Rezension über:

Wolfgang Petritsch: Bruno Kreisky. Die Biografie, 3. Auflage, St. Pölten: Residenz-Verlag 2010, 420 S., 33 s/w-Fotos, ISBN 978-3-7017-3189-3, EUR 26,90
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Rezension von:
Benjamin Gilde
Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Benjamin Gilde: Rezension von: Wolfgang Petritsch: Bruno Kreisky. Die Biografie, 3. Auflage, St. Pölten: Residenz-Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/19234.html


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Wolfgang Petritsch: Bruno Kreisky

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"Wissen Sie, ich als Jude und als Emigrant kann in Österreich zwei Posten nicht bekommen: den SPÖ-Vorsitz und den Bundeskanzler" (160), soll Bruno Kreisky Ende 1966 zu Journalisten gesagt haben. Beide Posten bekam er: Am 1. Februar 1967 wählte ihn seine Partei zum neuen Vorsitzenden, am 21. April 1970 wurde er Bundeskanzler einer SPÖ-Minderheitenregierung. 1971, 1975 und 1979 holte er sogar die absolute Mehrheit und konnte ohne FPÖ-Tolerierung bis 1983 durchregieren. Auf die österreichische Bevölkerung übte Kreisky, so sein Widersacher Simon Wiesenthal treffend, "eine geradezu magische Anziehungskraft" aus. "Sie sah zu ihm auf wie zu Vater, Kaiser und Gott zugleich." (247)

Am 22. Januar 2011 wäre Kreisky 100 Jahre alt geworden. Rechtzeitig zu diesem Jubiläum erschien Ende 2010 die vorliegende Biografie. Der Autor Wolfgang Petritsch tat sich bereits seit den 1980er Jahren mit Publikationen zu Kreisky hervor, darunter auch einem ersten biografischen Essay [1], "der dem vorliegenden Band die inhaltliche Linie vorgibt" (11). Ein Kreisky-Kenner ist Petritsch aber auch, weil er von 1977 bis 1983 einer der engsten Mitarbeiter des Bundeskanzlers war und so "die Höhepunkte seiner Laufbahn aus der Nähe miterleben" (10) durfte. Dies könnte zwar problematisch sein, da beteiligten Zeitzeugen nicht selten der kritische Abstand zu ihrem Thema fehlt. Mangelnde Distanz kann man Petritsch indes kaum vorwerfen. Seinem in der Einleitung erhobenen Anspruch, "die Schattenseiten seiner Politik und Persönlichkeit" (12) nicht zu verschweigen, wird er durchaus gerecht. Das Werk ist die erste umfassende politische Biografie über Bruno Kreisky, die den weit fortgeschrittenen Forschungsstand zur Kenntnis nimmt und auch eigene Archivstudien einschließt. [2] Bedauerlicherweise verzichtet Petritsch auf den Versuch einer wissenschaftlichen Biografie und macht selbst bei wörtlichen Zitaten keine Quellenangaben. Dies tut der literarischen Qualität seines Buches allerdings keinen Abbruch.

Petritsch untergliedert sein Werk in 14 Kapitel, die sich an der Ereignischronologie orientieren und aus jeweils drei bis acht unbetitelten Unterkapiteln bestehen. Die ersten vier Kapitel behandeln auf knapp neunzig Seiten Kreiskys Kindheit, Jugend, seine politische Sozialisation in der Sozialistischen Arbeiterjugend, seine Zeit als politischer Häftling des austrofaschistischen und des nationalsozialistischen Regimes sowie schließlich seine Exilerfahrung in Schweden. Kapitel fünf bis acht schildern auf weiteren achtzig Seiten Kreiskys beinahe unaufhaltsamen Aufstieg: Bereits 1953 wurde er Staatssekretär im Außenamt und war in dieser Funktion maßgeblich an den Verhandlungen zum Staatsvertrag beteiligt. Von 1959 bis 1966 bekleidete er den Außenministerposten und übernahm 1967 den Parteivorsitz.

Der größte Teil des Buches - ca. 200 Seiten verteilt auf fünf Kapitel - widmet sich Kreiskys Kanzlerschaft, wobei Petritsch hier nicht mehr streng chronologisch vorgeht. Die Kapitel haben vielmehr eine inhaltliche Klammer. Das Kapitel "Der Bundeskanzler" zeigt vor allem den fulminanten Start und das atemberaubende Reformtempo der ersten beiden Regierungen Kreiskys zwischen 1970 und 1975. Kapitel 10 ("Der Nahe Osten rückt näher") und 12 ("Der internationale Friedensvermittler") befassen sich mit der außenpolitischen Agenda des Bundeskanzlers. In Kapitel 11 ("Vom Wahlerfolg 1975 zum Wahltriumph 1979") und Kapitel 13 ("Schatten über der letzten Legislaturperiode") stehen Kreiskys Weg zum Zenit sowie sein allmählicher politischer Abstieg im Mittelpunkt. Ein letztes Kapitel widmet sich Kreiskys langem Abschied von der Politik.

Wolfgang Petritsch gelingt es in seiner flüssig geschriebenen Biografie, ein facettenreiches Bild des Menschen und Politikers Bruno Kreisky zu zeichnen. Wer also eine gut lesbare, populärwissenschaftliche Kreisky-Biografie sucht, dem ist dieses Buch sehr ans Herz zu legen. Aus wissenschaftlicher Sicht indes gibt es Kritikpunkte zu nennen: Petritsch verfolgt nicht in erster Linie klar definierte Fragestellungen, obgleich er in der Einleitung solche erwähnt: Wie "tickte" Bruno Kreisky? Was motivierte ihn? Wie ist es ihm gelungen, den "politischen Olymp" zu erklimmen? Diese Fragen bleiben zwar nicht unbeantwortet. Dennoch folgt die Biografie, wie Petritsch selbst erläutert, eher dem Motto der New York Times: "All the News That's Fit to Print." (10) Ein weiteres Manko, vor allem dann, wenn man gezielt nach bestimmten Themen suchen und nicht das gesamte Werk durchforsten möchte, sind die fehlenden Überschriften der zahlreichen Unterkapitel. Dies ist umso bedauerlicher, als dass sie meist einem klar abgegrenzten Thema gewidmet sind, entsprechende Titel also ohne Schwierigkeiten hätten gefunden werden können. Doch diese Monita dürften für die eigentliche Zielgruppe der Biografie irrelevant sein.

Inhaltlich spart Petritsch kaum etwas aus; beinahe alles, was sich zu Kreisky sagen lässt, spricht er wohl balanciert an. Dort, wo die Forschung bisher keine eindeutigen Antworten hervorgebracht hat, benennt er dies und bietet Interpretationsmöglichkeiten an, so etwa im Falle der Terroranschläge in Südtirol in den 1950er und 1960er Jahren. Kreiskys Haltung dazu konnte bis heute nicht geklärt werden. Petritsch erwähnt die gegen den Außenminister erhobenen Vorwürfe, er habe mit den Anschlägen sympathisiert, führt Indizien auf, die für und gegen Kreisky sprechen, verzichtet aber darauf, selbst ein Urteil zu fällen. (132f.)

Vergleichsweise schwach ist die Biografie dort, wo es die Forschung quellenbedingt am schwersten hat - in der Kindheit und Jugend. So bleiben die ersten beiden Kapitel des Buches in weiten Teilen eher blass. Zugleich sind sie sehr zitatlastig. Petritsch lässt dort oft Kreiskys Autobiografie sprechen, ergänzt durch lange Zitate von Stefan Zweig und Elias Canetti, die zwar ein gutes Bild der damaligen Zeit zeichnen. Als Leser hätte man sich aber gewünscht, mehr über den jungen Kreisky zu erfahren. Diesem bisweilen etwas enttäuschenden Anfang des Buches stehen dafür brillante, kenntnisreiche und nuancierte Kapitel über Kreiskys Kanzlerschaft gegenüber. Kein Wunder, überschneiden sich hier doch ein guter Forschungsstand, der Höhepunkt von Kreiskys politischem Wirken und Petritschs eigene Erfahrung als Mitarbeiter des Bundeskanzlers.

Insgesamt hat Wolfgang Petritsch eine sehr überzeugende populärwissenschaftliche Biografie vorgelegt. Aus Sicht des Historikers bleibt zu wünschen, dass dieser bald eine wissenschaftliche Biografie folgt und Petritsch für die Zwischenzeit eine mit Quellenangaben versehene Sonderausgabe seines Werkes veröffentlicht.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Petritsch: Bruno Kreisky. Ein biographischer Essay. Mit einem Beitrag von Manfred Scheuch, Wien u.a. 2000.

[2] Elisabeth Röhrlich legte mit ihrer Dissertation eine umfassende Studie zu Kreisky vor, die mit dessen Außenpolitik jedoch nur einen - wenn auch gewichtigen - Teilaspekt von Kreiskys politischem Leben betrachtet. Elisabeth Röhrlich: Kreiskys Außenpolitik. Zwischen österreichischer Identität und internationalem Programm (= Zeitgeschichte im Kontext; Bd. 2), Göttingen 2009. Vgl. hierzu die Rezension von Michael Gehler, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2, URL: http://www.sehepunkte.de/2011/02/18299.html

Benjamin Gilde