Rezension über:

Gianluca Falanga: Mussolinis Vorposten in Hitlers Reich. Italiens Politik in Berlin 1933-1945, Berlin: Christoph Links Verlag 2008, 334 S., ISBN 978-3-86153-493-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Patrick Bernhard
Deutsches Historisches Institut, Rom
Empfohlene Zitierweise:
Patrick Bernhard: Rezension von: Gianluca Falanga: Mussolinis Vorposten in Hitlers Reich. Italiens Politik in Berlin 1933-1945, Berlin: Christoph Links Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/15336.html


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Gianluca Falanga: Mussolinis Vorposten in Hitlers Reich

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Es mag erstaunlich klingen, aber auch nach über 60 Jahren intensiver Forschung zu Faschismus und Nationalsozialismus steht eine Gesamtgeschichte der "Achse" Berlin - Rom noch immer aus. [1] Diese Lücke versucht nun Gianluca Falanga, ein in Deutschland lebender junger Publizist, zu schließen. Er nähert sich dem Thema aus der Perspektive der italienischen Botschaft in Berlin an - Mussolinis "Vorposten" in Deutschland, wie der Autor formuliert. Er möchte auf diese Weise hinter die Kulissen der unheilvollen Allianz blicken und deren Dynamik, aber auch deren innere Konflikte besser verstehen. Dazu stützt sich Falanga primär auf die einschlägigen Aktenpublikationen der Außenministerien in Berlin und Rom sowie auf die reichhaltige Memoirenliteratur des beteiligten diplomatischen Personals aus den Jahren nach 1945.

Um es vorab zu sagen: Die Studie hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Das liegt erstens an der schmalen und nicht immer unproblematischen Materialgrundlage der Arbeit: Nicht publizierte Quellen wurden so gut wie gar nicht herangezogen, zudem sind die Memoiren und Tagebücher der italienischen Botschaftsangehörigen, die Falanga zu Rate zieht, allesamt nach 1945 erschienen. Falanga hat sich hier nicht einmal die Frage gestellt, inwieweit sich die Erinnerung der Akteure in der Rückschau überformte; immerhin galt es ja eine beschönigende Erklärung dafür zu finden, dass man einer Diktatur zugearbeitet hatte. Diese Egodokumente sagen deshalb möglicherweise mehr über die Rechtfertigungsstrategien belasteter konservativer Eliten in der jungen italienischen Demokratie aus als über deren Agieren im Faschismus.

Das leitet über auf den zweiten problematischen Punkt: Den Ansatz der Arbeit. Bereits Jens Petersen hatte größte Bedenken, seine Studie zur Genesis der "Achse" Berlin - Rom als klassische Diplomatiegeschichte zu schreiben. Handelte es sich mit Nationalsozialismus und Faschismus doch um zwei revolutionäre Bewegungen, die gerade die traditionelle Bürokratie zu überwinden suchten - nicht zuletzt durch den Aufbau konkurrierender Parteistellen. Entsprechend bildete sich auch eine Paralleldiplomatie aus. Wie Falanga selbst einräumt, waren die Botschaften in Rom und Berlin bald bei wichtigen Themen nur mehr Zaungäste, die lediglich zur Organisation von Besuchsreisen von Staats- und Parteigrößen hinzugezogen wurden. Vom italienischen Überfall auf Albanien erfuhren die Botschaftsangehörigen in Berlin beispielsweise aus dem Radio.

Auch bei Falanga scheint zumindest ansatzweise immer wieder auf, dass es sich bei der "Achse" um weitaus mehr handelte als ein herkömmliches Bündnis. In den zehn Jahren zwischen der "Machtergreifung" Hitlers und dem Sturz Mussolinis entwickelte sich vielmehr auf allen Ebenen - sei es Wirtschaft, Militär oder Staat - ein dichtes Netz von bilateralen Kontakten zwischen den beiden Diktaturen. Falanga verweist in diesem Zusammenhang etwa kurz auf die Zusammenarbeit zwischen den beiden politischen Polizeien sowie auf die Beziehungen zwischen der NSDAP und der Faschistischen Partei. All das lässt es sehr fraglich erscheinen, ob man über die diplomatischen Beziehungen im engeren Sinne wirklich zu vertieften Einsichten in den Charakter des faschistischen Achsenbündnisses gelangen kann.

Gravierender noch sind drittens die vielen Inkonsistenzen in der Argumentation Falangas. Der Autor beruft sich nämlich in der Darstellung auf zwei völlig konträre historiografische Deutungen des Faschismus. Zum einen betont er unter Berufung auf Renzo De Felice, den man wohl als revisionistischen Historiker bezeichnen muss, wie unterschiedlich die beiden faschistischen Diktaturen angeblich gewesen seien. Eine gemeinsame Weltanschauung habe es nicht gegeben, so Falanga ganz explizit, der sich damit in das Fahrwasser des umstrittenen Mussolinibiografen begibt (10). Nach Falangas festem Dafürhalten habe sich das faschistische Achsenbündnis im Gegenteil durch divergierende Interessen und machtpolitische Rivalitäten ausgezeichnet und sei daran letztlich auch gescheitert.

Auf der anderen Seite weist Falanga jedoch - gestützt auf neueste, De Felice massiv widersprechende Forschungsliteratur [2] - auf weitreichende gegenseitige Einflussnahmen, enge Kooperationen und wachsende Affinitäten in der faschistischen Allianz hin; hier liegen dann auch die Stärken des Buches. So macht der Autor etwa deutlich, wie sehr das bereits seit 1922 herrschende faschistische Regime nach der Machtergreifung Hitlers auf die noch junge deutsche Diktatur ausstrahlte: In zentralen Bereichen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems kam es zu Lern- und Adaptionsprozessen. Falanga macht nicht nur darauf aufmerksam, dass die NS-Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" eine beinahe detailgetreue Kopie des faschistischen Dopolavoro darstellte. Einiges spricht zudem dafür, dass sich auch die HJ von der faschistischen Jugendorganisation Balilla inspirieren ließ. Selbst in der Frage von Gewalt und Repression nahm sich das 'Dritte Reich' allem Anschein nach am Faschismus ein Beispiel. Falanga kann hier gleich mit einer ganzen Reihe eindeutiger Äußerungen Hitlers und seines engsten Führungskreises aufwarten. Besonders aufschlussreich ist ein Gespräch, das der neue Reichskanzler mit Botschafter Vittorio Cerrutti am 5. Februar 1933 führte. Gegenüber seinem italienischen Gesprächspartner zeigte sich Hitler voller Bewunderung dafür, wie sehr es Italien seit der Machtergreifung Mussolinis verstanden habe, sich gegen den "Marxismus zu verteidigen". Er werde in kurzer Zeit ebenfalls unter Beweis stellen, wie man mit dem Feind umzugehen habe. Das war nur zwei Wochen vor dem Reichstagsbrand, der Hitler dann als Vorwand diente, seine Drohungen gegenüber der KPD und SPD wahr zu machen. Hier zeigt sich überaus eindrucksvoll, welch außerordentliche Referenzpunkte der Faschismus und insbesondere Mussolini für Hitler darstellten.

Wie das jedoch zusammengehen soll mit einer "wachsenden Entfremdung" der beiden Regime, die der Autor bereits für das Jahr 1933 attestiert, bleibt völlig unklar (41). Es sind grundlegende Widersprüche dieser Art, die wohl verhindern werden, dass das Buch zu einem Referenzpunkt der Forschung werden wird, auch wenn der Autor in einigen Punkten zu interessanten neuen Einsichten gelangt.


Anmerkungen:

[1] Bislang liegen lediglich die Studie von Jens Petersen zur Entstehung des faschistischen Achsenbündnisses sowie die entsprechenden Arbeiten von Lutz Klinkhammer und Frederick Deakin vor, die aber erst in der Endphase des Bündnisses einsetzen. MacGregor Knox konzentriert sich, anders als es die Titel seiner Arbeiten erwarten lassen, stark auf die militärischen Aspekte der Allianz. Vgl. Jens Petersen: Hitler - Mussolini. Die Entstehung der Achse Berlin - Rom 1933-1936, Tübingen 1973; Frederick W. Deakin: Die brutale Freundschaft. Hitler, Mussolini und der Untergang des italienischen Faschismus, Zürich 1962; MacGregor Knox: Common Destiny. Dictatorship, Foreign Policy, and War in Fascist Italy and Nazi Germany, Cambridge 2000; ders.: To the Threshold of Power, 1922/33: Origins and Dynamics of the Fascist and National Socialist Dictatorships, Bd. 1, Cambridge 2007.

[2] Vgl. etwa Thomas Schlemmer (Hg.): Die Italiener an der Ostfront 1942/43. Dokumente zu Mussolinis Krieg gegen die Sowjetunion, München 2005.

Patrick Bernhard