Rezension über:

Johann Anselm Steiger / Sandra Richter / Marc Föcking (Hgg.): Innovation durch Wissenstransfer in der Frühen Neuzeit. Kultur- und geistesgeschichtliche Studien zu Austauschprozessen in Mitteleuropa (= Chloe. Beihefte zum Daphnis; Bd. 41), 1, Amsterdam / Atlanta: Editions Rodopi 2010, 403 S., ISBN 978-90-420-2770-1, EUR 80,00
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Rezension von:
Michael Kempe
Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration", Universität Konstanz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Michael Kempe: Rezension von: Johann Anselm Steiger / Sandra Richter / Marc Föcking (Hgg.): Innovation durch Wissenstransfer in der Frühen Neuzeit. Kultur- und geistesgeschichtliche Studien zu Austauschprozessen in Mitteleuropa, 1, Amsterdam / Atlanta: Editions Rodopi 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/17840.html


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Johann Anselm Steiger / Sandra Richter / Marc Föcking (Hgg.): Innovation durch Wissenstransfer in der Frühen Neuzeit

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Die Rede vom Ei des Kolumbus gilt bekanntlich als Kernmetapher für den erfinderischen Genius, der aus sich selbst heraus Innovatives vollbringt. Herausgefordert durch die Bemerkung, jeder habe den neuen Kontinent entdecken können, weshalb dies keine besondere Leistung sei, soll Christoph Kolumbus der Legende zufolge seine Kritiker aufgefordert haben, ein Ei aufrecht auf den Tisch zu stellen. Nachdem niemand dies gelungen war, soll Kolumbus es selbst hochkant auf den Tisch geschlagen haben, so dass es aufrecht stehenblieb. Jeder, so kommentierte er sein Vorgehen, hätte die Aufgabe lösen können, doch nur er habe dies fertiggebracht. Ulrich Heinen (Wuppertal) erinnert daran, dass die "Entdeckung" Amerikas kein einfacher Geniestreich war, sondern auf sorgfältigen Studien antiker und moderner Quellen zur Kugelgestalt der Erde beruhte. Mit diesen kulturhistorischen Ausführungen beschließt Heinen einen anregenden und gelungenen - man möchte fast sagen "innovativen" - interdisziplinären Sammelband über Innovationsprozesse durch Wissensaustausch und -transfer im frühneuzeitlichen Europa.

Dass Kolumbus glaubte, er habe die Insel "Cipangu" (Japan) erreicht, als er mit seinen Schiffen im Dezember 1492 auf Haiti landete, blieb in der frühen Neuzeit nicht das einzige produktive Missverständnis. Einleuchtend zeigt dies beispielsweise Marc Föcking (Hamburg) anhand der Versuche Francesco Petrarcas, die eigene volkssprachliche Dichtung im Canzoniere als lyrischen Anschluss an die Antike zu verstehen. Ob im Schuldrama oder in der Bibel-Exegese, ob in der Rezeption antiker Herrschaftslegitimationen oder der Vermittlung neuer astronomischer Erkenntnisse, die Methoden und Techniken künstlerischer, epistemischer oder theologischer innovatio, das führen die verschiedenen Beiträge eindrücklich vor Augen, waren sehr verschieden und vielgestaltig. Fruchtbare Fehler, stimulierende Irritationen sind hier ebenso zu nennen wie neue Akzentsetzungen, Kombinationen bisher unverbundener Aspekte oder das voraussetzungslose Schaffen, die Innovation ex nihilo. Überzeugend gelingen den Autorinnen und Autoren eines neu gegründeten Forschungsverbundes, des Hamburger Netzwerks Frühneuzeit-Forschung, heuristisch vielversprechende Impulse für eine historische Innovationsforschung, ohne in ein modernisierungstheoretisches Narrativ kontinuierlich fortschreitender Verbesserungen zurückzufallen. Und so wird der Sammelband dem in der Einleitung formulierten Anspruch gerecht, "ganz traditionell, Innovatives zu leisten, indem er traditionalistische Vorstellungen von stets zunehmender Innovation revidiert - und den Begriff der Innovation zugleich für das quellennahe Studium einer Epoche fruchtbar macht, die ihn allererst entwickelt" (16).

Einzig ein wenig mehr zur Frage des Verhältnisses von Kontingenz und Innovation sowie von Intentionalität und Intuition hätte man sich gewünscht. Zu denken wäre hier etwa an eine intensivere Auseinandersetzung mit den Thesen von Carlo Ginzburg [1], der Innovationsgewinnung in den Humanwissenschaften seit der frühen Neuzeit als auf den Einzelfall abstellende, eher intuitiv verfahrende und häufig auf blitzartige Einsichten basierende Wissensgenerierung beschrieben hat. Davon unbenommen bleibt die durch den Band erreichte erfrischende Einsicht, dass (er)findungsreiche Kreativität keineswegs ein exklusives Kennzeichen spätmoderner Subjektivität darstellt, wie es neuere Subjektivitätstheorien nur allzu gerne immer wieder behaupten.


Anmerkung:

[1] Carlo Ginzburg: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst (1983). Berlin 2002.

Michael Kempe