Rezension über:

Raymond L. Cohn: Mass Migration under Sail. European Immigration to the Antebellum United States, Cambridge: Cambridge University Press 2009, XV + 254 S., ISBN 978-0-521-51322-7, GBP 45,00
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Rezension von:
Katja Wüstenbecker
Historisches Institut, Friedrich Schiller Universität Jena / Webster University, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Katja Wüstenbecker: Rezension von: Raymond L. Cohn: Mass Migration under Sail. European Immigration to the Antebellum United States, Cambridge: Cambridge University Press 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: https://www.sehepunkte.de
/2010/03/16552.html


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Raymond L. Cohn: Mass Migration under Sail

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Der Wirtschaftshistoriker Raymond Cohn untersucht in seiner Studie die europäische Einwanderung von 1815-1860, das heißt also vor dem Bürgerkrieg. Cohn hat diesen Zeitraum sehr bewusst gewählt, weil die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zum einen den Beginn der Masseneinwanderung in die Vereinigten Staaten markiert und zum anderen nahezu alle Immigranten noch auf Segelschiffen den Atlantik überqueren mussten. Die damit verbundene lange Reise und die hohen Transportkosten bedeutete für die Auswanderer, dass eine Rückkehr nach Europa kaum mehr möglich war, sie sich also wirklich eine neue Existenz in ihrer Wahlheimat aufbauen mussten. Cohn geht in seiner Studie daher der Frage nach, inwiefern die Anwesenheit dieser vielen Menschen die Vereinigten Staaten verändert hat.

Der Band besteht aus neun Kapiteln: Nachdem Cohn seine Herangehensweise erläutert und den Forschungsstand dokumentiert hat (Kap.1), untersucht er anschließend, aus welchen europäischen Ländern die Amerikaauswanderer kamen (Kap.2), warum sie die Heimat verließen (Kap.3-4) und welchen Alters- und Berufsgruppen sie angehörten (Kap.5). Er erforscht ihre Anreisewege zu den wichtigsten europäischen Häfen und die Lebensbedingungen auf den Segelschiffen während der Überfahrt (Kap.6). Nach ihrer Ankunft in Amerika analysiert er ihre Wanderungsbewegungen und untersucht, welche Berufe sie in der neuen Heimat ergriffen (Kap.7). Darauf folgt eine Bewertung verschiedener Wirtschaftszweige, um herauszufinden, welchen Einfluss die Neuankömmlinge auf das Produktions- und Transportwesen, auf die Lohnentwicklung und auf das amerikanische Wirtschaftswachstum hatten (Kap.8). Abschließend folgt eine Zusammenfassung, ein kurzer Ausblick auf die weitere Entwicklung in den Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg sowie einige Anregungen zu weiteren offenen Forschungsfragen (Kap.9).

Von den 35 Millionen Menschen, die 1815-1914 in die Vereinigten Staaten einwanderten, kamen etwa fünf Millionen in den Jahren vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Nahezu 92% von ihnen waren Auswanderer aus Irland, Deutschland und Großbritannien, der Rest setzte sich aus Niederländern, Skandinaviern und anderen West- und Nordeuropäern zusammen (31). Dieser hohe Anteil an Iren, Deutschen und Briten erklärt, warum Cohn vor allem diese Gruppe ausführlich untersucht hat. Er stellt fest, dass die Briten aus verschiedenen Regionen Großbritanniens kamen, während man für die Iren festhalten kann, dass die meisten der frühen Auswanderer vor allem aus dem Nordosten Irlands stammten, und bei den deutschen Auswanderern beobachtet werden kann, dass viele von ihnen zunächst aus dem Südwesten kamen. Er führt dies darauf zurück, dass der Nordosten Irlands und der Südwesten Deutschlands im frühen 19. Jahrhundert zu den Regionen Europas gehörten, die a) eine extrem hohe Bevölkerungsdichte aufwiesen; b) mehrfach von Missernten betroffen waren und c) es für die Menschen in diesen ländlich geprägten Regionen kaum Möglichkeiten gab, sich neben der Landwirtschaft etwas hinzuzuverdienen (32-42).

Im Gegensatz zu anderen Forschungsarbeiten, die sich ausschließlich mit push- und pull- Faktoren beschäftigt haben, das heißt den Gründen, die einen Menschen aus seinem Heimatland vertreiben (push) oder in ein spezielles Land ziehen (pull), kommt Cohn aber zu dem Schluss, dass es auch noch andere Faktoren gab, die die Entscheidung zur Auswanderung beeinflussen konnten. Dazu zählen zum Beispiel die Gesetzgebung des Heimatlandes bezüglich Auswanderung (erlaubt oder verboten), die Verfügbarkeit von Schiffen, die Höhe der Transportkosten und Informationen über die Arbeitsmarktlage im Zielland. Er weist nach, dass genau diese Faktoren dazu führten, dass die Anzahl der Auswanderer aus Europa in den späten 1820er Jahren rapide zunahm (71).

Zu Beginn des Jahrhunderts gab es zunächst noch keine Passagiertransporte. Die Auswanderer mussten sich in den Hafenstädten auf die Suche nach Segelschiffen machen, die Waren von Amerika nach Europa transportiert hatten und nun für die Rückfahrt noch Fracht brauchten. Die meisten dieser Handelsschiffe fuhren nur zu einem bestimmten Hafen in den USA zurück, so dass die Auswanderer sich kaum aussuchen konnten, wo sie in Amerika an Land gehen wollten. Dies änderte sich ab den 1830er Jahren, als die Reeder erkannten, dass mit dem anwachsenden Auswandererstrom ein gutes Geschäft zu machen war. Es wurden immer mehr Routen angeboten und New York entwickelte sich schnell zum wichtigsten Einwanderungshafen (156). Bis in die späten 1850er Jahre konnten sich jedoch nur die wenigsten Auswanderer eine Passage auf einem Dampfschiff leisten. Kamen 1852 erst 1% der Einwanderer in New York auf einem Dampfschiff an, so waren es 1870 bereits 86% (2). Cohn berechnet anhand verschiedener Statistiken, dass 1,5% aller Segelschiffpassagiere während der Überfahrt oder kurz nach der Ankunft starben. Obwohl diese Sterberate etwa fünfmal höher war als bei den Daheimgebliebenen, so war sie doch laut Cohn um ein Vielfaches niedriger, als bislang in der Forschung angenommen (145).

Cohn stellt fest, dass sich nach der Ankunft in den USA das Siedlungsverhalten von Deutschen, Briten und Iren erheblich unterschied, was er auf verschiedene Faktoren zurückführt. Zum einen kommt er bei seinen statistischen Auswertungen zu dem Schluss, dass die Auswanderer aus Deutschland im Durchschnitt besser ausgebildet und damit auch ein wenig älter waren als Briten und Iren. Besonders ihr Anteil an Handwerkern und Kaufleuten war deutlich höher. Im Gegenzug weist er für irische Einwanderer nach, dass viele von ihnen ungelernte Arbeiter waren. Dafür waren sie in der Regel auch sehr viel jünger. Die Briten werden von Cohn bezüglich ihres Ausbildungsstandes und ihres Alters zwischen Deutschen und Iren angesiedelt (120-121). Zum anderen berechnet Cohn, dass deutsche Einwanderer im Schnitt mehr Startkapital mitbrachten als britische, während irische Einwanderer bei ihrer Ankunft nur wenig Geld besaßen (118). Da die meisten Iren in Boston oder New York eintrafen, kaum Geld hatten, um weiterzuziehen und oft auf Arbeitsplätze in Fabriken angewiesen waren, blieb der Grossteil gleich in den Städten des Nordostens. Im Gegensatz dazu konnten sich die meisten Deutschen die Weiterfahrt in den Mittleren Westen leisten. Als Handwerker, Kaufleute und Arbeiter suchten sie Arbeitsplätze in den dortigen Städten, als Farmer kauften sie sich ihr eigenes Stück Land. Britische Einwanderer verteilten sich wesentlich gleichmäßiger über die verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten (169-171).

Cohn kommt zu dem Schluss, dass die um 1820 stark einsetzende Einwanderung von Europäern der wachsenden amerikanischen Wirtschaft die dringend benötigten Arbeitskräfte brachte, wodurch die meisten der Neuankömmlinge in der neuen Heimat erfolgreich waren. Laut Cohn profitierte die Wirtschaft in mehrfacher Hinsicht von diesen frühen Einwanderern: Sie brachten eine gute Ausbildung und Fachwissen mit, sie waren hoch motiviert, manche hatten genug Startkapital, um sich selbständig zu machen, andere wiederum machten das Land als Farmer urbar.

Cohns Werk ist eine sehr interessante und spannende Wirtschaftsstudie, die viele bisher vernachlässigte Aspekte der Migration in den Blickpunkt rückt. Er setzt sich kritisch mit den vorhandenen Daten auseinander und bietet gekonnt alternative Lesarten an. Zu bemängeln ist lediglich, dass Cohn viele Wiederholungen verwendet, wodurch manche Passagen etwas langatmig werden. Es wäre auch wünschenswert gewesen, wenn er Karten eingefügt hätte. Trotz dieser kleinen Mängel ist Cohns Buch wirklich empfehlenswert.

Katja Wüstenbecker