Rezension über:

Volkmar Billig / Birgit Dalbajewa / Gilbert Lupfer u.a. (Hgg.): Bilder-Wechsel. Sächsisch-russischer Kulturtransfer im Zeitalter der Aufklärung, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, 304 S., ISBN 978-3-412-20435-8, EUR 34,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Andreas Frings
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Frings: Rezension von: Volkmar Billig / Birgit Dalbajewa / Gilbert Lupfer u.a. (Hgg.): Bilder-Wechsel. Sächsisch-russischer Kulturtransfer im Zeitalter der Aufklärung, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 1 [15.01.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/01/16638.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Volkmar Billig / Birgit Dalbajewa / Gilbert Lupfer u.a. (Hgg.): Bilder-Wechsel

Textgröße: A A A

Nach den historiografischen Bestandsaufnahmen der Forschungen über die sächsisch-polnischen Beziehungen im Gefolge der 300-Jahrfeiern der Krönung Augusts II. 1997 [1] sind in den letzten Jahren auch die sächsisch-russischen Beziehungsgeschichten vermehrt in den Blick geraten. Anders als im sächsisch-polnischen Beispiel, das weiterhin überwiegend politikhistorisch untersucht wird, sind es im Falle der sächsisch-russischen Beziehungen aber vor allem kunst- und kulturhistorische Interaktionen, die dementsprechend auch überwiegend von Kunst- und Kulturhistorikern behandelt werden. Insbesondere die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die auch die hier zu besprechende (finanziell von der Getty Foundation unterstützte) Publikation verantworten, haben sich in den letzten Jahren auf diesem Gebiet hervorgetan. [2]

Der Sammelband nimmt die sächsisch-russischen Kulturbeziehungen des 18. Jahrhunderts in den Blick. Er thematisiert, wie im Titel angedeutet, Bilderwechsel, also zum einen den materiellen Transfer von Bildern und anderen Artefakten von Sachsen nach Russland und zum anderen die sich wandelnden Bilder, die sich Sachsen und Russen voneinander im 18. Jahrhundert machten. Diese wiesen, wie ein im Band enthaltenes Interview mit dem Historiker Gerd Koenen auszuleuchten versucht, bereits eine ähnliche Ambivalenz auf wie jene Vorstellungen, die Koenen für das 20. Jahrhundert unter dem Interpretament des deutschen "Russland-Komplexes" beschrieben hat.

Eingeleitet wird der Band von einem Überblick Ada Raevs über politische Konstellationen im Russland des 18. Jahrhunderts und das sich mit diesen verändernde Interesse an Sachsen, das auf Grund der Doppelherrschaft der Wettiner auf dem sächsischen und dem polnisch-litauischen Thron in gewisser Weise Nachbar des Zarenreiches war. Diese Herleitung hilft, die sich anschließenden Beiträge einzuordnen. Schwieriger ist eine Bewertung des bereits angesprochenen, durchaus instruktiven und anregenden Interviews mit Gerd Koenen, das Volkmar Billig, Leiter des Projektes, geführt hat. Die Überlegungen zur Verflechtungsgeschichte des 18. Jahrhunderts und zum deutschen Russland-Komplex des späten 19. und des 20. Jahrhunderts wirken unverbunden, eine wechselseitige Erhellung erfolgt leider kaum. Möglicherweise ist das aber auch nur folgerichtig, denn die Beziehungen des 18. Jahrhunderts fußten auf gänzlich anderen Voraussetzungen.

Diese herauszuarbeiten und so die sächsisch-russischen Kulturbeziehungen des 18. Jahrhunderts im Detail darzustellen, ist das Verdienst der folgenden Beiträge, die in drei Abschnitte gegliedert sind. Der erste Abschnitt mit dem Titel "Schätze des Wissens" behandelt das Schatzsammeln am Hofe Peters I. (Olga Kostjuk), das sächsische Vorbild bei der Entwicklung der Petersburger Kunstkammer (Mathias Ullmann [3]) und das ebenfalls sächsische Vorbild für das chemische Laboratorium Lomonossows (Tatjana Moiseeva). Der zweite Abschnitt behandelt detailliert den Erwerb der Sammlungen des Grafen Brühl durch Russland, gegliedert in einen allgemeinen Überblick über den Umgang mit den Sammlungen nach Brühls Tod (Ute Christina Koch), die Zeichnungen (Alexei Larionov) und die Grafiken (Dimitri Ozerkov). Ein erstmals abgedrucktes kommentiertes "Verzeichniss derer Kupferstich-Wercke, so die Gräflich-Brühlische Kupferstich-Samlung ausmachen" von 1768 beschließt diesen Teil. Der letzte Abschnitt geht dann auf konkrete "Agenten" der russisch-sächsischen Transfergeschichte ein, auf deutsche Vermittler russischer Kulturleistungen (Erhard Hexelschneider), auf den 1735 nach Russland ausgewanderten Jakob von Stählin (Thomas Liebsch) und auf Alexander Beloselski, den russischen Gesandten in Dresden (Michael Schippan).

Viele Beiträge wirken zunächst sehr wie eine Aufnahme aller verfügbaren Informationen, wie ein Inventar der historischen Fakten zur einleitenden Fragestellung. Die meisten sind daher sehr detailliert. Es wäre aber unzutreffend, sie nur als Inventar zu lesen. Vielmehr handelt es sich um Beiträge, die das modische Hantieren mit den Begrifflichkeiten der Kulturtransferforschung (das nahegelegen hätte) glücklicherweise vermeiden und sich stattdessen auf eine genaue empirische Rekonstruktion von Transferprozessen bemühen. Dabei geht es tatsächlich um die Übertragung materieller Güter wie auch immaterieller Sachverhalte. Dass sich der Band dabei durchweg an "hochkulturellen" Transfers (Bildende Künste, Literatur) abarbeitet, ist eine seiner besonderen Stärken, da auf diese Weise quasi en passant die politikgeschichtliche Perspektive auf solche Austauschbeziehungen kulturhistorisch angereichert wird. Wohltuend ist zudem, dass der Band tatsächlich an sächsischen (und nicht etwa "deutschen") Verbindungen mit Russland orientiert bleibt und damit einen für das 18. Jahrhundert zentralen, nämlich einen dynastischen und herrschaftlichen, nicht ethnisch-nationalen Referenzrahmen wählt.

Gemeinsam mit der Darstellung der kulturellen Begegnungen zwischen Sachsen und Russland zwischen 1790 und 1849 von Erhard Hexelschneider [4] liegt somit eine Übersicht über die sächsisch-russischen Beziehungen von der europäischen Öffnung Russlands unter Peter I. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vor. Das unterstreicht auch zu Recht jene europäische Bedeutung des Kurfürstentums Sachsen, die in einer lange von der preußischen Historiografie beeinflussten Geschichtswissenschaft bisher nicht genügend zur Kenntnis genommen wurde. Auch die sächsische Landesgeschichtsschreibung sollte dieser Öffnung des Themenspektrums nach Osteuropa folgen; sowohl auf dem Gebiet der polnisch-sächsischen als auch der russisch-sächsischen Beziehungsgeschichte gibt es hier noch genug zu tun.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Rex Rexheuser: Die Personalunionen von Sachsen-Polen 1697-1763 und Hannover-England 1714-1837. Ein Vergleich, Wiesbaden 2005; Christine Klecker (Hg.): Sachsen und Polen zwischen 1697 und 1765. Beiträge der wissenschaftlichen Konferenz vom 26. bis 28. Juni 1997 in Dresden (= Saxonia. Schriftenreihe des Vereins für sächsische Landesgeschichte; 4/5). Dresden 1998; Werner Schmidt (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union, Leipzig 1997.

[2] Vgl. etwa den Sammelband von Erhard Hexelschneider u.a. (Hgg.): In Moskau ein kleines Albertinum bauen. Iwan Zwetajew und Georg Treu im Briefwechsel (1881-1913), Köln u.a. 2006, oder das Internationale Symposium in Moskau zum Thema "Trophäen - Verluste - Äquivalente. Kulturgüter als Kriegsopfer: Forschungsstand und Perspektiven" (Februar 2009).

[3] Ausweislich der Homepage der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bildet der "Einfluss der Kunstkammer Augusts des Starken auf die 'Kunstkamera' Peters des Großen" einen Schwerpunkt des Forschungsprojektes, der weiter verfolgt werden wird, siehe http://www.skd-dresden.de/de/wissenschaft/Kunsttransfer.html (04.01.2010).

[4] Erhard Hexelschneider: Kulturelle Begegnungen zwischen Sachsen und Russland, 1790-1849, Köln u.a. 2000.

Andreas Frings