Rezension über:

Renate Faerber-Husemann: Der Querdenker. Erhard Eppler. Eine Biographie, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2010, 294 S., 24 s/w-Abb., ISBN 978-3-8012-0402-0, EUR 24,90
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Rezension von:
Anna-Lisa Neuenfeld
Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Empfohlene Zitierweise:
Anna-Lisa Neuenfeld: Rezension von: Renate Faerber-Husemann: Der Querdenker. Erhard Eppler. Eine Biographie, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/19132.html


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Renate Faerber-Husemann: Der Querdenker

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"Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben auch." Dieser Ausspruch Egon Bahrs charakterisiert treffend die politische Karriere Erhard Epplers. Als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit setzte er sich schon seit Ende der 1960er Jahre für eine intensive Entwicklungshilfepolitik ein. Während die neuen "Dritte-Welt-Gruppen" und auch die Kirchen dieses Thema dankbar aufgriffen, schien seine eigene Partei für solche Gedanken noch nicht bereit zu sein. Als Bundeskanzler Schmidt seinem Ministerium massiv Gelder kürzte, trat Eppler 1974 von seinem Amt zurück. In seiner anschließenden Tätigkeit als Vorsitzender der Grundwertekommission machte er sich für ein neues ökologisches Denken in der Sozialdemokratie stark, für Umwelt- und Naturschutz, lange bevor die SPD diese Begriffe in ihr Berliner Programm aufnahm. Er gehörte - auch gegen Protest der Parteispitze - zu den Unterstützern der Friedensbewegung und war eine wichtige Stimme des deutschen Protestantismus. Eppler galt stets als einer der Vordenker seiner Partei, für eine Karriere in der allerersten Reihe war er wahrscheinlich zu kompromisslos.

Nun ist von Renate Faerber-Husemann eine erste Biographie zu diesem "Querdenker" der Politik erschienen, nachdem bestimmte Bereiche seiner politischen Arbeit bereits gewürdigt worden sind. [1] Geboren 1926 in Ulm als mittleres von sieben Kindern gehörte Eppler zur Generation der Flakhelfer. Nach dem Krieg holte er sein Abitur nach und studierte Anglistik, Germanistik und Geschichte. 1951 wurde er promoviert und arbeitete anschließend bis 1961 als Gymnasiallehrer in Schwenningen. Seine politische Heimat fand Eppler zunächst durch sein Vorbild Gustav Heinemann in der Gesamtdeutschen Volkspartei - doch nur für kurze Zeit. Schon 1956 trat er in die SPD ein und begann dort seine eigentliche politische Karriere. Seine schwierigste politische Phase war sicherlich die lange Zeit als Oppositionsführer der baden-württembergischen SPD gegen einen Ministerpräsidenten wie Hans Filbinger. Nachdem er auch die Wahl gegen Filbingers Nachfolger Lothar Späth verloren hatte, trat er von allen landespolitischen Ämtern zurück.

Seither ist Eppler zwar ein Politiker ohne Amt, aber mit großem Einfluss auf seine Partei. Als eine Art "moralisches Gewissen" (124) veröffentlicht er Bücher zu aktuellen Themen, zu Friedensbewegung, Atomkraft und Umweltschutz, zu Marktradikalität und Finanzkrise und immer wieder zur Situation der Staaten der "Dritten Welt". Er bringt sich auf Parteitagen in Diskussionen ein, vom Ausstieg aus der Atomkraft, über die Steuerpolitik bis hin zum Bundeswehreinsatz im Kosovo und nutzt seine große Stärke - eine präzise, klare Sprache - zur Analyse des Zustands seiner Partei und der Zukunft der Sozialdemokratie.

Renate Faerber-Husemann war in den 1970er Jahren Korrespondentin der "Frankfurter Rundschau" in Baden-Württemberg und arbeitete anschließend als freie Journalistin. Ihr Buch stützt sich weniger auf die umfangreichen Aktenbestände, die Eppler im Archiv der sozialen Demokratie hinterlegt hat, als auf lange Interviews. Ein Literatur- oder Quellenverzeichnis und Fußnoten fehlen, Eppler selber ist die einzige Quelle - und damit ist schon eines der gravierendesten Probleme benannt: Fast hat man das Gefühl, eine Autobiographie zu lesen. Diesem Stil ist auch der Aufbau des Buches angepasst. Jedes Kapitel beginnt mit einem ausführlichen Interview der Autorin mit ihrem Hauptakteur, anschließend fasst sie das Gespräch, erweitert um einige Rahmendaten zu einem Fließtext zusammen. Diese Doppelung der Informationen führt während des Lesens zu gewissen Ermüdungserscheinungen. Nachdem die Kapitel zunächst chronologisch geordnet sind, befasst sich das letzte Drittel des Buches mit allgemeinen politischen Themen. Es geht dabei um Religiosität in der Politik (Eppler war unter anderem Vorstand des Evangelischen Kirchentags), um Pazifismus und Patriotismus, um Marktradikalismus und nicht zuletzt um das Idealbild eines Politikers.

Die Verfasserin hatte keine streng wissenschaftliche Biographie im engeren Sinne vor Auge, als die ihr Unternehmen begann. Ihr Buch ist getragen von Empathie und Bewunderung für ihren Heroen. Das muss nicht immer schaden. Vielmehr nutzt die Autorin ihre enge Verbindung zu Eppler, um ein sehr persönliches, fast schon privates Bild des Politikers zu zeichnen. Darin liegt einerseits die Stärke dieses Buches. Denn während viele biographische Daten schon aus Epplers eigenen Werken bekannt sind [2], zeigen diese Passagen wirklich Interessantes und Neues auf. So beispielsweise, wenn Eppler über die Schwierigkeiten der Verbindung von Familie und Karriere oder über seinen eigenen christlichen Glauben spricht, wenn er ganz offen seine Niederlage in Baden-Württemberg oder seinen Abschied aus der aktiven Politik beschreibt und dabei auch seine eigenen Fehler oder Fehleinschätzungen nicht auslässt. Andererseits ist diese Verbindung zwischen Autorin und Hauptakteur gleichzeitig auch die Schwäche des Buches. Denn aus ihrer Zuneigung zu Eppler macht die Verfasserin keinen Hehl. Im letzten Kapitel des Buches greift sie das Thema selbst auf: "Warum habe ich dieses Buch geschrieben, bewusst das Risiko eingehend, dass Zuneigung den Blick auch trüben kann? Mich hat fasziniert, wie einflussreich ein Mensch sein kann, der sich seit drei Jahrzehnten auf nichts anderes stützt als auf die Kraft des Wortes. Der keine anderen Instrumente hat als seine Sprache. Und ich wollte mehr darüber wissen, was im Leben ihn so geprägt hat, dass er seinen Weg mit dieser beeindruckenden Sturheit gehen, nach Niederlagen immer wieder aufstehen konnte." (289)

Dadurch lässt sie keine Kritik an ihrem Hauptakteur zu. Kommen im Buch Weggefährten zu Wort, so sind es stets solche, die ein höchst positives Eppler-Bild zeichnen können. Etwa wenn der ehemalige Schüler Epplers, Fritz Scharpf, mit den Worten zitiert wird, "sie alle [die Schüler] hätten den Unterricht bei dem jungen Mann, der nur wenige Jahre älter war als sie, genossen." (37) Die Autorin selbst verliert sich immer wieder in Beschreibungen des idyllischen Schwabenlands: "Ein sonniger Frühlingstag auf dem Marktplatz von Schwäbisch Hall. Touristen umringen Erhard Eppler. Ältere erzählen, dass man sich doch aus der Friedensbewegung kenne oder aus SPD-Wahlkämpfen. Man spricht schwäbisch. Und dann kommt eine Gruppe jüngerer Leute mit Rucksäcken und festem Schuhwerk und möchte von ihm einen Tipp für eine schöne Wanderung." (258) Durch diese einseitige Darstellung vergibt die Autorin die Chance, eine wirklich neue, originelle Darstellung eines bedeutenden SPD-Politikers zu schreiben. Ein etwas weiterer Blick und etwas mehr Abstand hätten dem Buch deutlich besser getan. Dann nämlich hätte die Verfasserin tatsächlich einen Beitrag zur bundesdeutschen Gesellschaftsgeschichte und zur Geschichte der Sozialdemokratie seit den 1960er Jahren leisten können. Denn in der Tat hat Erhard Eppler in einigen bedeutenden Konflikten dieser Jahrzehnte eine Schlüsselrolle übernommen. Er hat die sozialdemokratische Programmdebatte bis hin zur Entstehung des Berliner Programms intensiv vorbereitet und begleitet; er hat die Debatte um Atomkraft und Friedensbewegung in die SPD hineingetragen, die sich fortan intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen musste.

In diesem Kontext ließen sich auch die Schwierigkeiten der SPD im Umgang mit den alternativen Bewegungen und der Entstehung der Grünen diskutieren. Ebenso wie die Problematik der Volkspartei SPD, die seit Ende der 1960er Jahre mit einen enormen Zustrom von Mitgliedern verschiedener Milieus und Altersklassen konfrontiert war und daher auf neue Integrationsmöglichkeiten angewiesen war. Gleichzeitig hätte mit einer solchen Arbeit auch ein Beitrag zur Intellektuellengeschichte der Sozialdemokratie in der späten Bundesrepublik geleistet werden können. Eine solche Darstellung fehlt in der wissenschaftlichen Literatur bislang und wäre eine echte Bereicherung gewesen. Diese Lücke kann das vorliegende Buch leider nicht schließen.


Anmerkungen:

[1] Christine Simon: Erhard Epplers Deutschland- und Ostpolitik, Diss., Bonn 2004; Bastian Hein: Die Westdeutschen und die Dritte Welt. Entwicklungspolitik und Entwicklungsdienste zwischen Reform und Revolte 1959-1974, München 2006 .

[2] Komplettes Stückwerk, Berlin 2001; Als Wahrheit verordnet wurde. Briefe an meine Enkelin, Berlin 1997.

Anna-Lisa Neuenfeld