Rezension über:

Márton Gyöngyössy / Heinz Winter: Münzen und Medaillen des ungarischen Mittelalters 1000-1526 (= Sammlungskataloge des Kunsthistorischen Museums; Bd. 4), Wien: Kunsthistorisches Museum Wien 2007, 270 S., ISBN 978-3-85497-121-4, EUR 49,90
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Rezension von:
Bernhard Prokisch
Schlossmuseum, Linz
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Prokisch: Rezension von: Márton Gyöngyössy / Heinz Winter: Münzen und Medaillen des ungarischen Mittelalters 1000-1526, Wien: Kunsthistorisches Museum Wien 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/06/14168.html


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Márton Gyöngyössy / Heinz Winter: Münzen und Medaillen des ungarischen Mittelalters 1000-1526

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Das Verfassen von Bestandskatalogen zählt auch in der Numismatik zu den mühevollen und daher oftmals unbedankten, jedoch ungemein wichtigen Basisarbeiten. Umso begrüßenswerter ist es, wenn ein Museum vom Range des Kunsthistorischen Museums seine eminenten numismatischen Bestände der Öffentlichkeit in Form von umfassenden Bestandverzeichnissen erschließt. Nach der Vorlage der Sammlung keltischer Münzen durch Günther Dembski im Jahr 1998 liegt nun als erster Band aus den nachantiken Beständen derjenige zum ungarischen Mittelalter vor. Dieses beginnt aus numismatischer Sicht mit den Denaren Stephans I., die etwa ab 1020 in größerem Umfang ausgegeben wurden, und umfasst hier über die mittelalterliche Periode im eigentlichen Sinn hinaus die Jahre bis 1526, also bis zu den großen Umwälzungen im Gefolge der Schlacht von Mohács und dem Übergang des Landes an das Haus Habsburg. Dies hat zur Folge, dass der Band neben der Münzreihe der ungarischen Könige von Stephan I. bis Ludwig II. auch die ungarischen Medaillen der Renaissancezeit beinhaltet.

Dem Katalogteil sind kurz gehaltene, präzise formulierte und sehr informative Einführungstexte vorangestellt. Márton Gyöngyössi, Direktor der Museen des Komitats Pest und ausgewiesener Spezialist der ungarischen Mittelalternumismatik gibt einen Überblick (15-35) über das ungarische Münzwesen des Mittelalters. Er führt den Leser von den frühen Denaren der Àrpádenzeit über das Zeitalter des Kleingeldes mit seinen oft anonymen und nur teilweise genauer zu klassifizierenden Typen, das Intermezzo der Kupferprägung nach byzantinischem und islamischem Vorbild unter Béla III., dem Eindringen der Friesacher Pfennige aus dem Westen und dessen Folgen bis an die Schwelle des Spätmittelalters, als unter den Königen der Anjou-Dynastie im 2. Viertel des 13. Jahrhunderts mit dem aus Italien übernommenen Goldgulden eine Goldwährung bzw. Gold- und Silberwährung neuen Typs eingerichtet wurde. Ebenso werden die Entwicklungen des späten und ausgehenden Mittelalters nachgezeichnet, die mit der Übernahme der Kremnitzer Kammer durch die Fugger und die Thurzo ("ungarischer Handel") in den 1490er-Jahren und mit der Ausgabe der ersten Großsilbermünzen ab 1499 zunehmend frühneuzeitliche Züge annahm.

Heinz Winter, stellvertretender Direktor und Kustos der Medaillensammlung im Wiener Münzkabinett, bietet eine Einführung (37-45) in den einzigartigen Bestand an Medaillen auf ungarische Herrscher des Mittelalters. Dabei werden die Objekte in die Zusammenhänge sowohl der Entwicklungsgeschichte der Medaille als auch der Sammlungsgeschichte des Wiener Kabinetts gestellt. Besonderes Augenmerk liegt auf der schwierigen Frage der Gewinnung von Datierungsansätzen für die - teils postum entstandenen - Stücke.

Es folgt als Hauptteil des Buches der Katalog, der nicht weniger als 1800 Objekte, davon 1755 Münzen und 45 Medaillen verzeichnet. Zu jeder Münze werden die Basisdaten (Nominale, Datierung, Münzstätten und für die Prägung verantwortliche Kammergrafen), minutiöse Beschreibungen, die technischen Daten sowie Querverweise zu den Standardwerken von Rethy, Huszár, Kovács und (für das Spätmittelalter) Pohl angegeben.

Besonders ausführlich ist schließlich der Katalog der Medaillen, der über Daten und Beschreibung hinaus teils umfangreiche Kommentare bietet und damit nicht nur ein Bild der frühen ungarischen Medaille zeichnet, sondern darüber hinaus einen Beitrag zur Frühgeschichte der Medaille in Mitteleuropa liefert.

Am Beginn stehen die Stücke mit den fiktiven Portraits der königlichen Brüder Attila und Bleda, darunter die in zahllosen Repliken verbreitete Attila-Medaille mit der Vedute von Aquileia auf dem Revers (Kat. Nr. 1757a/1-1762), gefolgt von den Schaustücken auf die spätmittelalterlichen Könige Ungarns ab Sigismund (1387-1437) bis zu den bereits in den 1530er-Jahren entstandenen Medaillen mit den Bildnissen Ferdinands I. und Anna Jagiellos. Es sind Arbeiten sowohl italienischen als auch deutschen Ursprungs vertreten, ein nicht geringer Teil entzieht sich jedoch bis heute einer näheren Zuweisung.

Der Band wird durch einen überaus nützlichen Anhang abgerundet, der neben Indices und Inventarkonkordanzen eine Karte der Prägestätten, ein recht umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Verzeichnis der Medaillenlegenden samt Auflösung der zahlreichen Kürzungen enthält.

Als besonders positiv sei schließlich hervorgehoben, dass sämtliche verzeichneten Stücke auf nicht weniger als 94 Tafeln auch in qualitätvollen Abbildungen wiedergegeben werden; man kann den Herausgebern nur danken, dass dieser beträchtliche Aufwand ermöglicht wurde. So haben Gyöngyössi und Winter ein Werk vorgelegt, das nicht nur die Materialbasis für die weitere Arbeit an der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Numismatik Ungarns wesentlich erweitert, sonders darüber hinaus für einen größeren Interessentenkreis auch als Nachschlagwerk und Bestimmungsbuch dienen wird.

Bernhard Prokisch