Geschichte unter Rückgriff auf ähnliche Muster nicht nur immer wieder neu erfanden, sondern auch immer wieder ähnlich auf Krisen reagierten. Bereits in der frühen Republik finden sich religiöse Erweckungsbewegungen sowie die im 20. Jahrhundert in Form der Prohibition wiederkehrende Temperenzbewegung, die bereits 1836 totale Abstinenz forderte (263). Erwähnt sei hier Michael Walas kurzweilige Kulturgeschichte des Alkoholkonsums in den USA, dem im 19. Jahrhundert weder Frauen noch Kinder abgeneigt waren. Letztere nahmen den Alkohol in Form der sogenannten "toddies" zu sich, einem Gemisch aus Fruchtsäften, hochprozentigem Alkohol und Zucker (258ff.).

Diese gelungenen Verknüpfungen von Kultur, Politik und größeren historischen Entwicklungen machen den Band nicht nur gut lesbar, sondern ermöglichen auf unterhaltsame Art ein tieferes Verständnis der US-amerikanischen Geschichte, vor allem da sich die Autoren nicht scheuen, immer wieder auf diese Querverbindungen hinzuweisen, Forschungskontroversen aufzugreifen und gängige Vorurteile gegenüber der amerikanischen Geschichte zu entlarven. So verweist Gassert die im Geschichtsunterricht leider noch oft wiederholte Behauptung, "dass Hitlers Weg zur Macht durch den Versailler Vertrag vorgezeichnet worden wäre - und Wilson so indirekt Schuld für die deutsche Katastrophe im Zweiten Weltkrieg träfe -," ins Reich der "Geschichtslegende[n]" (390).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die "Kleine Geschichte der USA" ein hervorragendes Nachschlagewerk und eine sehr gute Ergänzung zu Jürgen Heidekings "Geschichte der USA" darstellt. Häberleins, Walas und Gasserts gut recherchierte, detailreiche und unterhaltsame Darstellung von 400 Jahren US-Geschichte macht den Reclam-Band, trotz einiger kleiner Kritikpunkte, zu einem guten Begleiter für Schüler und Studierende. Diese werden insbesondere auch die sinnvolle Gliederung der Geschichte der USA in vier Epochen samt Epochenüberblick zu schätzen wissen. Zudem ist der Band nicht nur sehr gut am Stück zu lesen, ebenso gut lassen sich die einzelnen Epochen jeweils für sich alleine verfolgen, was einem Einsatz im Unterricht nochmals zu Gute kommt. Seinem Rang als sehr gutes Nachschlagewerk etwas abträglich ist das fehlende Sachregister, welches in weiteren Auflagen unbedingt einzufügen wäre. Ebenso wünschenswert wäre eine Ausweitung der Bibliographie unter verstärkter Einbeziehung der englischsprachigen Literatur.


Anmerkung:

[1] Horst Dippel: Geschichte der USA, 7. Aufl., München 2005; Jürgen Heideking und Christof Mauch: Geschichte der USA, 5. Aufl., Stuttgart 2007; Udo Sautter: Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, 7. Aufl., Stuttgart 2006.

John Andreas Fuchs