Rezension über:

Karl-Heinz Spieß: Fürsten und Höfe im Mittelalter, Darmstadt: Primus Verlag 2008, 144 S., 58 Farb-, 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-89678-642-5, EUR 29,90
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Werner Rösener: Leben am Hof. Königs- und Fürstenhöfe im Mittelalter, Stuttgart: Thorbecke 2008, 288 S., ISBN 978-3-7995-0814-8, EUR 24,90
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Rezension von:
Jan Hirschbiegel
Residenzen-Kommission, Arbeitsstelle Kiel / Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Jan Hirschbiegel: Fürsten und Höfe im Mittelalter (Rezension), in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/14781.html


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Fürsten und Höfe im Mittelalter

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Die wissenschaftliche Erforschung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Höfe, jener spezifisch vorstaatlich-vormodernen, personal orientierten Vergemeinschaftungsformen und Verfasstheiten von langer Dauer und erheblicher Wirkkraft bis weit in die Moderne, ja jüngere Gegenwart hinein, ist in den letzten Jahrzehnten mit erheblicher Intensität betrieben worden, ohne freilich den Gegenstand bereits an sein Forschungsende geführt zu haben. Zu vielfältig sind noch die Desiderata, denken wir nur an eine immer noch fehlende moderne Edition der Hofordnungen oder an ein bislang vermisstes Repertorium der Rechnungsbestände des Alten Reiches, um nur zwei größere Bereiche allein aus der Grundlagenforschung anzusprechen.

Nun haben zwei renommierte Mediävisten versucht, das einzulösen, was der leider viel zu früh verstorbene Göttinger Landeshistoriker Ernst Schubert als "Bringschuld der Wissenschaften" bezeichnet hat, um auf je unterschiedliche Weise den erzielten Forschungsstand einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Darauf, dass dies nur in exemplarischer Weise gelingen kann, weist der Greifswalder Mittelalterhistoriker Karl-Heinz Spieß bereits einleitend hin, führt den Leser aber dann in gekonnter Souveränität, die es sich leisten kann, auf Vollständigkeit, die doch nicht zu erreichen ist, zu verzichten, durch die in Schrift und Bild überaus anschaulich vermittelte höfische, vor allem soziale und kulturelle, Lebenswirklichkeit insbesondere der weltlichen Reichsfürsten des späten Mittelalters, so die Überlieferung uns dies gestattet.

Spieß präsentiert das Thema quellennah und unter stetem Bezug auf die aktuelle Forschung in fünf Kapiteln. Zunächst werden Fürst und Hof unter begriffs- und entwicklungsgeschichtlichen Aspekten vorgestellt. Im dritten Kapitel geht es um Fürst und Familie, angesprochen werden Erziehung, Bildung und Verhalten, Familienordnungen, das Verhältnis von Fürst und Fürstin, die Rollen von Witwen und Witwern, Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen. Der Hof als sozialer Lebensraum wird in einem vierten Kapitel vorgeführt. Hier werden eingangs die Funktionen eines Hofes behandelt, die dann anhand von Zusammensetzung, Versorgung und Alltag vertieft werden. Schließlich werden am Beispiel von Schatz, Hochzeit, Begräbnis, Begängnis und Memoria fürstliche Repräsentationshorizonte vermessen.

Besonderes Interesse verdient das letzte, sechste Kapitel. Hier macht Spieß unter der Überschrift "Vergleichende Betrachtungen" mit Blick auf den königlichen Hof, auf geistliche Höfe und auf diejenigen Englands, Frankreichs, Burgunds und Italiens noch einmal deutlich, dass der einst von Peter Moraw markierte Mangel an vergleichenden Untersuchungen nach wie vor besteht, und zeigt, in welcher Richtung künftig auch gearbeitet werden müsste. Dabei zeichnet sich der von Spieß vorgelegte Band dadurch aus, dass ihm im Grunde ebenjenes Konzept zugrunde liegt, das Moraw angemahnt hatte, nämlich "die Situation der Fürsten im Reich insgesamt, [...] ihre politisch-gesellschaftlichen Kontakte untereinander und ihr reichsständisches Verhalten" darzustellen.

Entstanden ist ein Buch von hoher synthetischer Kraft und Eindringlichkeit, das nicht nur seine prospektive Leserschaft nie aus den Augen verliert, sondern auch von Fachkollegen mit Gewinn zur Hand genommen werden kann, das hervorragendes Bildmaterial zur Verfügung stellt, das nicht einfach illustriert, sondern kommentierend und kommentiert mit dem Text verwoben ist, zudem ein achtseitiges, dichtes, kommentiertes und aktuelles Literaturverzeichnis zu den einzelnen Kapiteln sowie ein Orts- und Personenregister bietet.

Dem Band des vor allem durch seine Arbeiten über die Jagd und die Bauern bekannten Gießener Mittelalterforschers Werner Rösener gerecht zu werden, fällt ungleich schwerer. Der Autor hinterlässt den Leser ein wenig ratlos, denn welcher Leser ist gemeint? Doppelt so umfangreich wie das Buch von Spieß bei einem um zwei Drittel verringerten Angebot an Bildmaterial wird einem nichtakademischen Publikum doch einiges abverlangt, derjenige wiederum, der sich seit Jahren mit der Hofforschung beschäftigt, wird schon in dem knappen fünfseitigen Literaturverzeichnis manch neueren Titel vermissen. Obwohl Rösener einleitend betont, dass "hier weder Handbuchcharakter noch Vollständigkeit angestrebt" wird, ist doch das Bemühen unverkennbar, der Aufgabe, die "Königs- und Fürstenhöfe des Mittelalters" monographisch darzustellen, möglichst umfassend zu entsprechen. Geboten wird "eine Sozial- und Kulturgeschichte des mittelalterlichen Hofes in ihren Grundzügen, die sich vor allem auf historische und weniger auf literarische Quellen stützt", dies allerdings auf Grundlage einer profunden Quellenkenntnis in hochinformativer Verdichtung.

Der zehn Kapitel umfassende Band weist nach der Einleitung des ersten Kapitels einen chronologischen und einen thematischen Bereich auf, der zeitliche Schwerpunkt liegt allerdings auf dem frühen und vor allem hohen Mittelalter, wie auch Spieß hat sich Rösener vor allem auf das Reich konzentriert. Einleitend behandelt Rösener die Hofforschung, nennt "Quellenbasis und Quellenprobleme", behandelt "Begriffsfragen und Hofmodelle" und zieht eine Linie von der idealen Welt des Artushofes über den Artuskult des Mittelalters hin zur vorgeblichen Fasziniertheit der Gegenwart von "Hofgeschichten und Fürstenfamilien". Beginnend bei der "germanisch-romanischen Kultursynthese" bis zum Hof des Staufers Friedrich II. beleuchtet der Autor anschließend die früh- und hochmittelalterliche Hofentwicklung. Es folgen Kapitel, die beispielhaft Fürstenhöfe und ihre Strukturelemente, wirtschaftliche Grundlagen, Luxus, Konsum und Sachkultur, Lebensformen und Hofordnungen, höfische Feste, Sakralkultur und Hofkritik behandeln, um nur einige Themen zu nennen. Nahezu alle von der Hofforschung in den letzten Jahrzehnten bearbeiteten Themen werden mit Ausflügen auch in das späte Mittelalter zumindest gestreift, ausführlicher geht der Autor beispielsweise auf den Prozess der Residenzbildung, die finanziellen Aspekte der höfischen Kultur, den Alltag bei Hof, die geistlichen Höfe, das Frauenzimmer, Hochzeiten, selbstverständlich die Jagd oder den Hof auf Reisen und vieles mehr ein. Im letzten Kapitel schließlich wird auf neun Seiten ein Ausblick in die neuere Geschichte bis hin zur Französischen Revolution gegeben. Ein Register wäre hilfreich gewesen.

Was man freilich bei beiden Bänden vermisst, ist das, was Andreas Bihrer vor kurzem in einem Forschungsüberblick für die Zeitschrift für historische Forschung festgehalten hat: "Die Konzentration der Forschung allein auf den Hof [...] sollte der Vergangenheit angehören, [...] das Forschungsfeld muss eine Ausweitung erfahren [um die] Kontakte und Bezüge der Höfe nach außen. Die [...] Erforschung von Höfen muss kontextualisiert werden. [...] Es gilt, die Höfe in einem Spannungsfeld mit ihren äußeren Bezügen zu sehen."[1] Und das gilt beispielsweise für die städtischen Umwelten.

Wer einen inspirierten oder auch sinnlich erfahrbaren Zugang zur höfischen Welt vor allem des späten Mittelalters sucht, dem sei zu dem Band von Spieß geraten. Wer sich nicht scheut, sich diese Welt lesend zu erarbeiten, der greife zu dem Buch von Rösener. Idealerweise nutze man freilich beide Werke.


Anmerkung:

[1] Andreas Bihrer: Curia non sufficit. Vergangene, aktuelle und zukünftige Wege der Erforschung von Höfen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für historische Forschung 35 (2008), 237-272, hier 271.

Jan Hirschbiegel