Rezension über:

Mark E. Jr. Neely: The Civil War and the Limits of Destruction, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2007, 277 S., ISBN 978-0-674-02658-2, GBP 18,95
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Rezension von:
John Andreas Fuchs
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
John Andreas Fuchs: Rezension von: Mark E. Jr. Neely: The Civil War and the Limits of Destruction, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/14864.html


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Mark E. Jr. Neely: The Civil War and the Limits of Destruction

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Der amerikanische Bürgerkrieg 1861 bis 1865 gilt zu Recht als Wasserscheide der Geschichte der Vereinigten Staaten. Mit seinen 620 000 Toten, zwei Prozent der damaligen Bevölkerung der USA, wird er auch oft als der blutigste Krieg der Amerikaner bezeichnet. Ebenso häufig wird der Bürgerkrieg erster moderner, oder sogar erster totaler Krieg genannt. Mark E. Neely, Jr., McCabe-Greer Professor an der Pennsylvania State University, hat mehrere Bücher und Aufsätze zur Bürgerkriegsepoche in den USA verfasst und sich dabei immer wieder gegen gängige Lehrmeinungen und Interpretationen gewandt.

Mit dem vorliegenden Band greift Neely eine Kritik auf, die er bereits 1991 in seinem Aufsatz "Was the Civil War a Total War?" [1] formulierte: Anders als seit den 1950er Jahren immer wieder behauptet, sei der Bürgerkrieg kein "totaler Krieg" gewesen. Stattdessen gehöre er einer Übergangsphase an. Die Kontrahenten bedienten sich zwar bereits moderner Methoden, beabsichtigten aber nie die totale Vernichtung des Gegners. Entgegen der gängigen Meinung war der Bürgerkrieg lange nicht so blutig wie oft dargestellt, so Neely. Bürgerkriegshistoriker, wie der Doyen der Zunft, James M. McPherson, ließen sich von der martialischen Rhetorik der damaligen Kommandeure täuschen (199) oder bewerteten einzelne blutige Aspekte, besonders den Guerillakrieg in Missouri, fälschlicherweise als exemplarisch für den gesamten Bürgerkrieg (205). Stattdessen seien der Gewalt stets Grenzen gesetzt gewesen, wie auch Mark Grimsley bereits 1995 in seinem Buch "The Hard Hand of War" gezeigt hatte. Die Grenzen der Zerstörung macht Neely an der Rasse fest. Grimsley war zwar auch auf die Bedeutung der Rasse eingegangen, betonte jedoch Moral und Wertekodex der Unionssoldaten als entscheidenden Faktor für ihre Zurückhaltung. Für Neely greift das zu kurz: "[Grimsely] put too sunny a face on a reality that at bottom was rooted in perceptions of race." (142)

Die Auswirkungen der Rassenzugehörigkeit schildert Neely anhand von sechs Fallstudien ausgehend vom Krieg gegen Mexiko 1846 bis 1848, über General Sterling Prices Kavallerieüberfall auf Missouri, die französische Intervention in Mexiko, General Philip Sheridans Shenandoah-Expedition, das Sand Creek Massaker, bis zu den Überlegungen in der Union über Vergeltung für die Vergehen an Kriegsgefangenen in Gefangenenlagern der Konföderation. Er kommt zu dem Schluss, dass, wann immer der Gegner als Angehöriger derselben Rasse wahrgenommen wurde, andere Maßstäbe galten und Fragen der Moral nicht mehr gestellt wurden. Während nämlich bei Sheridans Shenandoah-Expedition peinlichst darauf geachtet worden sei, nicht das komplette Shenandoah Valley in Brand zu setzen (115), ging man mit den Plains-Indianern in Nebraska weniger rücksichtsvoll um. Neely vergleicht Sheridans Anweisungen, "that dwellings were to be exempted from destruction", mit dem Bericht eines Kavallerieoffiziers der zur selben Zeit in Nebraska stationiert war: "[...] I caused the prairie south of Platte River Valley to be simultaneously fired from a point twenty miles west of Julesburg continuously to a point ten miles east of this post, burning the grass in a continuous line of 200 miles as far south as the Republican River." (147) Wenn die Soldaten im Westen von einem Vernichtungskrieg sprachen, dann meinten sie es auch so. Dies zeige, dass die in den Indianerkriegen bereits vor dem Bürgerkrieg gelernten Lektionen bewusst keine Anwendung im Kampf gegen die (ebenfalls weißen) Konföderierten fanden. Rassismus machte den Unterschied. [2] Die Behauptung, die Truppen hätten im Bürgerkrieg ihre Lektion in Sachen Brutalität gelernt und erst danach in den Indianerkriegen angewandt, sei schlicht falsch (152f.).

Wie konnte es dann zu den Gräueltaten eines "Bloody" Bill Anderson in Missouri kommen? Auch hier sieht Neely dieselben Prinzipien am Werk: "The world was made up of civilized people and barbarians." (70) So unterscheide sich konsequenterweise das Vorgehen der Unionstruppen gegen General Sterling Prices Kavallerie vom Vorgehen gegen die Guerillas und die Methoden des Guerillakrieges blieben auf Missouri begrenzt. Entgegen der weitverbreiteten Auffassung sei Missouri nicht Lehrstätte für die totale Kriegsführung gewesen, so Neely (60), sondern füge sich in das Bild aller sechs Fallstudien ein: "when soldiers perceived the enemy as being of another race [...] atrocity was an all but certain outcome." (36) Der Bürgerkrieg sei also im Vergleich mit anderen Konflikten seiner Zeit keineswegs neu gewesen und maximal die Rhetorik sei die eines totalen Krieges gewesen. Bezugnehmend auf Regel 68 in Francis Liebers "Code of Laws", der als Reaktion auf die Ereignisse in Missouri entstand, schreibt Neely: "for the Civil War generation as opposed to historians today, 'modern' did not mean 'destructive' in discussions of war." (207)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mark E. Neely sicherlich eines seiner Ziele erreicht hat: "the purpose of this book is not to define the Civil War but to provoke consideration of it." (210) Das gutlesbare Werk wird sicher nicht überall Zustimmung finden, aber regt definitiv zum Nachdenken an. Neely gelingt es gängige Lehren zum Bürgerkrieg ins Wanken zu bringen und alternative Perspektiven aufzuzeigen. Zudem bietet er mit seiner anregenden Studie einen aktuellen Überblick zum Forschungsstand der Bürgerkriegshistoriografie. Zu bemängeln ist allerdings, dass Neely häufig an der Oberfläche bleibt. So bietet er keinerlei Erklärung für die oft zitierte harte Rhetorik der Epoche. [3] Ebenfalls problematisch ist der Punkt "Opfer", den Neely in seinem Fazit noch auf die "to-do"-Liste (210) setzt. Zwar akzeptiert er die Zahl 620 000, zweifelt jedoch an ihrer Aussagekraft. Unter anderem deshalb, weil man die Opfer beider Seiten zusammenrechnet. Zähle man "nur" die 360 000 Toten der Union, stünde plötzlich der Zweite Weltkrieg mit seinen 407 000 an erster Stelle der blutigsten Kriege der USA. Die 260 000 Toten der Konföderation würden sogar nur 64 Prozent der Toten des Zweiten Weltkrieges ausmachen (211). Allerdings vergisst Neely zu erwähnen, dass die 360 000 Toten der Union 1,6 Prozent ihrer Bevölkerung ausmachten, was umgerechnet 2,1 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg bedeutet hätte. Diese Zahlen stützen in keiner Weise sein Argument, dass der Bürgerkrieg anhand der Opferzahlen sensationalisiert wurde (211).


Anmerkungen:

[1] Mark E. Neely, Jr.: "Was the Civil War a Total War?" in: Civil War History XXXVII (März 1991), 5-28.

[2] Auch diesseits des Atlantiks ist dieser Gedanke nicht neu. Mehr zum Thema Indianerkriege und Rassismus findet sich unter anderem bei: Michael Hochgeschwender: "The Last Stand: Die Indianerkriege im Westen der USA, 1840-1890", in: Kolonialkriege: Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, hgg. von Thoralf Klein / Frank Schumacher, Hamburg 2006, 44-79.

[3] Mehr Einblick bietet: Drew Gilpin Faust: This Republic of Suffering: Death and the American Civil War, New York 2008.

John Andreas Fuchs