Rezension über:

Marion Wohlleben (Hg.): Fremd, vertraut oder anders? Beiträge zu einem denkmaltheoretischen Diskurs, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2009, 196 S., zahlr. farb.- und s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06874-2, EUR 48,00
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Rezension von:
Christoph Nübel
Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Nübel: Rezension von: Marion Wohlleben (Hg.): Fremd, vertraut oder anders? Beiträge zu einem denkmaltheoretischen Diskurs, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/15666.html


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Marion Wohlleben (Hg.): Fremd, vertraut oder anders?

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Denkmälern kommt eine zentrale gesellschaftliche Rolle zu. Sie ragen aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein und können dem aufmerksamen Betrachter Kunde von historischen Situationen vermitteln. Da Geschichtsbilder in konkrete soziokulturelle und politische Deutungsmacht umgemünzt werden können, sind Denkmäler und ihre Ausgestaltung immer auch Gegenstand öffentlicher Diskussionen gewesen. Aus dieser Relevanz heraus haben sich unter anderem die kunsthistorische, denkmalpflegerische und nicht zuletzt die historische Forschung mit der Denkmalstradition auseinandergesetzt.

Der vorliegende Band hat sich vorgenommen, die vielschichtigen methodischen Ansätze zur Erforschung und Erhaltung von Denkmälern um die Kategorien "fremd" und "vertraut" anzureichern. Er entstand aus einem vom Zürcher Institut für Denkmalpflege ausgerichteten Kolloquium des Jahres 2005 - und teilt somit das Schicksal vieler Tagungsbände, die erst Jahre später erscheinen. In drei jeweils mit eigenen Einleitungen versehenen Abschnitten: "Annäherungen", "Bauten und Materialien", "Perspektiven" stellen Autoren unterschiedlicher Disziplinen denkmaltheoretische Überlegungen an. Dabei ist ganz grundsätzlich anzumerken, dass bei einigen Beiträgen merklich der Vortragsstil beibehalten wurde, was zu bedauern ist.

Eröffnend kreisen Marion Wohllebens grundlegende "Gedanken zum Thema" um die Frage, "ob wir es in der Denkmalpflege eher mit vertrauten oder mit fremden Werken zu tun haben" (9). Sie arbeitet die Stärken der binären und ambivalenten Leitbegriffe "fremd" und "vertraut" für die Denkmaltheorie heraus. Dabei ist gerade der Fremdheitsbegriff dazu geeignet, den Blick für "die gesellschaftliche Dimension der Einstellung zum Denkmal" zu schärfen (13).

Den Abschnitt "Annäherungen" eröffnet Johanna Rolshoven mit vertiefenden Überlegungen zum Thema Fremdheit. Sie macht deutlich, dass die für eine ästhetische Betrachtung notwendige Distanz - wie Walter Benjamin oder Johann Wolfgang von Goethe bereits betonten - zugleich den Blick auf Entferntes und damit Fremdes lenkt. Dabei betont sie die Notwendigkeit einer Ebene des "Dazwischen" (22), um einseitige Positionierungen bei den Polen fremd oder vertraut zu vermeiden. Um eine solche Auflösung simplifizierender Annahmen bemüht sich auch Ueli Mäder. Er fragt: "[S]ind das eigene Vertraute und das fremde Unvertraute zwei klar voneinander trennbare Bereiche" (31)? Aus soziologischen Untersuchungen der working poor heraus trägt er als weiterführendes Ergebnis an die Denkmalforschung heran, dass beide Kategorien "eng miteinander verknüpft" (35) und beständig im Fluss seien. Weitere Beiträge dieser Abteilung nähern sich in fruchtbarer Weise von theologischer, semantischer und psychoanalytischer Seite dem Thema an. Dabei geraten wohl angesichts der Komplexität der Gedanken Denkmäler als der eigentliche Gegenstand des Bandes zuweilen aus dem Blick.

"Bauten und Materialien" stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils des Bandes. Einleitend erweitert Ira Mazzoni die Leitbegriffe "fremd" und "vertraut" noch um die Komplexe "unbequem" und "Identität". Sie konstatiert dabei zu Recht, dass man es "mit einem sehr schwierigen Wortumfeld" (60) zu tun habe, dessen Semantik sich zudem rasch verschieben könne. Mit dieser Problematisierung verschwimmen ein wenig die ohnehin schwierigen Versuche der vorangegangenen Beiträge, die Termini durch Konkretisierungen für die Denkmaltheorie gezielt nutzbar zu machen. Birgitt Sigel thematisiert eine "Erfolgsgeschichte des Fremden" am Beispiel der Einführung von Tulpen und Zitrusfrüchten in die Gartenkultur der Frühen Neuzeit. Dabei greift sie ein aktuelles Thema auf, denkt man nur an den Einzug "asiatischer" Elemente in die mitteleuropäische Gartenarchitektur mit ihren immer kurzlebigeren Konjunkturen. Die Gelehrten des 16. Jahrhunderts begriffen die ihnen unbekannten Pflanzen jedoch nicht als bloßen Schmuck. Vielmehr regten sie die historischen Akteure, wie die Autorin profunde nachweist, zu den neuzeitlichen Ordnungsprojekten Botanik und Pflanzenzucht an. Das dergestalte Lesen im Buch der Natur geriet schnell in Verbindung mit dem Sammeltrieb der Zeit und mündete in die noch heute zu bewundernden Gartenanlagen ein. Anschließend widmet sich Thomas Will am Beispiel der Restaurierung und Modernisierung der Dresdner Kreuzkirche der grundlegenden Frage nach der historischen Authentizität eines Gebäudes. Detailliert und problemorientiert zeichnet der Autor die morphologische Genealogie der mehrfach zerstörten Kirche nach. Denkmalkunde, so das Postulat, müsse dabei das "Überlieferte" wiederholt neu erschließen (75) und dabei zwischen Idealismus oder Realismus wählen (83). Die Kreuzkirche erfuhr dabei wohl alle Facetten des Umgangs mit bedeutenden Bauten. Was dem Wiederaufbau in der jungen DDR recht gewesen, war den 90er-Jahren nicht billig. Galten in den 50er-Jahren Auslassungen und Nüchternheit als zeitgemäß, empfand man später die Kirchenausstattung als primitiv. Will zeigt, wie sehr die Denkmalpflege ein Kind ihrer Zeit ist. Diesem Thema widmet sich auch Gerhard Vinken mit dem Beispiel der wiederholten aktiven baulichen Aneignung der Stadttore in Basel. Ähnlich wie in Freiburg gestaltete man sie gemäß dem Bild einer idealisierten Vergangenheit mehrfach um.

Die Aufsätze der abschließenden Abteilung haben es sich vorgenommen, "Perspektiven" von Denkmälern und Denkmalpflege aufzuzeigen. Helmut Lange verweist einführend auf sensible Bereiche der Disziplin vornehmlich im Zusammenhang mit dem modernen Städtebau. Dabei klagt er zu Recht die "Scheinästhetik und Scheinhistorisierung" der "neuen Baukultur" an, welche in Konkurrenz zu Baudenkmälern treten könne (139). Hans-Rudolf Meier plädiert in seinem ausgewogenen Beitrag dafür, statt "Fremdheit" den aus der Historiografie stammenden Alteritätsbegriff zu verwenden. Dabei lotet er die Möglichkeiten des Konzeptes aus und positioniert Alterität als "Gegenbegriff zur Fremdheit des Denkmals" (148). Bei der Untersuchung von Alteritäten müsse das Subjekt mit seinen zeitgebundenen Wahrnehmungen immer mitgedacht werden. Damit trifft der Autor einen Punkt, den bereits Windelband hervorhob, indem er konstatierte: "Wir können das Alte nicht unverändert aufnehmen, denn wir selbst sind andere geworden." [1] Eines der eindrücklichsten Beispiele für Baudenkmäler stellt Astrid Debold-Kritter vor. Theresienstadt war nicht nur österreichische Festung, sondern später auch Konzentrationslager. Die Autorin berichtet von den fragilen und gefährdeten historischen Spuren in der Kleinstadt und verweist so auf die Probleme eines bewohnten Baudenkmals. Georg Mörsch beschließt den Band mit kritischen Gedanken zur zeitgenössischen Denkmalpflege und greift damit auch Themen der vorherigen Beiträge auf. Sie müsse sich, so der Autor, kritisch fragen, inwieweit Denkmälern durch Restauration oder Vernachlässigung "Gewalt angetan" oder die "Denkmalwünsche der Gesellschaft freiwillig oder gezwungen erfüllt" würden (185). Nach kritischer Reflexion des Denkmalbegriffs Alois Riegls gelangt Mörsch zu der Auffassung, dass nicht bloß der vielbeschworene "Alterswert" entscheidend sei. Wie Meier fordert auch Mörsch die Beachtung des Subjekts ein, indem er betont, dass Bauten als "menschliche Spuren" den Ausgangspunkt für Denkmalsdiskurse bildeten (191).

Diese Akzentuierungen leiten hin zu einem grundlegenden Kritikpunkt. Wer von Denkmalpflege spricht, darf von der Denkmalnutzung nicht schweigen. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. 87) werden in den Fallbeispielen jedoch hauptsächlich die Überlegungen von Fachleuten diskutiert. Flaneure oder Besucher kommen kaum zu Wort. Der hiermit ausgesprochene Wunsch nach einer erweiterten Diskussion der vorgestellten Gedanken und Thesen soll jedoch den insgesamt positiven Eindruck des Bandes nicht trüben. Die Aufsätze bieten Stoff etwa für die persistenten Diskussionen um den Wiederaufbau verlorener Strukturen und Fragen nach der Authentizität eines Baudenkmals. Die aufgezeigten "Perspektiven" regen zusätzlich zu kritischen (Selbst)Reflexionen aller mit Denkmälern befassten Disziplinen an.


Anmerkung:

[1] Wilhelm Windelband: Die Philosophie im deutschen Geistesleben des XIX. Jahrhunderts. Fünf Vorlesungen, Tübingen 1909.

Christoph Nübel