Tanz als Form kulturellen Widerstandes gegen milit√§rischen Terror. Der Film "Pomegranates and Myrrh" von Najma Najjar (Pal√§stina 2009) beim 10. Filmfest Frauenwelten in T√ľbingen

Von Assia Maria Harwazinski


Tanz als kulturelle Ausdrucksform ist im Orient weitgehend beschr√§nkt auf die Formen Sufi-Tanz und Bauchtanz. Die erste Form geht flie√üend √ľber in eine Art von religi√∂s inspirierter Ekstase-Technik, w√§hrend die zweite Tanzform historisch eher dem Vergn√ľgen m√§chtiger Herrscher und Haremseigent√ľmer diente. Ernstzunehmende Tanzformen sind im arabisch-islamisch gepr√§gten Kulturraum wenig vorhanden, unterentwickelt bis unterdr√ľckt. Eine Ausnahme zeigt der neue Film "Pomegranates and Myrrh" von Najma Najjar. Hier spielt eine T√§nzerin in ihrer Gruppe die Hauptrolle, ein zeitgen√∂ssischen Formen verbundener Choreograph und T√§nzer die entscheidende Nebenrolle. In den besetzten pal√§stinensischen Gebieten erscheint dies als v√∂llige Ausnahme; die vorherrschenden Formen sind traditionelle Volkst√§nze, die vom √§lteren Tanzlehrer und insbesondere dem Neuank√∂mmling aus Beirut mit zeitgen√∂ssischen Formen aufgepeppt werden sollen. Der Film wurde im arabischen Original mit englischen Untertiteln gezeigt.

Der Film spielt in der Umgebung von und in Ramallah unter s√§kularen christlichen Pal√§stinensern. Es ist die Geschichte von Zaid, dem Olivenbauer, und Kamar, der jungen T√§nzerin, die in der gemischten Tanzgruppe vor Ort traditionelle Volkst√§nze ein√ľbt. Es wird angek√ľndigt, dass bald ein neuer Tanzlehrer aus Beirut kommen soll, aus einer der besten zeitgen√∂ssischen Truppen im arabischen Raum, um mit der Gruppe zu arbeiten - ungew√∂hnlich im arabischen Raum, erst recht in l√§ndlicher Umgebung. Man erhofft sich von diesem neuen Tanzlehrer Anregung und Inspiration.

Kamar bereitet ihre Hochzeit mit Zaid vor. Beide freuen sich auf die Verbindung, obwohl Zaid als Olivenbauer als Ehefrau eigentlich eine zupackende Hand f√ľr die Plantagen ben√∂tigt. Man sieht es nicht so gern, dass eine Frau tanzen geht, w√§hrend ihr Mann auf dem Acker arbeitet und die Ernte einholt. Kamar erh√§lt von Zaids Vater ein kleines Fu√ükettchen aus Gold als Geschenk. Zaid ist ein aufgeschlossener Mann, der seiner Frau das Tanzen erlaubt und sie sogar ermuntert, es weiterhin zu tun - selbst, als er nach einem Einmarsch des israelischen Milit√§rs gefangen genommen wird und im Knast landet. Das junge Paar leidet unter der Trennung, die Besuche im Gef√§ngnis sind seelisch f√ľr alle Beteiligten anstrengend. Anr√ľhrend ist eine Szene, als die junge Ehefrau ihren Mann hinter Gittern bittet, sie doch zu k√ľssen, worauf er sich einl√§sst - doch der Zungenkuss mit Eisenst√§ben dazwischen ruft sogleich die Ordnungsh√ľter in Gestalt der Gef√§ngnisw√§rter auf den Plan, die diese Intimit√§t sofort untersagen. Kamar beginnt, mit dem neuen Tanzlehrer neue Bewegungsformen zu erproben, wovon sie lange getr√§umt hat. Besonders wichtig sind die √úbungen, sich fallen zu lassen - eine Vertrauens√ľbung, die ihr nicht leicht f√§llt. Schlie√ülich gelingt es ihr. Man kommt sich n√§her, Kamar gef√§llt dem Tanzlehrer, der Beirut und seine Truppe verlie√ü, weil es die einzige Art war, als Tanzlehrer wieder in die Heimat und sein Land zur√ľck zu kehren. Er hat alles verloren; nun f√ľrchtet er, er k√∂nne auch Kamar verlieren, die ihm gef√§llt und mit der er gut arbeiten kann. Sie gibt ihm Halt und Hoffnung; das will er sich nicht wieder nehmen lassen. Kamar freut sich sehr √ľber die unerwartete Freilassung ihres Mannes und bleibt bei ihm, tanzt aber weiter.

"Pomegranates and Myrrh" zeigt den Nahostkonflikt in unspektakul√§rer Weise, ebenso wie den Mut der Bev√∂lkerung am Beispiel einer Frau - einer √§lteren, aber immer noch √§u√üerst attraktiven Kaffeehaus-Besitzerin -, sich den schwer bewaffneten Soldaten nur mit Worten entgegen zu stellen, sie aufzufordern, ihre Gewehre abzulegen, man wolle Frieden und endlich in Ruhe arbeiten k√∂nnen! Sie weist die israelischen Soldaten heftig zurecht: Hier, in Ramallah, w√ľrde man Arabisch sprechen, nicht Hebr√§isch. Das Finale bildet, nach der unerwarteten, rechtzeitigen Freilassung von Zaid aus dem Gef√§ngnis, eine erste Tanzauff√ľhrung des Ensembles unter der Leitung des neuen Tanzlehrers auf einer provisorischen Freiluftb√ľhne mit dem Titel: "Granat√§pfel und Myrrhe". Zaid kommt gerade rechtzeitig, um seine Frau auf der B√ľhne zu sehen, nachdem er in der Oliven√∂lm√ľhle ihr verlorenes Fu√ügl√∂ckchen auf dem Boden gefunden hat - das ihm best√§tigt, das sie sich w√§hrend seiner Zeit im Gef√§ngnis um die Olivenernte gek√ľmmert hat. Ein vergleichsweise ruhiger Film, der ohne offene Gewalt und Blutvergie√üen auskommt und dem Konflikt zwischen Pal√§stinensern und Israelis die kreative, k√ľnstlerische Kulturarbeit entgegensetzt.