Rezension über:

Ralph-Miklas Dobler: Die Juristenkapellen Rivaldi, Cerri und Antamoro. Form, Funktion und Intention römischer Familienkapellen im Sei- und Settecento (= Römische Studien der Bibliotheca Hertziana; Bd. 22), München: Hirmer 2009, 254 S., ISBN 978-3-7774-3775-0, EUR 75,00
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Rezension von:
Annika Höppner
Kunstgeschichtliches Institut, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Annika Höppner: Rezension von: Ralph-Miklas Dobler: Die Juristenkapellen Rivaldi, Cerri und Antamoro. Form, Funktion und Intention römischer Familienkapellen im Sei- und Settecento, München: Hirmer 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/17576.html


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Ralph-Miklas Dobler: Die Juristenkapellen Rivaldi, Cerri und Antamoro

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Ralph-Miklas Dobler untersucht in seiner Doktorarbeit Funktion und Intention römischer Juristenkapellen. Seine sozialgeschichtliche Hauptthese, Kapellenausstattungen seien kommunikative Mittel, den Status ihrer Stifter visualisierend, kann in die Elitenforschung [1] sowie die höfische Semiotik [2] eingeordnet werden. Wie dort bereits betont wurde, ist eine gesteigerte Statusvisualisierung insbesondere in Gesellschaften mit hoher sozialer Mobilität anzutreffen. Juristenkapellen werden gewählt auf Grund der guten Aufstiegschancen ihrer Stifter im päpstlichen Rom, eine stark ausgeprägte Statusvisualisierung lässt sich hier vermuten.

Dobler wählt für seine monografische Analyse etablierte kunsthistorische Methoden. Zunächst wird der Auftragskontext analysiert. Anschließend werden Form und Ikonografie der Kapellen beschrieben, heute nicht mehr in sitù befindliche Elemente rekonstruiert und der Anteil von Künstler, Stifter und geistlichem Verwalter geklärt. Am Schluss verknüpft Dobler Auftragskontext, Ausstattungen und soziale Verflechtungen von Stiftern und geistigen Verwaltern und kann so die primär repräsentative Funktion dieser Kapellen aufzeigen. Sowohl der anschauliche Bestand der Kapellen als auch schriftliche Dokumente wie Testamente und Stiftungsverträge sind Quellen der Arbeit.

Folgerichtig für die Analyse dieser als "kommunikative Mittel" (21) bezeichneten Ausstattungen ergänzt Dobler sein Methodenspektrum auch um die Rezeptionsästhetik, die ursprüngliche Betrachtersituation rekonstruierend. Die Ausstattungen spiegeln das zeitgenössische Publikum und dessen Bildung wider, verschiedene Ebenen des Bildprogramms können aufgezeigt werden - ein Rekurs auf Preimesbergers Analyse der Cappella Cornaro. Überaus gewinnbringend ist hier die Beschreibung des sukzessiven Sichtbarwerdens der Ausstattungselemente auf dem Weg zur Kapelle, welches diese Elemente in ihrer Wertigkeit staffelt. Die späte Sichtbarkeit der flachen, vom Kapellenbogen verdeckten Stifterbildnisse bezeichnet Dobler zu Recht als Zurücknahme des durch die materielle Ausstattung formulierten repräsentativen Anspruchs. Das bekannte Spannungsverhältnis in Familienkapellen zwischen religiöser Jenseitsfürsorge und profan-repräsentativer Funktion muss durch die Sprachhöhenwahl für einzelne Ausstattungselemente aufgelöst werden, die profane Repräsentation muss sich dem Dekorum des religiösen Ortes anpassen. Elemente wie eine unpolitische Themenwahl, in religiöser statt profaner Handlung gezeigte Stifterbildnisse, die Beschränkung auf Inschriften und Wappen, legitimierende Inschriften und Rechtfertigungen im Stiftungsvertrag, die Wahl einer individuellen Repräsentation statt einer dynastischen oder der Verzicht auf architektonische Würdezeichen werden ebenfalls kompensierend eingesetzt. Eine Systematisierung solcher Sprachhöhen auf der Grundlage dieser Ausstattungen bleibt jedoch aus, trotz der bereits in der Einleitung formulierten Frage nach einem Mittelweg zwischen religiöser und profaner Funktion (17).

Anhand von drei Kapellen zeigt Dobler, dass sich ihre Stifter durch die Wahl von Künstlern, Ikonografien, Formensprachen und Ausstattungselementen in einem sozialen Umfeld verorteten und einen Anspruch formulierten. Die monografische Analyse der Ausstattungen wird hier punktuell erweitert. Eine parteiloyale 'Sprachwahl' konnte die Forschung bereits für andere Repräsentationsmedien zeigen. Die zahlenmäßig recht geringe Auswahl an Kapellen begründet Dobler nicht. Es entsteht einerseits der Eindruck, Kapellenstiftungen von Juristen seien eine Ausnahme im Untersuchungszeitraum. Andererseits irritiert die im Buchtitel enthaltende Formulierung "römischer Familienkapellen", denn ein Überblick über diese wird nicht gegeben, vielmehr schließt Dobler bereits in seiner Einleitung aus, dass die in der Arbeit beschriebenen Sachverhalte unter einem gemeinsamen, allgemeingültigen Nenner gefasst werden (25). Erst im letzten Absatz formuliert Dobler zumindest das Forschungsdesiderat einer breiteren sozialgeschichtlichen Untersuchung. Ein Vergleich mit außerrömischen Kapellenausstattungen bleibt aus, trotz Doblers unbelegt bleibender These des unvergleichlichen Materialreichtums römischer Kapellenausstattungen (20). Seine monografische Perspektive zeigt sich auch in der Herausstellung der Einzigartigkeit sozialer Mobilität in Rom. Bereits Asch und Reinhardt haben das 17. Jahrhundert als ein allgemein von Mobilität geprägtes Jahrhundert bezeichnet, Venedig und Frankreich stehen der römischen Mobilität quantitativ in nichts nach.

Dobler beherrscht sein kunsthistorisches Handwerkszeug und betreibt ein sehr genaues Quellen- und Literaturstudium, welches ihn jedoch dazu verführt, Daten jenseits eines Beitrags zur Klärung der bereits im Buchtitel genannten Leitfrage aufzulisten.

Auffallend ist die unpräzise Verwendung vieler Begriffe. Beispielsweise greift die Bezeichnung von Mäzenatentum als "Verschwendung" zu kurz. Die Wahl des Oberbegriffs "Grabkappelle" (189) für alle drei Kapellen, wenn in der Cappella Cerri niemand begraben worden ist, ist eine weitere Unschärfe. Dekorationen erzeugen keine 'repräsentative Öffentlichkeit' (20), es sind Gesellschaften, welche durch diese Form der Öffentlichkeit charakterisiert werden. [3] Und nicht ein Individuum besitzt ein soziales Dekorum (18), sondern es muss sein Verhalten diesem anpassen. [4]

Dobler versucht, den Rhetoric Turn in seine Arbeit zu integrieren, doch fehlt es hier an Grundlagenwissen: Obwohl die jüngere Forschung ein rhetorisches "Welt- und Wissenschaftsverständnis" [5] der Frühen Neuzeit nachgewiesen hat, spricht Dobler durch die Offenlegung rhetorischer Strukturen den Gemälden der Cappella Cerri eine spezifisch jesuitische Sprache zu. Rhetorische Prinzipien werden sich aber auch in den anderen beiden Kapellen finden lassen, da die Rhetorik tief im Bildungssystem der Zeit und damit im allgemeinen Denken verankert war. [6] Zum anderen werden rhetorische Begriffe wie Persuasio, attischer Stil, oder Varietas ohne Rückbindung an die Ausstattungen genannt, ein Erkenntnisgewinn wird so nicht erreicht. Dabei hätte gerade die Vertiefung der Persuasio, die Überzeugungskraft kommunikativer Akte, für die auf sozialen Aufstieg abzielenden Ausstattungen fruchtbar gemacht werden können, indem rhetorische Überzeugungsmittel die Intention und Funktion der Kapellen weiter hätten klären können. Andere Begriffe werden missverstanden: Actio bezeichnet die Aufführungsweise des Produzenten eines kommunikativen Aktes. Wenn Dobler im Bildvordergrund positionierte Figuren als "nahe an den Betrachter herangerückte Actio" (125) bezeichnet, verwechselt er Produkt und Produzent. Die Heiligen im Kapellenbogen der Cappella Rivaldi als rhetorische Figur des "Exemplum" (63) zu bezeichnen, weil diese Maria nachzueifern scheinen, ist ebenfalls nicht richtig. Denn das "Exemplum" meint die Schilderung eines konkreten Falls, welcher einem Publikum als nachzueiferndes Beispiel dienen soll, nicht die Darstellung des "Nacheiferns" im Bild.

Sehr richtig betont Dobler, dass gerade die Persuasio, die Überzeugung des Betrachters, Ziel der rhetorisch beeinflussten Malereitheorie des 17. Jahrhunderts war, andere Aspekte der Rhetorik hingegen nicht auf die Kunst übertragen wurden bzw. werden können (127). Das Ausmaß der Übertragbarkeit diskutiert die interdisziplinäre Rhetorikforschung bereits seit langem. Während die Kunstgeschichte [7] von einem breiten Kategorientransfer der Rhetorik in die Kunst und Kunsttheorie ausgeht, argumentiert die Rhetorikwissenschaft [8], dass rhetorische Kategorien als "semiotische Universalien" sowohl in Text und Bild als kommunikative Zeichensysteme Verwendung finden, Bilder jedoch auch eine nur ihnen eigene Kommunikationsweise zeigen. Doblers Bewertung der Rhetorik als kunsthistorische Methode nimmt keinen Bezug auf die jüngeren bereits existierenden Forschungsmeinungen hierzu. Die rhetorisch basierten Aspekte seiner Analyse stehen so im großen Gegensatz zu seinem soliden Umgang mit traditionellen Methoden der Kunstgeschichte und einer sehr genauen Kenntnis des Forschungsstandes zu römischen Kapellenausstattungen.

Es ist lobenswert, die Forschungslücke 'Familienkappellen als symbolisches Kapital' schließen zu wollen, doch haben die soziologische Mobilitätsforschung, die höfische Forschung zu Pracht und Magnifizenz, die Kommunikationsmittel systematisierende Rhetorikforschung oder Forschungen zu anderen Repräsentationsmedien als Statussymbole bereits Grundlagenarbeit betrieben. Mehr als eine solide monografische Untersuchung wäre wünschenswert gewesen.


Anmerkungen:

[1] Volker Reinhardt / Daniel Büchel (Hgg.): Die Kreise der Nepoten: neue Forschungen zu alten und neuen Eliten Roms in der frühen Neuzeit, Bern 2001.

[2] Ulrich Schütte / Peter-Michael Hahn: Thesen zur Rekonstruktion höfischer Zeichensysteme in der Frühen Neuzeit, in: Mitteilungen der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 13 (2003), Nr. 2, 19-47, http://resikom.adw-goettingen.gwdg.de/MRK/MRK13-2.pdf (PDF-Dokument; 18.10.2010).

[3] Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1971.

[4] Ian Rutherford: Decorum, in: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 2, Tübingen 1994, 423ff.

[5] Wolfgang Brassat: Das Historienbild im Zeitalter der Eloquenz: von Raffael bis Le Brun Das Historienbild im Zeitalter der Eloquenz: von Raffael bis Le Brun, Berlin 2003, XVIII.

[6] Wilfried Barner: Barockrhetorik: Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen, Tübingen 1970.

[7] Carsten-Peter Warncke: Sprechende Bilder - sichtbare Worte: das Bildverständnis in der frühen Neuzeit, Wiesbaden 1986, ebenso Brassat 2003 (Anm. 5).

[8] Joachim Knape: Rhetorizität und Semiotik: Kategorientransfer zwischen Rhetorik und Kunsttheorie in der Frühen Neuzeit; in: Intertextualität in der frühen Neuzeit: Studien zu ihren theoretischen und praktischen Perspektiven, hg. von Wilhelm Kühlmann und Wolfgang Neuber, Frankfurt am Main 1994, 507-532.

Annika Höppner