Rezension über:

Leonhard Helten: Architektur. Eine Einführung (= Kunstwissenschaften), Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2009, 169 S., ISBN 978-3-496-01354-9, EUR 19,90
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Rezension von:
Jan Sauerborn
Metrobox Architekten, Köln
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Jan Sauerborn: Rezension von: Leonhard Helten: Architektur. Eine Einführung, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/17613.html


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Leonhard Helten: Architektur

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Als die Menschen anfingen, Bücher über Architektur zu schreiben, wurden schon bei den ersten Versuchen gleich zehn daraus und auch später gelang es selten, das Thema kürzer zu behandeln. Eine erschöpfende Darstellung gelang trotzdem keinem der engagierten Schreiber.

Das Thema ist viel zu komplex, um in einem einzigen Buch dargestellt zu werden.

Und dann schreibt Leonhard Helten ein Buch mit dem selbstbewussten Titel "Architektur", das gerade einmal 150 Seiten inklusive vieler Bilder umfasst und verspricht, dass es "an einem einzigen schönen Tag gelesen werden" kann, was übrigens stimmt.

Die Befürchtung liegt nahe, dass sich hinter dem weit gefassten Titel wieder einmal nur eine kurz gefasste Baugeschichte oder eine kunsthistorische Spezialbetrachtung verbirgt. Doch schon nach den ersten Seiten wird klar, dass Heltens Büchlein dies nicht ist.

Elegant und geschickt löst er sich aus der selbst gestellten Falle. Dabei entstand kein wissenschaftliches Werk, sondern ein leichtfüßiger Parcours, der in lockerer Chronologie durch die Geschichte der Architektur führt und dabei erstaunlich viele verschiedene Themengebiete des architektonischen Denkens und Handelns durchgleitet. Es werden Gebiete wie Säulenordnungen, Stilgeschichte, Darstellung, Baupraxis, Bautechnik und so fort dargestellt. Doch werden diese nicht trocken hintereinander geschaltet, sondern immer anhand eines Kontextes, einer Epoche oder eines Ortes beschrieben und so in den chronologischen Erzählstrang eingefügt. Die Baugeschichte des Florentiner Domes wird dabei zum Beispiel in erster Linie beschrieben, um ein Gefühl für technische Probleme zu vermitteln, die beim Bauen auftreten können. Helten schreibt hierzu: "Mit der Erweiterung Talentis vergrößerte sich dieses Oktogon auf eine Öffnung von 42 m! Diese neuen Dimensionen sprengten den Rahmen für die traditionelle Kuppelwölbung über Lehrgerüsten. Es fanden sich keine Balken, die lang und stark gewesen wären um ein Lehrgerüst für eine Kuppel zu schaffen. Bei einer Verwendung der verfügbaren Hölzer wäre das Lehrgerüst bereits an seinem Eigengewicht zusammengebrochen. Als man dann 1410 von allen guten Geistern verlassen auch noch beschloss, über der Öffnung des Oktogons einen Tambour zu errichten, hatte man sich endgültig verrannt." (96) Auf diese Weise wird ein allgemeines Problem des Bauens im Kontext eines konkreten Gebäudes ebenso knapp wie unterhaltsam erklärt.

Die Auswahl der Themen erfolgt dabei durchaus subjektiv und ist sicher in den meisten Fällen vor allem dem persönlichen Interesse des Autors geschuldet. Abschnitte wie der Barock oder die klassische Moderne werden dabei sogar fast völlig ausgeklammert, selbst wenn sie im Sinne der Chronologie wichtig wären. Andere, wie die Gotik, werden auf den ersten Blick überproportional ausführlich behandelt. Aber gerade durch dieses ungewohnte Ungleichgewicht gewinnt das Buch seine Leichtigkeit. Zudem gelingt auf diese Weise ein bemerkenswerter Spagat zwischen dem Einführungsbuch für den Laien und der Wochenendlektüre für den vorgebildeten Leser. Beide kommen auf ihre Kosten und haben immer das Gefühl noch etwas Neues zu erfahren.

Mit Witz und scharfer Beobachtungsgabe führt Helten den Leser an langer Leine durch das komplexe und unübersichtliche Gelände der Architektur. Er führt ihn auf seinem eigenen, ganz persönlichen Weg, der nicht immer der Kürzeste oder der Schönste ist. Aber gerade dies regt an, beim nächsten Mal allein seinen Weg zu suchen und eigene Entdeckungen zu machen.

Genau darauf scheint es Helten dann auch angekommen zu sein, denn er fügt seinem Buch nicht nur ein Glossar an, sondern auf der letzten Seite auch einen Abschnitt mit dem Titel "Architektur im Internet". Eine Einladung an den Leser, von dort an selbstständig weiter zu lesen und sich die Themengebiete selber zu erarbeiten, für die er sich am meisten interessiert hat.

Ein gelungener Einstieg in ein ebenso interessantes wie komplexes Universum.

Jan Sauerborn