Rezension über:

Claude Lauriol: Études sur La Beaumelle (= Vie des Huguenots; 42), Paris: Editions Honoré Champion 2008, 543 S., ISBN 978-2-7453-1664-6, EUR 95,00
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Rezension von:
Christophe Losfeld
Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Susanne Lachenicht
Empfohlene Zitierweise:
Christophe Losfeld: Rezension von: Claude Lauriol: Études sur La Beaumelle, Paris: Editions Honoré Champion 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/14792.html


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Claude Lauriol: Études sur La Beaumelle

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Dieser Band zu Laurent Angliviel La Beaumelle (1726-1773) versammelt Essays und Aufsätze, die Claude Lauriol, der weltweit beste Kenner La Beaumelles, in den letzten fünfunddreißig Jahren verfasst hat. Allerdings spiegelt diese Sammlung nur einen Bruchteil seiner Forschungs- und Editionsarbeiten wider. Die dreißig Aufsätze hat Lauriol hier thematisch organisiert, so dass der Band in drei Teile zerfällt: La Beaumelle und die Protestanten, La Beaumelle und die Philosophen und La Beaumelle als Literat.

Auf eine klar strukturierte Einleitung, in der Lauriol die Erträge seiner Arbeit und den Inhalt der jeweiligen Aufsätze zusammenfasst, folgt eine Biografie La Beaumelles. Diese skizziert der Verfasser unter dem Titel Un huguenot adversaire de Voltaire: Laurent Angliviel de La Beaumelle, wobei er die Streitigkeiten zwischen La Beaumelle und Voltaire hervorhebt, einerseits, um die Bedeutung des Ersteren, der zum Zeitpunkt des Erscheinens von Lauriols erster Fassung des Aufsatzes noch in Vergessenheit war, für die Aufklärung und den französischen Protestantismus zu betonen, und andererseits, weil die Kontroverse mit Voltaire sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk La Beaumelles zieht.

La Beaumelles Rolle für den europäischen Protestantismus kommt in seinem Engagement für die Wiederherstellung des Edikts von Nantes sowie in seinem damit einhergehenden Kampf für die Toleranz zum Tragen, den der Autor bereits mit dem Asiatique tolérant, seiner ersten Publikation, aufnimmt. Dieser Kampf bedeutete selbstverständlich eine Ablehnung der Politik Ludwigs XIV. und der Verfolgung der Protestanten in Frankreich, die hier exemplarisch an der aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten Affaire Calas dargestellt wird (u.a. mittels des Briefwechsels mit La Condamine). La Beaumelle hatte jedoch auch Auseinandersetzungen mit den Lutheranern, denen er odium theologicum vorwirft (La controverse entre Holberg et La Beaumelle) und den Reformierten, da La Beaumelle den Aufstand der Kamisarden verurteilt: Nicht der Aufruhr diene der Sache der Hugenotten, sondern die Treue zu einem König, der verstanden habe, welche ökonomische Bedeutung diese hätten.

Da Fanatismus aus Unkenntnis entstehe, publizierte La Beaumelle verschiedene Schriften, darunter einen Katechismus, den er nach den Prinzipien der neuen Pädagogik unter Berücksichtigung der kindlichen Fähigkeiten verfasst. Dabei bleibt er den theologischen Grundsätzen der reformierten Religion treu und lehnt die natürliche Religion als unzureichend ab, die Rousseau in seinem Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars propagiert hatte.

Die Auseinandersetzung mit Rousseaus religiösen Auffassungen wird im zweiten Teil in einem besonders gelungenen Aufsatz, der Buch-, Ideen- und Rezeptionsgeschichte beispielhaft kombiniert und am Beispiel des Preservatif contre le déisme (1763) vertieft: La Beaumelle wirft Rousseau vor, die Offenbarung zugunsten einer natürlichen Religion abzulehnen, die er von der offenbarten Religion ableite: Rousseau "a pris le patron du christianisme pour modeler sa prétendue religion naturelle" (siehe Aufsatz Quand La Beaumelle réfutait la "Profession de foi du vicaire savoyard", 327). Diese Kontroverse wird nicht polemisch geführt, zumal er einige Positionen Rousseaus lobt, so z.B. seine Ablehnung des Naturalismus. Positiver ist bei La Beaumelle die Beurteilung Montesquieus. Dies wird durch die akribisch gesammelten Stellen aus dem Briefwechsel belegt (Un enfant perdu dans l'armée de Montesquieu) sowie durch die Untersuchung der Bemühung La Beaumelles, den Esprit des Lois in Nordeuropa zu verbreiten.

Weit negativer ist hingegen das Bild des Hauptkontrahenten La Beaumelles: Voltaire. Dieser hat u.a. in Les honnêtetés littéraires und im Supplément au siècle de Louis XIV ein von falschen Informationen und Verleumdung geprägtes Bild von La Beaumelle propagiert, das lange von der Nachwelt bzw. von der Forschung unkritisch übernommen wurde (Voltaire, ses ennemis et ses biographes). Die Mechanismen der Vernichtung eines Werkes - Lauriol spricht von einem literarischen Mord - durch Voltaire wird am Beispiel seiner Rezeption der Pensées präzise und sorgfältig herausgearbeitet: Voltaire unterstellte La Beaumelle zahlreiche Plagiate, erstellte Listen von Herrschern, die er beleidigt haben soll, fügte Zitate zusammen, die er aus dem Kontext herausnahm, ironisierte den Stil La Beaumelles und verspottete ihn in seinem Werk mehrfach. Ebenfalls sehr fein ist die Analyse der Art und Weise, wie das Publikum den Schlagabtausch zwischen Voltaire und La Beaumelle wahrnahm und kommentierte. Die Auseinandersetzung zwischen Voltaire und La Beaumelle wurde zum Indikator eines Machtkampfs innerhalb der Gelehrtenrepublik (Une "honnêteté voltairienne" (1771)).

Folgerichtig stellt Lauriol dann als Gegenpol zum Bild La Beaumelles bei Voltaire dar, wie La Beaumelle Voltaire in seinen Schriften skizziert, ein Bild, das im Laufe ihres stets aggressiver werdenden Streites immer negativer wird. Zu recht bemerkt Lauriol, dass die Polemik zu den vertrauten stilistischen Merkmalen La Beaumelles gehört, lange bevor der Streit mit Voltaire eskalierte und dass die Kritiken, die er am Siècle de Louis XIV formuliert, oft einen sachlich korrekten Hintergrund haben (La Beaumelle et ses éditions annotées de Voltaire).

Der zweite Abschnitt endet mit einer Betrachtung der politischen Dimension des Werkes La Beaumelles: seine reformatorischen Positionen, die durch die Schärfe seiner Feder noch provokanter wirken, und z.T. das verzerrte Bild, das Voltaire von ihm zeichnete, haben ihm den Ruf eines aufrührerischen Schriftstellers eingebracht (La Beaumelle écrivain politique). Dieser Ruf blieb lange erhalten; er wurde noch im 20. Jahrhundert von der marxistischen Literaturwissenschaft als areligiöser proletarischer Autor zitiert, der als Vorreiter der Revolution zu erachten sei (La Beaumelle écrivain révolutionnaire). Dieses Bild verwirft Lauriol: La Beaumelle sei ein Befürworter von Reformen gewesen, die er auf friedlichem Weg habe initiieren wollen. Dies hänge wiederum mit seiner bürgerlichen Herkunft und vor allem seiner calvinistischen Erziehung zusammen.

La Beaumelle als Autor sei folglich "ein hugenottischer Literat", ein "hugenottischer Intellektueller", so die Überschrift der zwei ersten Aufsätze des letzten Teils. In diesem werden vor allem Teilaspekte des Schaffens La Beaumelles thematisiert, die entweder einen sehr partikularen Charakter haben (wie seine Übersetzertätigkeit, seine Freundschaft mit Élie Catherine Fréron) oder mit denen sich Lauriol erst später auseinandergesetzt hat. Dies gilt vor allem für den (seit dem Verfassen der Aufsätze nunmehr edierten) Briefwechsel, der interessante Rückschlüsse im Bezug auf die Vernetzung der Aufklärer ermöglicht.

Kennzeichnend für die hier versammelten Aufsätze ist die Akribie, mit der der Verfasser recherchiert hat, sowie seine Fähigkeit, präzise und fundiert anhand von Materialien zu argumentieren, die nie pedantisch präsentiert werden. Bei einer kursorischen Lektüre lassen sich zwar einige Wiederholungen feststellen, die allerdings bei einer im Laufe der Jahre verfassten Aufsatzsammlung kaum zu vermeiden waren, doch vermag Loriol es, in diesem Band ein Gesamtbild der Person und des Schaffens La Beaumelles zu entwerfen. Zu einer Zeit, in der nicht nur der Frühaufklärung, sondern auch "kleinen" Autoren, die lange zu Unrecht vernachlässigt worden sind, mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, erweisen sich die Études sur La Beaumelle als ein bedeutender Beitrag zur Aufklärungsforschung.

Christophe Losfeld