Rezension über:

Carl Joachim Classen: Herrscher, Bürger und Erzieher. Beobachtungen zu den Reden des Isokrates (= SPUDASMATA. Studien zur Klassischen Philologie und ihren Grenzgebieten; Bd. 133), Hildesheim: Georg Olms Verlag 2010, VIII + 136 S., ISBN 978-3-487-14347-7, EUR 29,80
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Rezension von:
Wolfgang Orth
Historisches Seminar, Bergische Universität, Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Orth: Rezension von: Carl Joachim Classen: Herrscher, Bürger und Erzieher. Beobachtungen zu den Reden des Isokrates, Hildesheim: Georg Olms Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18244.html


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Carl Joachim Classen: Herrscher, Bürger und Erzieher

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Aretai und Virtutes. Untersuchungen zu den Wertvorstellungen der Griechen und Römer - so betitelte Carl Joachim Classen, Emeritus für Klassische Philologie der Universität Göttingen, einen im Herbst 2010 veröffentlichten Sammelband eigener Aufsätze; mit dieser Überschrift war zugleich ein Forschungsschwerpunkt bezeichnet, dem sich der Gelehrte in den letzten Jahren verstärkt zugewandt hat und als dessen Ertrag vor allem auch zwei größere Buch-Publikationen anzusehen sind: eine zu Homer ('Vorbilder - Werte - Normen in den homerischen Epen', 2008) und eine zum athenischen Publizisten Isokrates.

In dem hier anzuzeigenden Band über Isokrates geht es um dessen Rolle als eines erzieherischen Ratgebers, vor allem gegenüber seinen athenischen Mitbürgern, in zweiter Linie auch gegenüber dem kyprischen Stadtkönig Nikokles (die im Buchtitel nebeneinander gestellten Substantive 'Herrscher - Bürger - Erzieher' beziehen sich nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, auf ein- und dieselbe Person). Vierzehn isokratische Texte von unterschiedlichem Umfang und Gewicht (die Gerichtsreden 'Gegen Euthynus', 'Gegen Kallimachos', 'Gegen Lochites', 'Über das Gespann', 'Aiginetikos', 'Trapezitikos', die Schulübungen 'Helena' und 'Busiris', die drei kyprischen Reden 'An Nikokles', 'Nikokles' und 'Euagoras' und die großen Schriften 'Gegen die Sophisten', 'Panegyrikos' und 'Antidosis') werden daraufhin untersucht, welche Bedeutung im Rahmen der Darlegungen positiven und negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen zukommt.

Es hätte im Werk des Isokrates weitere themarelevante Texte gegeben, so z. B. 'Über den Frieden', 'Areopagitikos', 'Philippos' und 'Panathenaikos'. Dass sie nicht behandelt werden, begründet Classen damit, dass ihre Interpretation kaum Zugewinn an Gesichtspunkten gebracht hätte. Die unter dem Verfassernamen Isokrates überlieferte Schrift 'An Demonikos', die einen Katalog von Tugenden und Fehlverhaltensweisen zum Zwecke der Charakterbildung darstellt und der eine breite Nachwirkung beschieden war, dürfte deshalb keine Erwähnung gefunden haben, weil sie - aus stilistischen Gründen - ganz überwiegend als unecht eingestuft wird.

Unberücksichtigt bleibt in diesem Buch die bisherige Forschung, sieht man von fünf Fußnoten am Anfang (1) ab, in denen einschlägige Buchtitel aufgelistet sind, darunter vor allem auch Publikationen von Wersdörfer (1940), Mikkola (1954), Wilms (1995) und Alexiou (1995). Anders als diese Autoren geht Classen in der Strukturierung seines Stoffes nicht von einzelnen Wertvorstellungen aus; er hält sich vielmehr an den Argumentationsgang der isokratischen Texte und arbeitet dann die Bedeutung und den Stellenwert von moralisch konnotierten Begriffen im jeweiligen Zusammenhang heraus. Das Ergebnis ist eine textnahe, vor allem auch ganz kontextorientierte Untersuchung. Griechische Zitate sind zahlreich, sie sind in allen Fällen mit deutscher Übersetzung versehen. Sehr hilfreich ist auch, dass der Inhalt durch ein ausführliches griechisches Wortregister (110-136) erschlossen wird.

Gefragt wird danach, welche Formen menschlichen Verhaltens Isokrates vorbildlich erscheinen; gefragt wird ebenso danach, wie sich Isokrates eine Vermittlung von Werten und Normen vorstellt. Der Verfasser kann deutlich machen, dass sich der antike Autor über viele Jahrzehnte hin von den gleichen Motiven leiten ließ und gleiche Ziele verfolgte. Schon die frühen privaten Gerichtsreden erweisen sich bei detailgenauer Betrachtung, wie sie hier durchgeführt wird, als überraschend ergiebig.

Menschliches Leben findet, das ist eine der isokratischen Grundüberzeugungen, sein Ziel in der areté. Areté ist dabei nicht gleichzusetzen mit einem weltentrückten Ideal perfektionierter 'Tugend'. Areté hat vielmehr der erreicht, der allgemeine Achtung gefunden hat und in dauernder Erinnerung geblieben ist, weil er sich als trefflich erwiesen hat, weil er anständige Gesinnung an den Tag gelegt hat und weil er Besonderes geleistet hat. Maßstab bleibt immer das Gemeinwohl. Es kommt auf Eigenschaften und Verhaltensweisen an, die der Polis zum Besten gereichen; und von daher kann dann Trefflichkeit konkretisiert werden: Die Polis braucht Persönlichkeiten, die sich durch Wissen und Kenntnis, durch Mut, durch Frömmigkeit, gerechten Sinn und besonnenes Wesen, durch Verantwortungsbewusstsein, nicht zum wenigsten aber auch durch wohlwollende Umgänglichkeit auszeichnen. Eine gewisse persönliche Befähigung ist Voraussetzung, entscheidend aber bleibt die eigene Bemühung, zu der eine umsichtige Erziehung und ein auf Werte ausgerichteter Unterricht Anleitung zu geben haben; somit wird die Frage der Bildung zur zentralen Frage der politischen Kultur und des einträchtigen bürgerlichen Miteinanders.

Isokrates genießt als Philosoph und Schriftsteller seit dem 19. Jahrhundert keine besondere Wertschätzung mehr. Nicht selten hat man ihn als mittelmäßigen Autor, ja als eitlen Schwätzer abqualifiziert. Von solch abschätziger Kritik ist Classen weit entfernt. Der große Ernst, mit dem von Isokrates der publizistische Kampf um eine gute gesellschaftliche Ordnung ausgetragen wird, wird hier uneingeschränkt anerkannt. Das Profil des Autors erhält dadurch Schärfung auch im Vergleich mit anderen großen Persönlichkeiten des 4. Jahrhunderts v. Chr.: Während Platon in rigoroser Strenge eine unerreichbare Utopie von Gerechtigkeit und Weisheit entwirft, während sich Demosthenes in oft unrealistischer Vaterlandsliebe verzehrt und während Aristoteles in wissenschaftlicher Nüchternheit analysierende Forschung betreibt, bleibt es das Anliegen des Isokrates, einzuwirken auf Individuen wie auf die Menge und dabei immer die Realitäten und Rahmenbedingungen mit im Blick zu behalten. Er sieht wenig Sinn darin, theoretische Debatten über die Konstruktion der besten Verfassung zu führen, ihm geht es um das, was die Adressaten seiner Publizistik denken und fühlen (vgl. dazu auch Panathenaikos 132-137). Grundkonsens in der Demokratie, Besonnenheit und Augenmaß in den politischen Entscheidungen, Bürgerqualifikation durch Bildung: Die von Isokrates besprochenen Themen, die von ihm aufgezeigten Perspektiven sind auch im 21. Jahrhundert keineswegs als erledigt anzusehen. So verdient dieser oft geschmähte Autor auch heute die Aufmerksamkeit derer, denen der Zustand der Gesellschaft im demokratischen Staat am Herzen liegt. Eine die Gedankengänge minuziös nachzeichnende Untersuchung wie die von Classen, die uns in eindringlicher Weise mit dem ethischen Anliegen des Autors Isokrates vertraut macht, leistet dazu einen hochwillkommenen Beitrag.

Wolfgang Orth