Rezension über:

Keith Sidwell: Aristophanes the Democrat. The Politics of Satirical Comedy during the Peloponnesian War, Cambridge: Cambridge University Press 2009, XV + 407 S., ISBN 978-0-521-51998-4, GBP 55,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Johannes Engels
Historisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Engels: Rezension von: Keith Sidwell: Aristophanes the Democrat. The Politics of Satirical Comedy during the Peloponnesian War, Cambridge: Cambridge University Press 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 11 [15.11.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/11/17278.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Keith Sidwell: Aristophanes the Democrat

Textgröße: A A A

Sidwell hält die Nachricht des Dikaiarchos für glaubwürdig, dass Aristophanes nach der Wiedererrichtung der Demokratie 403 öffentlich für seine konsequent demokratische Haltung geehrt wurde und die Frösche als eine Ehrung ausnahmsweise zum zweiten Male aufgeführt worden seien (41-44). Aristophanes sei am Ende des Peloponnesischen Krieges "a publicly honoured hero of the democracy" gewesen (297). Seine Mitbürger erkannten sein "commitment to the radical principles - and the war policy - first of Hyperbolos and then of other popular unknown leaders (possibly among them Cleophon)" und "a deep disdain for laconophiles and oligarchs, and especially for the comic poet Eupolis" an (298).

In Teil I des Buches (3-103) erläutert Sidwell die Methode seiner Untersuchung. Er grenzt seine Studie von jüngeren Beiträgen zur Alten Komödie ab, welche diese mehr oder weniger innovativ mit dem theoretischen Modell Michail Bachtins über karnevaleske Phänomene, mit der 'Performance Theory' oder mit allgemeinen psychologisch-soziologischen Definitionen des Komischen untersucht haben. Sidwell betont dagegen als zentral die "metacomic intertexts" bei Aristophanes (X), also das ironische oder satirische Spiel mit Textstücken, Motiven und Bühnenfiguren aus den Werken seiner Dichterkollegen und mit der Kenntnis des athenischen Publikums hiervon, die ein entscheidendes Element der Intertextualität ausmacht. Diese definiert Sidwell als "the intended reuse by an author of an existing text (in the widest sense) known to the audience, as a tool with which the audience may construct the meaning of his own new text" (XI). Sidwell präzisiert seine Position (124) auch gegenüber der konventionellen Textanalyse: "textual analysis per se and following the drama as it unfolds do not necessarily prove the best way to understand what is going on in Aristophanic plays". Sidwell konzentriert sich auf 'metacomic caricature' und definiert "metacomedy" (29) als "the deliberate reuse of material from rival comedy". Zu Recht differenziert er strikt zwischen Kritik an zeitgenössischen Personen, deren Namen offen genannt werden, und andererseits der - meist heftigeren und wichtigeren - indirekten Kritik an Personen, deren Decknamen im Stück durch das Publikum aber leicht zu dekodieren waren (z.B. der Paphlagonier = Kleon, Marikas = Hyperbolos). Sidwell zufolge finden sich bei Aristophanes erstaunlich viele und für das damalige Publikum eindeutig erkennbare indirekte Anspielungen auf bereits aufgeführte Komödien insbesondere des Kratinos und Eupolis (und ebenfalls auf Tragödien), mit denen der Komödiendichter systematisch spielte und in denen seine eigentlichen politischen Anliegen in den Stücken noch klarer werden als in Textpassagen mit offener Namensnennung. Diese Hypothese setzt voraus, dass die rivalisierenden Dichter, z.B. Aristophanes, Eupolis und Kratinos, aber ebenso auch Tausende von Zuschauern die aufgeführten Komödien und Tragödien sehr genau kannten, und dies sogar über Jahre oder gar Jahrzehnte. Heutige Dichter würden sich ein solches waches Publikum bei ihren Aufführungen sicher wünschen.

Teil II (105-302) bietet eine systematische Analyse der während des Peloponnesischen Krieges aufgeführten Stücke des Aristophanes. Sidwell erörtert zunächst einige Parabasen des Chores in den Acharnern, Rittern, Wolken, Wespen und im Frieden, da hier der Dichter das Publikum der Mitbürger direkt anredete. Eine wichtige Chorpassage der Acharner habe Aristophanes mit voller Absicht von Kratinos (aus dessen Nomoi?) "recycled", und zwar über die Zwischenstufe des Chrysoun Genos des Eupolis (133). Das ist ein für Sidwells Interpretationsansatz sehr wichtiges Beispiel einer "metacomedy" sogar auf doppelter Ebene. Während metakomische Karikatur an sich als aristophanische Technik mir nun völlig einleuchtend ist, zeigt dieses Beispiel doch auch, wie schwierig solche intertextuellen Bezüge am konkreten Text eindeutig zu demonstrieren sind, weil die entscheidenden früheren Werke aller Rivalen des Aristophanes (darunter alle Stücke des Kratinos und Eupolis als seiner Hauptrivalen) lediglich in Fragmenten erhalten geblieben sind. Sidwell untersucht zuerst die Komödien der Zeit des Archidamischen Krieges 431-421 v. Chr. (155-216). Die Ritter des Aristophanes übernahmen das allgemeine Schema von Eupolis' Noumeniai, "in which a wicked prostates of Demos is replaced by an even worse one" (155). Die Pytine des Kratinos war nach Sidwell keineswegs lediglich eine komische Selbstbeschreibung des Dichters Kratinos als altem Trinker, sondern vor allem eine Attacke auf Aristophanes durch Kratinos, die ihrerseits ausgelöst wurde durch Aristophanes' frühere Satire auf Kleon (61-64 und 178). Das folgende Kapitel (217-298) untersucht die Stücke der späteren Kriegsjahre von Autolykos bis zu den Fröschen. Lysistrate und Thesmophoriazusen (252-276) aus dem gleichen Krisenjahr 411 v. Chr. stellen Frauenfiguren als Protagonistinnen auf die Bühne. Sidwell zufolge sollte man hinter Lysistrate die Athenerin Lysimache erkennen, eine Tochter des Drakontides aus Bate und Priesterin der Athena Polias, die sich - für Aristophanes unerhört - als Frau öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen hatte.

Teil III (303-351) bringt sechs Appendices, deren wichtigster erster (305-336) versucht "to extract purely from the external evidence a contemporary view of Old Comedy." Sidwell wagt (305) eine hypothetische zeitgenössische Definition: "Old comedy attacks individuals. Personal attack is politically functional and not confined to the festival context. Two modes of attack exist: (a) by name (Cleon is a bugger) (b) by impersonation (e.g. Paphlagon = Cleon). The second of these is central and fundamental: on-stage caricature is prior to plot, the function of which is to create effective personal attack through the characters. Because these comic characters reflect real individuals, they are made to act in recognisably anti-social ways to provoke laughter at ( and not with) them." Dieser Appendix 1 führt weit über die Analyse der Komödien des Aristophanes, Kratinos und Eupolis während des Peloponnesischen Krieges hinaus. Denn er behandelt die heftig umstrittene Entwicklung von der Alten über die Mittlere zur Jüngeren Komödie. Der Appendix 3 (341-345) bringt eine nützliche Zeittafel der während des Krieges 431-404 aufgeführten Stücke des Aristophanes, Kratinos und Eupolis und ihrer wichtigsten metakomischen Bezüge.

Sidwells gelehrte Studie erfreut durch das durchgehend quellennahe Argumentieren auf der Basis einer profunden Kenntnis nicht nur der erhaltenen Werke des Aristophanes, sondern insbesondere des herrlichen Thesaurus von Fragmenten der Autoren der Alten Komödie. Sidwells Buch ist ein gelungenes Beispiel dafür, welche interessanten Erkenntnisse bei einer gründlichen Auswertung des reichen Materials zu erlangen sind, das in der monumentalen Sammlung der Poetae Comici Graeci philologisch verlässlich aufbereitet worden ist. Das sorgfältig produzierte und mit hilfreichen Indices erschlossene Buch ist für Spezialisten der Werke des Aristophanes, für Freunde der Alten Komödie, dann auch für alle an der athenischen Demokratie in der Epoche des Peloponnesischen Krieges interessierten Leser zu empfehlen.

Johannes Engels