Rezension über:

H. Salvador Martínez: Alfonso X, the Learned. A Biography (= Studies in the History of Christian Traditions; Vol. 146), Leiden / Boston: Brill 2010, XXI + 589 S., ISBN 978-90-04-18147-2, EUR 129,00
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Rezension von:
Barbara Schlieben
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Schlieben: Rezension von: H. Salvador Martínez: Alfonso X, the Learned. A Biography, Leiden / Boston: Brill 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/18081.html


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H. Salvador Martínez: Alfonso X, the Learned

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Alfons der X. (1252-1284) sei, so hebt die monumentale, 565 Seiten umfassende jüngste Biographie über den kastilischen Herrscher an, der erste Humanisten-König gewesen, der die Mehrung von Wissen zu einer königlichen Aufgabe gemacht habe (1). Man mag über Begriff und Vorreiterrolle streiten. Ohne Frage jedoch verdient eben dieser kastilische König, dessen Herrschaft in eine Zeit politischer und sozialer Umbrüche auf der Iberischen Halbinsel fällt, der nach der römischen Kaiserwürde strebte und unter dessen Direktive einzigartige historiographische, juristische, poetische und naturkundliche Werke entstanden, eine ausführliche biographische Würdigung. Eine solche hat H. Salvador Martίnez, basierend auf seiner in Madrid 2003 erschienenen spanischen Monographie mit "Alfonso X., the Learned" nun vorgelegt. Damit bietet der Verfasser seit 1993 die erste Biographie Alfons' X. in englischer Sprache und bringt so den kastilischen König auch einem breiteren Publikum näher.

Von früheren biographischen Studien zu Alfons' X. grenzt H. Salvador Martίnez sein Vorhaben in der Einleitung ab: Weniger als diesen ginge es ihm um das Verständnis politischer Institutionen oder kultureller Entwicklungen. In den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt er vielmehr die Person des Königs selbst. Ziel ist es "to penetrat[e] Alfonso's inner self" (8). Als Quellengrundlage sollen die am Hof Alfons' X. entstandenen kulturellen und wissenschaftlichen Werke dienen, mit deren Hilfe sich die entscheidenden Lebensphasen ebenso rekonstruieren ließen wie Alfons' "thoughts and his personal taste" (9).

Ganz so problemlos, wie es die Einleitung nahelegt, lassen sich jedoch die dort benannten Lebensabschnitte des Königs (1: Kindheit, intellektuelle und politische Formung; 2: Kaiserambitionen; 3: Körperliche und psychische Verfasstheit; 4: Große Enttäuschungen; 5: Nachfolgestreitigkeiten; 6: Die einsamen letzten Jahre), die die Studie gliedern (11f.), nicht aus den alfonsinischen Werken herauslesen. Entsprechend häufig werden daher späte historiographische Berichte über die Herrschaftszeit Alfons' X., so die etwa siebzig Jahre nach dem Tod des Herrschers verfasste "Crónica de Alfonso X" angeführt.

Sind jedoch zeitgenössische Zeugnisse zu haben, dann lässt H. Salvador Martίnez die Quellen sprechen: Sie alle gelten ihm gleichermaßen als "autobiographical references" (8). Zwischen dem spezifischen Entstehungszeitpunkt der Quellen, zwischen Quellengattungen, die allen einer je eigenen Konstitutionslogik unterliegen, oder zwischen verschiedenen Sinnebenen des Dargestellten trennt er dabei kaum. Drei Beispiele, die unterschiedlichen Abschnitten der Studie entnommen sind, mögen dies verdeutlichen:

1) Über die Kindheit Alfons' X. sind wir nur schlecht unterrichtet. Diese Wissenslücken möchte der Verfasser Mithilfe einer Neulektüre der "Cantigas de Santa Marίa" schließen. So etwa erinnere sich Alfons in "Cantiga 256" wie seine Mutter, Königin Beatrix, einmal schwer erkrankte. Nur durch das Eingreifen der Jungfrau Maria wurde sie geheilt. H. Salvador Martίnez datiert diese Begebenheit, die in dem Marien-Lied dargestellt wird, recht genau. Fünf oder sechs Jahre alt muss Alfons gewesen sein. Diese Episode erkläre nicht nur des Königs spätere Verehrung der Jungfrau Maria, die sich in der Sammlung und Niederschrift eben dieser Lieder ausdrücke. Die hier erkannten kindlichen Verlustängste werden zugleich als Erklärung für Alfons' unsteten Charakter auch im Erwachsenenalter herangezogen (19f.). Andere Lesarten, etwa spirituelle Deutungen des Liedes, die die besondere Erwähltheit der königlichen Familie zum Ausdruck brächten, werden dabei übersehen.

2) Ein weiteres Schlüsselereignis zum Verständnis seines Protagonisten erkennt der Verfasser in den Worten, die Alfons' Vater Ferdinand III. kurz vor seinem Tod an seinen Sohn richtet: Nur wenn es Alfons gelänge, das ererbte Reich zu erhalten, werde er ein ebenso guter, wenn er vermöge, das Reich zu vergrößern, ein noch besserer König als sein Vater, so heißt es in der "Estoria de España". Alfons, so lautet die Deutung H. Salvador Martίnez' hat diese Worte nie vergessen (98). Dieser Anspruch begründete Alfons' persönliche Tragödie: Er wurde zur Ursache seiner vermeintlichen psychischen Probleme, die das politische Scheitern des Königs nach sich zogen (213). Der Vater soll diese Worte auf dem Sterbebett gesprochen haben, mithin in einer hochkomponierten historiographischen Schlüsselszene. Sie findet sich in jenem Abschnitt des Geschichtswerks, das erst unter Alfons' Sohn Sancho IV. entstand. Eben dieser Zeitpunkt der Niederschrift aber ist entscheidend für die Deutung der Darstellung: Er nämlich erklärt die zukunftsgewandte, dynastische Bedeutung der Szene, die darin gipfelt, dass Ferdinand dort alle seine Söhne segnet, während Alfons später seinem zweitgeborenen Sohn und Nachfolger Sancho den Segen verwehrt hat.

3) Ausführlich widmet sich der Verfasser den Krankheiten Alfons' X. (Kapitel 7 und 8). Wiederum liefern die "Cantigas" die zentrale Quelle, deren Miniaturen den Herrscher etwa auf dem Krankenbett oder mit geschwollenen Beinen ebenso zeigen, wie sie seine Rettung durch die Gottesmutter ins Bild setzen. Nach H. Salvador Martñnez liefern diese Darstellungen Anhaltspunkte zur Diagnose von Alfons' Leiden, die durch Stellungnahmen moderner Mediziner weiter gestützt werden. Ob Lepra oder Krebs (243, 263), ob chronische Sinusinfektion oder Vaskulitis (284), so recht möchte sich der Verfasser nicht festlegen. Fest jedoch steht, dass Alfons unsagbare Schmerzen auszustehen hatte (288). Diese Schmerzen erklären H. Salvador Martίnez die psychische Verfasstheit Alfons' X., seine Introvertiertheit und Entscheidungsschwäche (289). Zuweilen werden die Zeugnisse der "Cantigas" mit Belegen aus der späten "Crónica de Alfonso X" weiter gestützt. Doch wird dabei übersehen, dass beide Quellen mit ihrer Darstellung von Krankheit moralische Deutungen der Herrschaft Alfons' X. bieten, die gegensätzlicher kaum sein könnten: In den "Cantigas" drückt die rasche Genesung, die der Gottesmutter zu verdanken ist, den göttlichen Beistand des Herrschers aus; in der "Crónica de Alfonso X" ist die Krankheit Ausdruck von Alfons' X. fortwährenden moralischen Verfehlungen, nicht deren historisch-faktische Ursache.

H. Salvador Martίnez steht mit seiner affirmativen, historisch-faktizistischen Lesart der alfonsinischen Quellen nicht allein. Er kann auf einer Forschungstradition aufbauen, die er systematisiert und mit weiteren Quellenbeispielen stützt. Andere Forschungsrichtungen oder -ergebnisse zur Herrschaft Alfons' X., wie sie in den 1990er und 2000er Jahren in England, Frankreich oder Spanien entstanden sind, finden sich in der Studie kaum rezipiert. Entsprechend der Fragestellung, die auf eine psychologisierende Deutung des Protagonisten zielt, ist dies nur konsequent. Die in der Reihe "Studies in the History of Christian Tradition" publizierte Biographie von H. Salvador Martίnez bietet einem englischsprachigen Publikum einen Zugang zur Geschichte Alfons' X. und vermittelt dabei zugleich einen lebendigen Eindruck einer Forschungstradition.

Barbara Schlieben