Rezension über:

Adrienne Mayor: The Poison King. The Life and Legend of Mithradates. Rome's Deadliest Enemy, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2010, XXII + 448 S., ISBN 978-0-691-12683-8, GBP 20,95
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Rezension von:
Christoph Michels
Historisches Institut, Rheinisch-Westf├Ąlische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Michels: Rezension von: Adrienne Mayor: The Poison King. The Life and Legend of Mithradates. Rome's Deadliest Enemy, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 5 [15.05.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/05/17284.html


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Adrienne Mayor: The Poison King

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Das Interesse an Mithradates VI. Eupator Dionysos von Pontos (um 135-63 v.Chr.), der als zäher Feind Roms seinem Kriegsgegner über Jahrzehnte trotzte und als hellenistischer Herrscher persische mit griechisch-makedonischen Traditionen verband, hat erst in den beiden letzten Jahrzehnten wieder merklich zugenommen. Dass es sich bei der von Adrienne Mayor nun vorgelegten, gut lesbaren und reich bebilderten Biografie um die erste "full-scale biography" seit einem Jahrhundert handelt (7), ist allerdings übertrieben. Vielmehr hat es seit der immer noch grundlegenden Biografie Reinachs (1895) diverse Monografien höchst unterschiedlicher Qualität gegeben, unter denen die Untersuchungen von McGing (1986) und Ballesteros Pastor (1996) hervorzuheben sind. [1] Mayor, die sich als "independent folklorist/historian of science" versteht [2], nimmt insofern eine neue Perspektive ein, als ihr Interesse an Mithradates, welcher der Nachwelt auch für seine toxikologischen Experimente in Erinnerung blieb, aus der Beschäftigung mit "unconventional warfare and the use of poisons" (8) in der Antike erwuchs. [3] Dementsprechend soll ihr Buch auch zum ersten Mal "the inspiration and scientific principles underlying Mithradates' antidote" erklären (2). Trotz dieser interessanten, naturwissenschaftlichen Dimension birgt die Darstellung Mayors zahlreiche Probleme und kann daher weder Studenten noch Fachwissenschaftlern empfohlen werden.

Von den diversen sachlichen Fehlern seien hier nur einige beispielhaft genannt: So wird etwa der kappadokische Königsname 'Ariarathes' durchgängig bei allen Herrschern dieses Namens 'Ariathes' geschrieben. Attalos III. folgt auf Eumenes II. statt auf Attalos II. (57). Sklaverei soll bei den Persern angeblich aufgrund von "ancient persian law and religion" verboten gewesen sein (20). Mithradates VI. habe als Junge den "nickname" Dionysos erhalten, während er das Epitheton Eupator erst als Erwachsener angenommen habe (45). Das Gegenteil wird durch OGIS 368-9 erwiesen. Ferner ist der Beiname Dionysos keinesfalls als 'Spitzname' wie etwa "Auletes" bei Ptolemaios XII. zu sehen.

Schwerwiegender sind aber methodologische Kritikpunkte. Ein grundlegendes Problem ist der relativ kritiklose Umgang mit dem Aussagewert der Quellen. [4] Die für Mithradates schwierige, da lückenhafte und oft negativ gefärbte antike Überlieferung kompensiert Mayor dadurch, dass sie "missing elements in the historical record" (6) um Aspekte ergänzt, die sie aufgrund des historischen Kontextes für "probable or plausible" hält. Während eine Rekonstruktion des historischen Geschehens durch Heranziehen von Parallelen ihre Berechtigung haben kann, ist es wissenschaftlich nicht vertretbar, dass Mayor Details auf Basis fragwürdiger Analogien willkürlich hinzuerfindet (und diese oft lediglich in den Endnoten entsprechend dokumentiert), um ihr Narrativ anzureichern. Dies betrifft insbesondere die schlecht bezeugten Jugendjahre Mithradates', die romanhafte Züge gewinnen. Ein besonders extremes Beispiel ist eine Episode, die Mithradates laut Mayor in den Jahren seines in der Forschung umstrittenen Exils erlebte. Der Tempel der Göttin Ma in Komana Pontika firmiert bei Mayor aufgrund der fälschlich als Tempelprostituierte interpretierten hierodouloi als "Temple of Love" (89-91), in dem sich Mithradates und seine Gefährten angeblich ihre sexuellen Fantasien erfüllten. Diese Arbeitsweise setzt sich leider in der gesamten Darstellung fort. So ergänzt Mayor, Mithradates habe seine Töchter in den Armen gehalten, bis diese an dem von ihm verabreichten Gift verstarben (349). Nur eine Steigerung dieser Methode ist es, wenn Mayor am Schluss bewusst kontrafaktuelle Spekulationen anstrengt und ein Szenario entwirft, in dem Mithradates seinen Tod nur inszenierte und fortan bei den Stämmen des Nordens lebte (360). Höchst problematisch ist ferner die Praxis, Quellentexte zusammenzuziehen (vgl. z.B. 35, durch Kursivschrift gekennzeichnet) oder aus ihnen wörtliche Rede zu kristallisieren (z.B. 160-3).

Mayor hat sich intensiv mit der Rezeptionsgeschichte Eupators auseinandergesetzt. Während die Betrachtungen zu Mithradates in Literatur und Kunst aber in einem gesonderten Abschnitt durchaus gewinnbringend gewesen wären, ist ihre Einflechtung ins Narrativ methodisch fragwürdig. Ein auffallendes Charakteristikum der Darstellung sind zudem zahlreiche historische Vergleiche und Bezüge zur Zeitgeschichte, besonders zu den Kriegen der USA, die selten überzeugen (z.B. 236). Eine Tabelle (22) kann als symptomatisch für Mayors Reflexionsniveau stehen. Im Kontext der sogenannten Ephesischen Vesper werden als historische Beispiele von Massensterben Naturkatastrophen und "mass killings" nebeneinandergestellt, darunter die Pest in Athen, der Boudicca-Aufstand, der nationalsozialistische Genozid an den Juden und schließlich das Erdbeben in China von 2008. Eine detaillierte historische Kontextualisierung unterbleibt dagegen oft. Dies fällt etwa beim Nachfolgekonflikt in Kappadokien auf (45), ist aber gerade im Bereich der Herrschaftsrepräsentation offensichtlich, bei der auch einschlägige Forschungsliteratur fehlt. Die umfangreiche deutschsprachige Forschung zu Pontos wurde kaum berücksichtigt.

Eine eigenwillige Grundtendenz verfolgt Mayor, wenn sie Mithradates als Exponenten eines aufgeklärten Königtums präsentiert, der sich dem römischen Imperialismus entgegenstellte. Ist es schon problematisch, Mithradates für die Kriegszeit ein ehrliches Sendungsbewusstsein zuzuschreiben (341) und die Selbstdarstellung als Befreier nicht als etabliertes Merkmal hellenistischer Herrschaftsrepräsentation zu sehen, so ist es erst recht fragwürdig, Jugend und frühe Regierungsjahre Eupators als allein auf den Konflikt mit Rom ausgerichtet zu interpretieren. [5] Wurde der pontische König in der (weiter zurückliegenden) Vergangenheit zwar zuweilen als 'Orientale' abqualifiziert, so wählt Mayor nun eine dezidiert anti-römische bzw. anti-westliche Darstellung. Wenn durch Mayors Buch Mithradates VI. wieder einem breiteren Publikum bekannt wird, so ist dies begrüßenswert. Ihr teils romantisierend verklärter Mithradates ist jedoch eher die Gestalt eines Historienromans denn einer wissenschaftlichen Untersuchung.


Anmerkungen:

[1] Théodore Reinach: Mithradates Eupator. König von Pontos, dtsch. v. A. Götz, Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1895, Hildesheim [u.a.] 1975; Brian C. McGing: The foreign policy of Mithridates VI Eupator, King of Pontus (= Mnemosyne Supplementum, 89), Leiden 1986; Luis Ballesteros Pastor: Mitrídates Eupátor. Rey del Ponto, Granada 1996.

[2] Vgl. die Homepage Mayors an der Stanford University, http://www.stanford.edu/dept/HPST/Mayor.html (Abruf am 02.04.2010).

[3] Adrienne Mayor: Greek fire, poison arrows, and scorpion bombs: biological and chemical warfare in the Ancient World, Woodstock [u.a.] 2003.

[4] Vgl. etwa die Bemerkungen bei 27 Anm. 1 zu Justin. Die Problematik wird bereits offenbar, wenn Plutarch und Pausanias als Historiker bezeichnet werden, zeigt sich aber auch, wenn etwa die bei griechisch-römischen Autoren überlieferten Reden des Mithradates als Beweis dafür angeführt werden, er habe die Mechanismen der Römischen Republik durchschaut (144-5). Dass es gerade diese Elemente nahelegen, die Reden als Konstrukte zu werten, wird nicht in Betracht gezogen.

[5] Vgl. dagegen zu Recht Karl Strobel: Mithradates VI. Eupator von Pontos. Der letzte große Monarch der hellenistischen Welt und sein Scheitern an der römischen Macht, in: Ktema 21 (1996), 55-94.

Christoph Michels