Rezension über:

Reiner Oelwein: Geschichtsschreibung in Bildern. Carl Heinrich Hermanns »Geschichte des deutschen Volkes in fünfzehn Bildern« (= Kunstwissenschaftliche Studien; Bd. 166), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2010, 552 S., ISBN 978-3-422-06988-6, EUR 78,00
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Rezension von:
Andrea Gottdang
Institut für Kunstgeschichte, Universität Salzburg
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Andrea Gottdang: Rezension von: Reiner Oelwein: Geschichtsschreibung in Bildern. Carl Heinrich Hermanns »Geschichte des deutschen Volkes in fünfzehn Bildern«, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/18903.html


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Reiner Oelwein: Geschichtsschreibung in Bildern

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Die Forschungsliteratur zur Historienmalerei im 19. Jahrhundert floriert, auch die Spielart der Darstellung der nationalen Geschichte ist längst kein unbestellter Acker mehr. Beliebtheit und Problematik der Gattung hielten sich im 19. Jahrhundert die Waage. Den Nazarenern schien die Darstellung nationaler Geschichte eine geeignete Maßnahme, das Ideal der Volkserziehung einzulösen. Kontrovers verlief die Debatte darüber, inwiefern eine symbolische Deutung der Geschichte geboten sei oder eine an der "realen" Geschichte orientierte akribische Genauigkeit. Zudem wurde die Erweiterung der Gattung "Historie" auch in Richtung der Genremalerei stark diskutiert.

Zur Hebung des nationalen Bewusstseins und der Geschichtskenntnisse bot sich die Grafik aufgrund der Verbreitungsmöglichkeit in besonderem Maße an. Hier setzte Carl Heinrich Hermann an, dessen Geschichte des deutschen Volkes in fünfzehn Bildern bisher nur beiläufige Erwähnung fand. 1852 lag das Mappenwerk in Kupferstichen vor. Jeder einzelne vereint eine Fülle von Szenen der deutschen Geschichte, die wenigsten davon stammen aus dem Fundus gängiger Exempla. Nicht isolierte Momente, sondern Zeitabschnitte bringt jedes Blatt zur Anschauung - von der mythologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart des Jahres 1846, wobei Hermann die Jahrhunderte nicht gleichmäßig auf die 15 Blätter verteilte. Zwischen den Abschnitten können sowohl zeitliche Lücken klaffen als auch Überschneidungen die Grenzen aufheben. Weder gibt es einen Helden noch ein durchgehendes Darstellungsprinzip, sodass die Frage, in welche Kategorie die "Historien" gehören, berechtigt ist. Die alten Gattungs- und Funktionsbezeichnungen treffen nicht mehr zu, eine alternative, griffige Bezeichnung drängt sich nicht gerade auf, weshalb Oelwein den am ehesten zutreffenden Vorschlag Frank Büttners aufgreift und von "Geschichtsschreibung in Bildern" spricht.

Im einleitenden Kapitel informiert Oelwein über die Biografie des von Peter Cornelius beeinflussten Künstlers sowie über Modelle verschiedener Geschichtsbilder und steckt zweckmäßig den Rahmen von Projekten ab, die (wie der Zyklus in den Münchner Hofgartenarkaden, Julius Schnorrs Fresken im Kaisersaal der Münchner Residenz und der Relieffries J. M. von Wagners für die Walhalla) Hermann Impulse gegeben haben dürften.

Der ausgedehnte Schriftverkehr des Künstlers setzt Oelwein in die glückliche Lage, Werkentwicklung und Motivation Hermanns genauestens rekonstruieren zu können - bis hin zur Arbeitsorganisation und den Werbemaßnahmen, die sowohl der Künstler als auch der Verlag Perthes ergriffen. Dazu gehören Ausstellungen der ohne Auftrag entstandenen Zeichnungen ebenso wie Vorträge, die Subskribenten werben sollten und bald schon den Wunsch nach einem Begleittext wach werden ließen. Rudolf Foß' Erläuterung fiel jedoch so umfassend aus, dass ihr Selbstzweck den Nutzwert torpedierte, weshalb Hermann selbst 1854 noch einen zwölfseitigen Leitfaden verfasste. Sogar die Subskribenten konnte Oelwein ermitteln. Auffällig viele Vertreter des Bildungsbürgertums waren darunter, aber auch Wilhelm IV., der 60 bis 80 Exemplare für den Gebrauch in Schulen orderte.

Angesichts der Verfügbarkeit so detaillierter Informationen überrascht es, dass Hermann sich nicht zu seinen literarischen Vorlagen äußerte. Oelwein stellt daher die Werke vor, die generell zur Verfügung standen und deren Nutzung aufgrund ihrer Verbreitung wahrscheinlich ist - Ergebnis ist ein kommentiertes Verzeichnis zur Geschichtsschreibung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, für das man zwecks weiterer Verwendung dankbar ist. Da das Konzept des Mappenwerks sich allerdings nicht mit einem der bekannteren Werke deckt, schreibt Oelwein seine Erfindung Hermann zu, der sich wohl auch eingehend mit Friedrich Maßmann beriet. Bei der Gestaltung von Einzelszenen kann Oelwein aufgrund von Details dagegen oft die Konsultation der "Deutschen Geschichte" Friedrich Kohlrauschs nachweisen.

Blatt für Blatt stellt Oelwein dem Leser das komplexe Werk vor, das technische Errungenschaften ebenso ins Bild bringt wie die immer wieder thematisierte Idee des Gottesgnadentums und die Betonung der Gemeinsamkeiten beider Konfessionen. Schon aufgrund der Vielzahl der Szenen ist Oelweins Aufgabe keine leichte, zumal viele Ereignisse weit über das hinausgehen, was damals wie heute an Geschichtskenntnis vorausgesetzt werden darf. Über weite Passagen nehmen daher die Fußnoten nicht weniger Platz in Anspruch als der Fließtext - die Aufteilung ist jedoch in jedem Fall als geglückt zu bezeichnen, da Vertiefungsmöglichkeit einerseits geboten wird, andererseits der rote Faden klar erkennbar bleibt.

Das etwas irritierend "Schrift und Bild" betitelte Kapitel VI. konzentriert sich auf die Suche nach Vorlagen für die Einfügung von Bibelversen, Geschichts- und Ordnungszahlen in Kunst- und Bildwerke. Die Vorbildfrage wird auch in den folgenden Kapiteln verfolgt, wenn es um "künstlerische Vorbilder" geht und solche für die Epocheneinteilung. Oelweins Einschätzung, das wichtigste Kriterium für die Auswahl der Ereignisse sei deren Bedeutung für die Christenheit, überzeugt. Viel Erhellendes erfährt man zu einzelnen Episoden, dazu eine Fülle von Beobachtungen zur Architektur, zu Kostümen und schließlich die besondere Einfärbung durch Hermanns pietistische Prägung und die Aufnahme der Mappe in der Kunstkritik. Mehrere Rezensenten verwendeten den Begriff "Bilderschrift", und zwar in Abgrenzung zum Gemälde. Auch der Vorwurf, Hermann verstehe Kunst zu sehr als Sprache, wurde laut.

Formulierungen wie diese hätten eingeladen, das Verhältnis von Geschichte, Bild und Text ausführlicher zu diskutieren. Beim Betrachten der Bilder drängt sich schon bald die Frage auf, ob eine Auslegung, sei sie mündlich, sei sie schriftlich, nicht von Anfang an eingeplant gewesen sein muss? Wiederholt weist Oelwein darauf hin, dass Hermann mit der Wahl der Szenen mit Sicherheit sogar Lehrer überforderte. Hier wäre es hilfreich gewesen, die Notwendigkeit von Erläuterungen nicht gleich als Defizit des Bildwerkes zu begreifen, sondern die Versuchsanordnung zu ändern und Überlegungen zur Intermedialität von Bild und Text aufzugreifen, wie sie in der Romantik-Forschung derzeit diskutiert werden. Eine weitere Spur legt Oelwein selbst: Die pädagogische Absicht der Mappe ist evident, richtet sie sich doch an Schulen und Familienväter. Aber wie hat man sich den konkreten Umgang mit den nicht selbsterklärenden Blättern eigentlich vorzustellen? Oelwein denkt an Mnemotechnik - über diese Aspekte würde man gern mehr erfahren, was den Blick auch noch einmal auf wiederkehrende Muster in der Gestaltung der Szenen lenken würde.

In seiner umfassenden Analyse gibt Oelwein Einblicke in den Entstehungs- und Vertriebsprozess eines verlegerischen Risikounternehmens, das auch im Briefwechsel, der im Anhang beigegeben ist, nachvollzogen werden kann. Die Studie bringt dem Leser ein vergessenes, komplexes und zuweilen auch sperriges Werk sehr nahe, das unsere Vorstellung von "Geschichtsmalerei in Bildern" um eine wichtige Facette erweitert.

Andrea Gottdang