Rezension über:

Siegfried Haider: Studien zu den Traditionsbüchern des Klosters Garsten (= Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Ergänzungsband; 52), München: Oldenbourg 2008, 202 S., ISBN 978-3-486-58553-7, EUR 34,80
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Rezension von:
Monika von Walter
Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München
Redaktionelle Betreuung:
Georg Vogeler
Empfohlene Zitierweise:
Monika von Walter: Rezension von: Siegfried Haider: Studien zu den Traditionsbüchern des Klosters Garsten, München: Oldenbourg 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/15922.html


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Siegfried Haider: Studien zu den Traditionsbüchern des Klosters Garsten

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Traditionsbücher gehören zu den wichtigsten hochmittelalterlichen Geschichtsquellen und wurden im altbayerisch-österreichischen Raum vom Ende des 10. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts fast von jedem Hochstift und Kloster geführt. Sie enthalten vor allem in knapper und objektiver Form gefasste Rechtsaufzeichnungen zu Übertragungen von Grundstücken und Personen, aber auch Schilderungen von Rechtsstreitigkeiten und andere historiographische Aufzeichnungen. Damit bilden sie eine unentbehrliche Grundlage für regionale Orts- und Personenforschungen sowie für weitere historische Forschungsbereiche wie beispielsweise Rechtsgeschichte oder Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

Die bayerischen Traditionsbücher sind zu einem großen Teil durch moderne Editionen zugänglich, die systematisch von der Kommission für Bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Reihe "Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte" herausgegeben werden. Für die österreichischen Traditionsbücher gibt es eine damit vergleichbare einheitliche Reihe nicht. So ist ein Teil davon in der Reihe "Fontes rerum Austriacarum" publiziert worden, ein Teil aber auch in anderen Schriftenreihen (z.B. Mondsee in der Reihe "Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs"). In Bayern und in Österreich aber bestehen noch zahlreiche Editionslücken, die wegen der zeitaufwendigen Bearbeitung wohl noch lange nicht zu schließen sind.

Mit der Arbeit von Siegfried Haider, dem langjährigen Leiter des Oberösterreichischen Landesarchivs in Linz, ist nun ein weiterer Mosaikstein zu diesem wichtigen Forschungsvorhaben dazugekommen. Er befasst sich darin mit der spannenden Traditionsbuchüberlieferung des ehemaligen Benediktinerklosters Garsten in Oberösterreich. Garsten südlich von Steyr wurde 1082 von Herzog Otakar II. als Hauskloster und Grablege gegründet und war über Jahrhunderte hinweg das religiöse, kulturelle und geistige Zentrum der Region. Während andere bekannte oberösterreichische Konvente wie Kremsmünster oder St. Florian der Aufhebung entgingen, wurde Garsten 1787 durch Kaiser Joseph II. säkularisiert.

Das Buch stellt zwar noch keine Edition dar, ist aber eine wichtige Vorarbeit dazu, vergleichbar mit den Einleitungsteilen der vor kurzem erschienenen Editionen bayerischer Traditionsbücher. Kloster Garsten besaß seit dem hohen Mittelalter zwei Traditionsbücher. Während das eine im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz verwahrt wird, gilt das andere seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als verschollen. Anlass für die Entstehung der Studien war das Auffinden eines vermutlich im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts entstandenen Inhaltsverzeichnisses des zweiten verschollenen Traditionskodex.

Die eigentliche Arbeit besteht an sich aus drei Teilen. Zunächst wird das in Linz überlieferte Traditionsbuch, bezeichnet als Handschrift A, mit Erläuterungen zum Einband, zum Aufbau des Buchblocks mit Lagenzählung sowie zur Schrift mit Analyse der einzelnen Schreiberhände genauestens beschrieben und analysiert. Anschließend widmet sich der Autor dem inhaltlichen Aufbau von Handschrift A, die aus drei voneinander abgrenzbaren Teilen besteht: Ein Kopialbuch-Teil, dessen Inhalt Haider in Regestenform zum Druck gebracht hat, dann der eigentliche Traditionsbuch-Teil, dessen Ordnungsprinzipien und Inhalte näher erläutert werden und schließlich zuletzt ein Register-Teil, der zeigt, dass auch die Garstener Handschrift wie einige bayerische Traditionsbücher im Spätmittelalter als Urkundenregister weiter geführt wurden.

Im zweiten Teil seiner Arbeit unternimmt Haider den Versuch, ausgehend vom aufgefundenen Inhaltsverzeichnis das verschollene Traditionsbuch B soweit wie möglich zu rekonstruieren. Die dafür notwendige sorgfältige Analyse und Edition des Index lassen erkennen, dass das Inhaltsverzeichnis eine große Lücke aufweist und keineswegs den ganzen Kodex B erfasst. Ausgehend von dieser Analyse werden nun Aussehen, Inhalt und Aufbau der verschollenen Handschrift anhand aller irgendwie verfügbarer Materialien erschlossen. Insbesondere Spuren von Notizen in älteren gedruckten Editionen und urkundlicher Überlieferung liefern solche Hinweise. Dieser Rekonstruktionsversuch führt schließlich zu der Frage, in welchem Verhältnis die Handschriften A und B zueinander stehen. Der Autor kommt zu dem überzeugenden Schluss, dass Kodex B der ältere der beiden gewesen sein dürfte.

In einem dritten Teil werden Wesen und Funktion der beiden Garstener Traditionsbücher abgehandelt. Handschrift A stellt dabei insofern eine Besonderheit dar. Sie ist wohl nach 1186 im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Übergang der Steiermark an die Babenberger angelegt worden, um die im Kloster vorhandenen schriftlichen Rechtstitel nachdrücklich zu sichern, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits ein Traditionsbuch existierte. Die ältere Handschrift B dürfte dagegen aus den gleichen Motiven wie alle anderen süddeutsch-österreichischen Traditionsbücher entstanden sein, wobei auch hier eher Rechts- und Besitzsicherung im Vordergrund stehen.

Die dann sich anschließende Überlieferungsgeschichte der beiden Handschriften in einem vierten und letzten Teil ist zwar unentbehrlich, aber an dieser Stelle nicht ganz einleuchtend. Sie hätte gut in den Einleitungsteil integriert werden können, um den logischen Zusammenhang mit den bereits dort stehenden Bemerkungen zur Überlieferungsgeschichte zu wahren.

Der Anhang enthält einige Abbildungen aus Handschrift A und des kompletten Inhaltsverzeichnisses sowie ein Register der Orts- und Personennamen, aber leider kein Sachregister.

Die gesamte Untersuchung ist exakt und akribisch gearbeitet, was sich im Herzstück der Arbeit, der Rekonstruktion von Handschrift B und der daraus zu ziehenden Schlüsse, eindrucksvoll manifestiert. Es war eine große Palette hilfswissenschaftlicher Arbeitstechniken und Kenntnisse vonnöten, um selbst einzelne kleinste Spuren zu verfolgen und in das Ergebnis einfließen zu lassen. Auch wenn die eigentliche Editio noch aussteht, sind hier bereits mehrfach Regesten abgedruckt, darunter auch solche, die bisher nur mühsam und an entlegener Stelle zugänglich waren.

Die Arbeit an der eigentlichen Edition wird, v.a. durch Identifizierungen der Ortsnamen und bei Erstellung der Datierungen der Einträge noch wertvolle Erkenntnisse liefern. Nachdem die Traditionsbücher auch Vorläufer der Urbare und Besitzverzeichnisse sind, wäre es sinnvoll, dass auch eine besitzgeschichtliche Untersuchung angefügt wird, die wichtige Hilfestellung bei der Auflösung schwer zu identifizierender Ortsnamen leisten kann.

Es ist sehr zu wünschen, dass die von einem exzellenten Kenner der oberösterreichischen Geschichte so präzise gearbeitete Studie bald durch eine solche Besitzgeschichte und insbesondere die Edition ergänzt werden wird, auf die man sich schon heute freuen kann. Sie würde eine weitere Lücke der Traditionsbucheditionen schließen.

Monika von Walter