Rezension über:

Roberta Panzanelli (ed.): Ephemeral bodies. Wax Sculpture and the Human Figure. With a translation of Julius von Schlosser's 'History of Portraiture in Wax', Los Angeles: Getty Publications 2008, vii + 327 S., ISBN 978-0-89236-877-8, USD 49,95
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Rezension von:
Matteo Burioni
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Matteo Burioni: Rezension von: Roberta Panzanelli (ed.): Ephemeral bodies. Wax Sculpture and the Human Figure. With a translation of Julius von Schlosser's 'History of Portraiture in Wax', Los Angeles: Getty Publications 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/14840.html


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Roberta Panzanelli (ed.): Ephemeral bodies

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Anlässlich der Eröffnung der Filiale von Madame Tussauds in Berlin entspann sich eine öffentliche Kontroverse um die Aufstellung einer Wachsfigur von Adolf Hitler in der Abteilung "Helden und Bösewichter". Nachdem deutsche Journalisten zu Recht gegen die Verharmlosung der nationalsozialistischen Vergangenheit und die sensationslüsterne Kommerzialisierung der Geschichte protestiert hatten, kulminierte der Casus am Tag der Eröffnung der Filiale im Juli 2008 in der weltweit Aufmerksamkeit erregenden 'Enthauptung Hitlers' durch einen Besucher. Zuvor hatte schon der Regierende Bürgermeister von Berlin darauf bestanden, dass es in der neuen Filiale nicht möglich sein dürfe, die Wachsfigur Hitlers zu berühren, zu fotografieren oder mit ihr für ein Foto zu posieren. Mit dem Berliner Fall sind vom Ikonoklasmus über die öffentliche Skandalisierung, den körperlichen Umgang mit Skulpturen sowie ihrer problematischen Lebensechtheit alle Fragen aufgeworfen, die der von Roberta Panzanelli herausgegebene, anzuzeigende Sammelband am Beispiel der Wachsplastik verhandelt.

Das schön aufgemachte, mit exzellenten Reproduktionen ausgestattete Buch dokumentiert nicht nur ein im Getty Center in Los Angeles abgehaltenes Kolloquium, sondern beinhaltet die erste englischsprachige Übersetzung von Julius von Schlossers "Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs". Nach einer deutschen Neuauflage und einer französischen Übersetzung liegt der Aufsatz von 1910 jetzt auch in Englisch vor. Der Übersetzung von James Michael Loughridge hat die Herausgeberin einen bereits 1998 auf Französisch erschienen Aufsatz von Georges Didi-Huberman vorangestellt (Viscosities and survivals: art history put to the test by the material), der in gewohnt eleganter Polemik eine wissenschaftsgeschichtliche Würdigung Schlossers mit einer Kritik an den "Verdrängungsleistungen der Kunstgeschichte" verbindet. Didi-Huberman wirft der Kunstgeschichte eine aus neo-kantianischem Vorurteil stammende Ablehnung anthropologischer und bildmagischer Praktiken vor, die eine verzerrte Perspektive auf ihren Gegenstandsbereich zur Folge habe. Selbst Gombrich, der die Psychologie für eine Theorie bildnerischer Illusionswirkung fruchtbar gemacht habe, werde dem Phänomen lebensechter Wachsplastik nicht gerecht.

In ihrem einleitenden Beitrag (Compelling presence: wax effigies in Renaissance Florence) gibt Roberta Panzanelli ein informatives Resümee der Forschung zur Wachsplastik in Florenz, wobei Aby Warburgs Aufsatz "Bildniskunst und Florentinisches Bürgertum" als Modell stets sichtbar bleibt. Auch hier zeigt sich der Vorteil der opulenten Aufmachung des Bandes, da die besprochenen Terrakotta-Büsten durchweg in hervorragender Qualität und in Farbe abgebildet sind. Allerdings ist nicht immer verständlich, warum Panzanelli in einem ostentativ der Lebensechtheit des Wachses gewidmeten Einführungstext vor allem Terrakotta-Büsten behandelt. Im 18. Jahrhundert in Frankreich nahmen anatomische Wachspräparate eine wichtige Funktion in der Medizinischen Forschung ein, wie Joan B. Landes in seinem Beitrag (Wax Fibers, Wax Bodies and Moving Figures) zeigt. Menschliche Kadaver werden in diesen Präparaten mit Draht und gefärbten Wachs in extrem bewegte Stellungen versetzt wie etwa der 'Tanzende Foetus' von Honoré Fragonard in der Ècole Nationale Vétérinaire d'Alfort. Dabei versteht Landes diese Präparate als Ausgleichsprodukte, die zwischen mechanistischen und organischen Vorstellungen des menschlichen Körpers im 18. Jahrhundert versöhnen sollten. Der konzise Beitrag über Madame Tussaud von Uta Kornmeier (Almost Alive. The Spectacle of Verisimilitude in Madame Tussaud's Waxworks) überzeugt durch eine kurze, klare Darstellung der Erfindung des Wachsfigurenkabinetts durch Marie Grosholtz alias Madame Tussaud. Das Wachsfigurenkabinett stelle eine Fortsetzung der Tradition der 'uomini famosi' unter den Bedingungen einer sich ausbildenden, demokratischen Massenkultur dar. Kornmeier zeigt, wie die Kabinette der Tussaud den Betrachtern suggerieren, Augenzeugen historischer Ereignisse zu sein und persönliche Bekanntschaft mit lebenden Berühmtheiten zu machen. Am Beispiel der veränderten Ausstellung der enthaupteten Köpfe der französischen Könige vom Ende des 18. Jahrhundert bis heute zeigt Kornmeier, wie die Schaustellung der Wachskörper zwischen Authentizität und Hyperrealismus changiert. Auf die Funktion der Wachsplastik für die anatomische Forschung im 18. Jahrhundert geht dagegen Lyle Massey ein. Die berühmten Wachsmodelle in der Anatomiesammlung von La Specola folgen oft druckgrafischen Vorlagen. In diesen Jahren entspann sich eine Diskussion um den Vorzug unterschiedlicher, bildlicher Medien für die medizinische Forschung. Masseys interessante Diskussion der 'epistemologischen Adäquatheit' der Drucke und Wachspräparate in der anatomischen Forschung hätte sicherlich von der Berücksichtigung der wichtigen Arbeit von Lorraine Daston und Peter Galison profitiert. [1] Die halluzinatorische Kraft vermeintlich antiker Wachsphalli auf die Forschung um 1900 thematisiert ein brillanter Beitrag von Whitney Davis (Wax Tokens of Libido. William Hamilton, Richard Payne Knight, and the Phalli of Isernia). Ausgehend von Richard Payne Knights 1786 publizierter Arbeit über die Phalli von Isernia zeigt Davis überzeugend, wie aus einem katholischen Ritus, bei dem Votivgaben in Form von Phalli dargebracht wurden, um eine Krankheit an Geschlechtsteilen zu heilen, in der Imagination des 18. Jahrhunderts eine papstkritische Geschichte um lüsterne Priester, im Kloster geschwängerte Frauen und die Anbetung des Phallus in der Messe wurde. Mit scharfem Blick decouvriert Davis nebenbei auch Freud und Warburgs Annahme einer lückenlosen Persistenz von Volkskulturen, die zu oft haarsträubenden Fehldeutungen führte. Dass das Verständnis für Wachsplastik eine intime Kenntnis der Materialien und bildhauerischen Prozesse erfordert, zeigt Sharon Hecker an Medardo Rossos Skulpturen (Fleeting Revelations. The Demise of Duration in Medardo Rosso's Wax Sculpture). In der kenntnisreichen Studie geben sich die scheinbar liebevoll handgefertigten Wachsplastiken des italienischen Bildhauers als beliebig zu reproduzierende Abgüsse von Tonmodellen zu erkennen.

Es kann nicht genügend betont werden, wie stark der Band vom betörenden Reiz seiner hervorragenden, farbigen Abbildungen lebt. Als störend mag man die eine oder andere Pauschalaussage empfinden, wie etwa, man habe sich mit Wachsplastik von Vasari bis ins 19. Jahrhundert überhaupt nicht beschäftigt. Gut getan hätte dem Band sicherlich ein wissenschaftsgeschichtlich orientierter, weiterer Beitrag zu Schlosser, der neuere Erkenntnisse aufgreifend die Darstellung von Didi-Huberman ergänzt und ausbalanciert hätte. [2] Stossen mag man sich auch an der unfreiwilligen Komik solcher apodiktischer Äußerungen wie "Change is inherent to the nature of wax" (1), über die man leider immer wieder stolpert. Im Ganzen liegt jedoch ein informativer und lesenswerter Band vor, der besonders für das 18. Jahrhundert aufschlussreich ist und dem das bleibende Verdienst zukommt, den Text Schlossers in einer englischen Übersetzung zugänglich gemacht zu haben.


Anmerkungen:

[1] Lorraine Daston / Peter Galison: Objektivität. Frankfurt am Main 2007.

[2] Michael Thimann: Julius von Schlosser (1866-1938), in: Klassiker der Kunstgeschichte, hg. von Ulrich Pfisterer. München 2007, Bd. 1, 194-213.

Matteo Burioni