Rezension über:

Jaime Alvar: Romanising Oriental Gods. Myth, Salvation and Ethics in the Cults of Cybele, Isis and Mithras. Translated and edited by Richard Gordon (= Religions in the Graeco-Roman World; Vol. 165), Leiden / Boston: Brill 2008, xx + 486 S., ISBN 978-90-04-13293-1, EUR 152,00
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Rezension von:
Dorothea Rohde
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Dorothea Rohde: Rezension von: Jaime Alvar: Romanising Oriental Gods. Myth, Salvation and Ethics in the Cults of Cybele, Isis and Mithras. Translated and edited by Richard Gordon, Leiden / Boston: Brill 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/15299.html


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Jaime Alvar: Romanising Oriental Gods

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Seit der vor zwanzig Jahren erschienen Untersuchung von Turcan [1] unternimmt nun Alvar die nicht leicht zu bewerkstelligende Aufgabe einer umfassenden Darstellung der "orientalischen" Kulte im Römischen Reich. Dass diese Kulte, insbesondere die der Mater Magna und des Attis, der ägyptischen Gottheiten (Isis und Sarapis) und des Mithras, und ihr Verhältnis zum Christentum kontinuierlich von großem Forschungsinteresse sind, zeigt die Masse an internationalen Einzeluntersuchungen [2], die eine Synthesis erschweren.

Bei "Romanising Oriental Gods" handelt es sich um eine "zweite" Auflage: Ursprünglich richtete sich das Buch an spanische Studierende als Einführungslektüre. Diese Konzeption wurde mit der englischen Version, die in enger Zusammenarbeit zwischen Alvar und Gordon entstand, aufgegeben: Die überarbeitete Fassung geht über eine wörtliche Übersetzung der ersten Auflage hinaus und richtet sich nun an die "accademic community" (xi); Glossare und leicht zugängliche Karten wurden daher ausgelassen. [3]

Zunächst spezifiziert Alvar in der Einleitung das Ziel seiner Studie: Es geht ihm darum, die Rezeption, Transformation und die sozio-religiöse Rolle der drei "graeco-orientalischen" Kulte im Römischen Reich und deren Verhältnis zum Christentum zu bestimmen. Dabei hält er an der traditionellen Praxis fest, die Kulte der Mater Magna, der ägyptischen Gottheiten und des Mithras als eine typologische Einheit zu begreifen und ihre Bedeutung (auch) für den lateinischen Westen zu betonen (1). Alvar ist sich dabei der problematischen Begrifflichkeit bewusst; der Terminus "orientalische Kulte" wurde von ihm dennoch beibehalten, da er eine Gruppe zusammenfasst, die ihre (Pseudo-)Andersartigkeit betonten. Eine Gleichsetzung dieser Gruppenreligionen, die sich selbst als ägyptisch, phrygisch und persisch auffassten, mit anderen griechisch-römischen Kultvereinen oder jüdischen bzw. christlichen Gruppen, stellt für Alvar zu Recht ein "conceptual loss" dar (2).

Seine Grundthese ist: Der Erfolg der orientalischen Kulte war nicht ein Zeichen für Unzufriedenheit mit den religiösen Möglichkeiten des traditionellen Paganismus; vielmehr sind die orientalischen Kulte Kinder ihrer Zeit (11), die - wie das Christentum - in die Kategorie "Mysterien-Religionen" fallen. Wenn jedoch diese "Mysterien-Religionen" Phänomene des Zeitgeistes sind, wie verhalten sich dann die Kulte der Mater Magna, der ägyptischen Gottheiten und des Mithras zum Christentum?

Um dieses Verhältnis zu bestimmen, legt Alvar seiner Untersuchung die komparative Methode zugrunde, die über den einfachen Vergleich, der stets Teil der historischen Analyse ist, hinausgeht. Zu diesem Zweck werden Phänomene anhand von genau festgelegten Kriterien miteinander verglichen. [4] Dementsprechend konkretisiert Alvar im ersten Kapitel den Themenkomplex "Religion, Cult and Mystery" und leitet daraus seine Kriterien "System of Belief", "System of Value" und "Ritual System" ab, die auch seine Gliederungspunkte bilden. Daher analysiert Alvar in den folgenden drei Kapiteln die Mysterien der ägyptischen Gottheiten, der Mater Magna und des Mithras im Hinblick auf kultinhärente Vorstellungen von der Natur des Göttlichen und der jenseitigen Welt, das im Kult vermittelte Wertsystem und schließlich die Bedeutung der verschiedenen Rituale.

Das fünfte Kapitel übernimmt die Funktion eines Fazits, in dem Alvar - seiner komparativen Methode gemäß - die "orientalischen" Kulte mit dem Christentum anhand seiner vorher dargestellten Kriterien (Belief, Ethics, Ritual) vergleicht. Man darf auf den knapp 40 Seiten keine Gesamtdarstellung christlicher Vorstellungs- und Lebenswelten erwarten; vielmehr ist gerade das letzte Kapitel in hohem Maß voraussetzungsreich. Er wendet sich dabei vor allem gegen die These der Übernahme von Ritualen, Glaubensinhalten und moralischen Grundsätzen durch die jeweils anderen Kulte. Stattdessen geht er davon aus, dass der Erfolg der orientalischen Religionen und des Christentums das Resultat einer jeweiligen schrittweisen Adaption dieser Kult auf spirituelle Bedürfnisse (Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod, Glückseligkeit) zurückzuführen sei: "There was no need to borrow from or imitate other cults: given the broader context of religious contact in the Empire, all we need to postulate is a process of convergent adaptation to changing ideological and historical conditions" (419). Aus diesem Grund weisen die drei Kulte und das Christentum Parallelen zu einander auf; alle diese vier Optionen unterscheiden sich daher auch im gleichem Maße jeweils voneinander (421).

Die Ausrichtung der Untersuchung als religionswissenschaftliche macro study rückt zuweilen die sozio-politische Dimension antiker Religion und ihre lokale Diversität in den Hintergrund. Dementsprechend wird die Frage nach den Kultanhängern nicht gestellt; die in diesen Kulten involvierten collegia bleiben unerwähnt. Abgesehen von dem Problem, ob man Kultinhalte von den Trägern der Kulte in dieser Weise abstrahieren kann, ist zu überlegen, ob die Organisationsform nicht ebenfalls ein zeitbedingtes Phänomen war und damit ein Kriterium, anhand dessen man die verschiedenen Kulte vergleichen könnte.

Gleichwohl: Der Autor überzeugt nicht nur durch seine Quellenkenntnis, sondern vor allem auch durch die forschungsgeschichtlichen Ausführungen und die dem Gegenstand angemessenen Methode. Damit ergänzt die Monographie sozialhistorische Untersuchungen zu Kultvereinen und christlichen Gemeinden, indem hier die "Theologien" der orientalischen Kulte vergleichend präsentiert und so die Ähnlichkeiten und Eigentümlichkeiten der jeweiligen Kulte offen gelegt werden.


Anmerkungen:

[1] R. Turcan: Les cultes orientaux dans l'Empire romain, Paris 1989. Zweite Auflage 1992. Englische Übersetzung: The Cults of the Roman Empire, London 1996.

[2] Hier sei beispielhaft auf zwei Sammelbände verwiesen, auf C. Bonnet / J. Rüpke / C. Scarpi (Hgg.): "Religions orientales: neue Perspektiven - nouvelles perspectives" (Stuttgart 2006), das im Rahmen des trilateralen Projektes "Les religions orientales dans le monde greco-romain" erschienen ist, sowie auf C. Bonnet / V. Pirenne-Delforge / D. Praet (éds.): Les religions orientales: cent ans après Cumont, Brüssel / Rom 2009.

[3] Verteilungskarten zu den einzelnen Kulten finden sich bei: L. Bricault: Atlas de la diffusion des cultes isiaques (IVe siècle av. J. C.-IVe siècle apr. J.-C.), Paris 2001. M.J. Vermaseren: Corpus inscriptionum et monumentorum religionis Mithriacae, 2 Bde., Den Haag 1956-60. Ders.: Corpus cultus Cybelae Attidisque, EPRO 50/1-7, Leyden 1977-89.

[4] Zur komparativen Methode siehe den Kurzüberblick bei H.-G. Haupt (2001): s.v. Comparative History, International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences, 2397-2403.

Dorothea Rohde