Rezension über:

Ebru Boyar / Kate Fleet: A Social History of Ottoman Istanbul, Cambridge: Cambridge University Press 2010, XXI + 354 S., ISBN 978-0-521-13623-5, GBP 19,99
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Rezension von:
Murat Caglayan
Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Murat Caglayan: Rezension von: Ebru Boyar / Kate Fleet: A Social History of Ottoman Istanbul, Cambridge: Cambridge University Press 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/18154.html


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Ebru Boyar / Kate Fleet: A Social History of Ottoman Istanbul

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Im vorliegenden Band geht es um kein geringeres Unternehmen, als die gesamte Sozialgeschichte der "cosmopolitan metropolis" und der Hauptstadt des osmanischen Reiches Istanbul von seiner Eroberung 1453 bis zum Untergang des osmanischen Reiches und zur Ausrufung der türkischen Republik 1923 darzulegen. Die Autorinnen, Ebru Boyar (Ankara) und Kate Fleet (Cambridge) sind profunde Kenner der osmanischen wie europäischen Quellen und erheben bei diesem Gemeinschaftsprojekt keinen geringeren Anspruch als ein umfassendes Bild der Sozialgeschichte dieser Stadt, ihrer Struktur, ihrer Entwicklung über die Jahrhunderte und die Transformationsprozesse, die in diesem Rahmen stattgefunden haben , in knapp 300 Seiten darzulegen. Gleichzeitig soll eine Alternative zur "traditionellen" (?) Geschichtsschreibung geboten werden.

Bereits vor der Einleitung wird neben einer chronologischen Zeittafel, ein "Who is Who" mit den wichtigsten Personen, die im Text erwähnt werden, und ein Kartenmaterial dargeboten, die es auch den themenfremden Leser ermöglichen, sich zeitlich, geographisch und personell zurecht zu finden.

Der Titel ist vielleicht insofern irreführend, als wirtschaftshistorische Aspekte fast in jedem Kapitel eine Rolle spielen. Vielleicht kann und sollte man Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zumindest in diesem Fall nicht strikt voneinander trennen.

Obwohl das Buch mit der Eroberung Konstantinopels beginnt und im letzten Kapitel das 19. Jahrhundert gesondert behandelt, ist es strukturell nicht chronologisch aufgebaut und geht auch innerhalb einzelner Kapitel eher thematisch vor. Die zeitlichen Sprünge sind dabei teilweise irritierend.

Im ersten Kapitel bieten die Autorinnen einen Überblick über die Ereignisgeschichte der Eroberung, die Beziehung der Osmanen zu den Byzantinern vor der Eroberung, die Motivation und die strategische und ökonomische Bedeutung der Eroberung (6-27). Selbst die Gründungsgeschichte wird in groben Zügen dargelegt. Hauptsächlich kommen hier zeitgenössische nicht-osmanische Autoren zu Wort, die die damaligen Reaktionen eindrucksvoll schildern.

Im folgenden Kapitel wird das subtile Machtverhältnis zwischen dem Herrscher und dem Volk näher beleuchtet. Der Sultan sei zur Legitimation seiner Macht auf eine "Omnipräsenz" im Volk angewiesen (31). Dabei spielten Feste, die aus diversen Anlässen organisiert wurden und das städtische Leben in gewissen Abständen ermunterten, eine bedeutende Rolle für die Machtbalance (47-71). Hier wird aber keineswegs versucht, Ansätze demokratischer Strukturen aufzuzeigen. In diesem "climate of mutual distrust" (39) spielte die Truppe der allseits gefürchteten Janitscharen eine wichtige Rolle, deren nicht nur mächtige sondern auch unberechenbare Präsenz in der Stadt im nächsten Kapitel en detail vor Augen geführt wird (72-89). Istanbul war nicht nur den Naturgewalten und den fast regelmäßig ausbrechende Feuerexzessen ausgeliefert. Die Bürger waren auch menschlicher Willkür auf der Straße ausgesetzt, die das Leben in der Stadt besonders nachts zum Abenteuer machen konnten (89-106).

Staatliche Strafmaßnahmen waren zwar hart aber nicht immer effizient, zumal die Sicherheit oft von den Janitscharen gewährleistet werden sollte, die sich selbst nicht immer an den Regeln der städtischen Ordnung hielten und in freier Willkür handelten (106-116). Die eigentliche Ordnungsmacht hatte in der mahalle (Stadtteil mit quasi geschlossener Gesellschaft) ihren Sitz. Dort hatten der Imam, der Kadi und später der Gemeindevorsteher (muhtar) die gesellschaftlichen Machtinstrumente in der Hand (121-128).

Bedeutend war die Rolle der zahlreichen Stiftungen, die ein dichtes Netz an sozialen und ökonomischen Funktionen übernahmen und das Leben aufrechterhielten (129-156).

Interessant ist der Hinweis im nächsten Kapitel über die Freizeitaktivitäten (205-248), dass neben den Seemännern vor allem die Janitscharen eine konstante Bedrohung für die Frauen gewesen seien. Die blutige Beseitigung des Janitscharenkorps eröffnete besonders für die Frauen neue Entwicklungsmöglichkeiten im gesellschaftlichen Leben (208). Die gesellschaftliche Stellung der Frauen stellt für die Autorinnen ein augenscheinlich wichtiges Thema dar, das besonders im letzten Kapitel, das die großen Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts gesondert behandelt, beschrieben wird (271-327).

Zumindest vom Anspruch her kann dieses Buch von sich als einziges behaupten, die Sozialgeschichte des osmanischen Istanbul in ihrer Gesamtheit und in der zeitlichen Überdehnung von etwa 470 Jahren in einer Monographie zu behandeln.

Wo die Alternative zur zuvor drauf hingewiesenen "traditionellen" Geschichtsschreibung liegen mag, ist nicht eindeutig formuliert. Es liegt eine sehr arbeitsaufwändige Auswertung zeitgenössischer historischer Quellen vor, die den Facettenreichtum des täglichen Lebens in der Metropole des osmanischen Reiches anschaulich darlegt. Neuere Literatur, auch wenn sie oft nur Teilaspekte der Sozialgeschichte aufgreift, wird jedoch nicht hinreichend hinzugezogen. Kritische Fragestellungen und schlüssige Argumentationsmuster über sozialrelevante Aspekte findet man kaum.

Ihrem Anspruch, auf der Basis der zeitgenössischen Quellen die Sozialgeschichte des osmanischen Istanbul zu "rekreieren", werden die Autorinnen kaum gerecht. Was sich über fast alle Kapitel hinweg hält, ist die Darstellung der historischen Situation in der Dualität von osmanischen und nicht-osmanischen Autoren. Die Darstellungen der Autorinnen dieses Werkes kommen eher am Rande, ergänzend und allzu oft unkritisch vor. Die Breite und die Möglichkeiten von sozialen Netzwerken werden nur angedeutet.

Es wäre sinnvoll gewesen, zumindest in den Fußnoten oder am Ende eines jeden Kapitels auf weitergehende Literatur hinzuweisen, denn vieles ist unstrukturiert und manches noch nicht zu Ende gedacht.

Diese Monographie kann als Grundlage für weitere Analysen in der Sozialgeschichte dienen und bietet einen außerordentlich reichen Schatz an historischen Details, die einmal mehr für die Rekonstruktion einzelner sozialer Teilaspekte herhalten können. Die weitere Quellenanalyse vor allem von osmanischen Archivmaterialien bleibt jedoch unabdingbar, da sie hier zu kurz kommt. Insgesamt liegt hier ein spannend zu lesendes Buch vor, das interessante Einblicke in die engen Gassen und tiefen Winkel des "meeting point of nations" (328) bieten. Wer sich mit der Sozialgeschichte Istanbuls befassen möchte, wird auf dieses Buch nolens volens zurückgreifen. Allerdings sollten die Erwartungen nicht allzu groß sein, da es für viele Fragen kaum Antworten bietet. Aufgrund des Umfangs und des quellentechnisch sowie methodologisch problematischen Zugangs ist nicht der große Wurf geglückt, den man den Autorinnen zugetraut hätte. Diese mutige Monographie zeigt eigentlich den Bedarf einer mehrbändigen umfassenden Darstellung der osmanischen Geschichte, die in nicht wenigen Bereichen noch große Forschungsbemühungen einfordert. Bislang sind Beiträge mit sozialgeschichtlichem Kontext erfolgreich verfasst worden, die einzelne Teilaspekte aufgegriffen und sie zur Genüge sowohl quellenkritisch wie auch konzeptionell behandelt haben. [1]


Anmerkung:

[1] z.B.: Suraiya Faroqhi: Stories of men and women, Istanbul 2002.

Murat Caglayan