Rezension über:

Theresia Bauer u.a. (Hgg.): Gesichter der Zeitgeschichte. Deutsche Lebensläufe im 20. Jahrhundert, München: Oldenbourg 2009, 320 S., ISBN 978-3-486-58991-7, EUR 49,80
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Rezension von:
Klaus-Dietmar Henke
Technische Universität, Dresden
Empfohlene Zitierweise:
Klaus-Dietmar Henke: Rezension von: Theresia Bauer u.a. (Hgg.): Gesichter der Zeitgeschichte. Deutsche Lebensläufe im 20. Jahrhundert, München: Oldenbourg 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/16615.html


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Theresia Bauer u.a. (Hgg.): Gesichter der Zeitgeschichte

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Hier haben wir einmal eine Festschrift vor uns, die tatsächlich anschaulich macht, was zu zeigen sie verspricht: "Lebenszusammenhänge überwölben die Zäsuren, mit denen die Pragmatik der Forschung die Zeitläufte in handhabbare Stücke teilt. Verknüpfungen werden sichtbar zwischen Öffentlichem und Privatem, Ideen und Interessen, langfristigen Prozessen und prägenden Ereignissen, den Verhältnissen und ihrer Erfahrung und Deutung, zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, in der er agiert." Das überrascht bei diesem ziemlich verwilderten Genre - und doch wieder nicht, denn die Herausgeber und Autoren dieses Sammelbands sind alle durch die Schule von Hans Günter Hockerts gegangen, der bekanntlich einen geradezu konstitutionellen Mangel an Kompromissfähigkeit in Qualitätsfragen aufweist.

Der kürzlich emeritierte Universitätsprofessor für Zeitgeschichte an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität ist das Musterbild methodologischer Präzision und forscherischer Leidenschaft, von ebenso freundlicher Offenheit wie akademischer Fairness - ein homo academico-democraticus von auffallender gedanklicher Stringenz und feinsinnigem Stil. Wie einige andere herausragende Zeithistoriker seiner Generation (Ludolf Herbst etwa) hat er nie schnellen Ruhm in den Medien oder Einfluss durchs politische Hintertürchen gesucht, sondern sich der Sache gewidmet, für die er bezahlt wurde: Der intellektuellen Vermessung, der dreifachen deutschen Zeitgeschichte, wie er sagt, sowie der Förderung seiner Schülerinnen und Schüler. Tatsächlich ist Hockerts wie nur wenige Hochschullehrer in allen Epochen der deutschen Zeitgeschichte zu Hause, was ihn etwa auf einem seiner Paradefelder (neben der Geschichte des Katholizismus, der Wiedergutmachung von NS-Unrecht, der DDR-Geschichte, der Geschichtstheorie...), der historischen Entfaltung des Sozialstaats, in den Stand setzte, den ständig geforderten, aber sehr selten eingelösten historischen Vergleich fruchtbar zu machen. Auch diese Breite des Ansatzes und der Grad der Durchdringung des Gegenstands ist in den "Gesichtern der Zeitgeschichte" gespiegelt.

Hockerts' Elevenschar - Theresia Bauer, Elisabeth Kraus, Christiane Kuller und Winfried Süß an der Spitze - ehrt den Meister mit einer demonstrativ antipompösen, von außen gar nicht als solche erkennbaren Festschrift also adäquat; schließlich wissen seine Doktoranden aus eigener Erfahrung um die "Distanz, mit der er jedem Aufheben um seine Person begegnet", wie sie im Vorwort schreiben. Auch in diesem sympathischen Falle hat man zwar eine beträchtliche innere Abwehr gegen das gut gemeinte kompilatorische Genre der Festschriften zu überwinden, stellt aber bald einigermaßen überrascht fest, dass man in ein Buch mit einer sauber fokussierten und im Ganzen adäquat durchgeführten Konzeption hineingeraten ist. Es geht um Biografien von Frauen und Männern überwiegend aus der "zweiten Reihe", in deren Leben sich gleichwohl "Grundprobleme und leitende Tendenzen" der NS-Zeit, der alten Bundesrepublik und der DDR verdichten. Die meisten Aufsätze sind ganz im Stile des Lehrmeisters - selbst Herausgeber und prominenter Autor der "Neuen Deutschen Biographie" - akribisch aus den Akten gearbeitet.

Fast durchweg ist die Einbindung der 18 epochedeutenden Porträts in die Zeitläufe geglückt. Glänzende Miniaturen sind darunter: Etwa die von Stephan H. Lindner über Carl Ludwig Lautenschläger von der I.G. Farben; von Jaromír Balcar über Bernhard Adolf, den weithin unbekannt gebliebenen Chefausbeuter des Protektorats Böhmen und Mähren; von Susanna Schrafstetter über die zeitgemäße Karriere von Gustav Adolf Sonnenhol, eines Altnazis als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland und Apartheidfans in Südafrika. Hervorzuheben sind auch Jutta Brauns Porträt der armen Fechtweltmeisterin Helene Mayer, Dieter Pohls rasante Skizze des ebenso intelligenten wie ekelhaften, erst jüngst in Berlin-Weißensee verstorbenen Geheimdienstkarrieristen Heinz Felfe oder Thomas Schlemmers souveräne und kompakte Deutung des "vergessenen Ministerpräsidenten" Hans Ehard. Julius Kardinal Döpfner und Georg Picht werden ebenfalls zusehends lebendiger, während man sich die Lebensbilder von Theresia Bauer und Wilfried Rudloff zu Gemüte führt. Manches mäandert ein bisschen wie die Skizze der Stifterin Amélie Thyssen (Elisabeth Kraus), manches meint man so schon des Öfteren gelesen zu haben wie etwa die Vita von Joseph Rovan (Claudia Moisel). Methodologisches darf natürlich auch nicht fehlen. Das besorgt in praktischer Nutzanwendung der mittlerweile als Lektor tätige Tobias Winstel. Er verfasst ein smart geschriebenes Plädoyer für die Biografik nebst Gebrauchsanweisung für den werdenden Biografen, einen launigen "Dekalog der biographischen Moral" - wie die richtigen Zehn Gebote ein knallhartes benchmarking, dem sich nicht jeder gewachsen fühlen wird ("Du sollst nicht fantasielos noch lustfeindlich in Bezug auf sprachliche Fertigkeiten sein!").

Wirkliche Ausfälle, die in herkömmlichen Festschriften schmerzliche Regel, sind in dieser Festgabe für einen bedeutenden Forscher und Mentor nicht zu beklagen. Sie tönt im untrüglichen Sound der Schule von Hans Günter Hockerts, der menschenleere Strukturlandschaften in der Historiografie verabscheut und selbst immer mal eine Biografie schreiben wollte. Vielleicht tut er es ja gerade, und sei es, um die Begeisterung seiner exzellenten Schülerschar für den biografischen Ansatz in der Geschichtsschreibung noch zu befeuern.

Klaus-Dietmar Henke