Rezension über:

Benjamin Acosta-Hughes: Arion's Lyre. Archaic Lyric into Hellenistic Poetry, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2010, XIII + 252 S., ISBN 978-0-691-09525-7, GBP 27,95
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Rezension von:
Claas Lattmann
Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Claas Lattmann: Rezension von: Benjamin Acosta-Hughes: Arion's Lyre. Archaic Lyric into Hellenistic Poetry, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/17817.html


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Benjamin Acosta-Hughes: Arion's Lyre

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Benjamin Acosta-Hughes untersucht in "Arion's Lyre: Archaic Lyric into Hellenistic Poetry" die Rezeption archaischer griechischer Lyrik in hellenistischer Dichtung, konkret: "the response of the Alexandrians to earlier Greek poetry [...], and also [...] the adaptation, reinterpretation, indeed transformation of many of these poems in new social and cultural settings" (218). Ein sekundäres Augenmerk liegt auf den Folgen dieser Prozesse für unser heutiges Verständnis archaischer Lyrik.

Eine konzise Einleitung entwickelt Ziel und Methoden des Buches (1-11). Ausgangspunkt - und Erklärung des Titels - bildet ein Epigramm des neuen Poseidipp-Papyrus: Dieses konstruiere am konkreten Objekt der Lyra des archaischen Dichters Arion "a clear contrast between past time and past singer, Archaic setting and Arion, and present time and the preservation of song" (1). So zeige sich schlaglichthaft die Komplexität der Rezeption archaischer Lyrik in hellenistischer Dichtung (3): "Its presence is at once the result of poetic imitation, the physical treatment of texts, and the creation of cultural memory in a new setting" (3), geprägt insbesondere durch die sich herausbildende alexandrinische Philologie (6).

Damit sind die Zusammenhänge benannt, die Acosta-Hughes im theoretischen Rahmen der Intertextualitätsforschung analysieren möchte. Diese versteht er konkret als "the systematic study of the interrelations between texts" (4), die sich dezidiert nicht in der Sammlung von Parallelstellen (4) mit dem primären Zweck der Rekonstruktion von Originalen erschöpfe (6). Vielmehr gehe sie davon aus, dass "imitation is an art in itself, with its own dynamics of preservation, variation, and recreation" (4). Damit schließe seine Untersuchung an neuere Tendenzen der Forschung zur römischen Dichtung an (6).

Das Ziel, die Interaktion von archaischer und hellenistischer Dichtung zu erhellen, soll in fünf Einzelstudien erreicht werden. Diese konzentrieren sich exemplarisch auf ausgesuchte archaische Autoren und arbeiten die intertextuellen Bezüge sowohl hinsichtlich des Original- als auch hinsichtlich des alexandrinischen Kontextes heraus (10).

Die erste Studie widmet sich unter dem Titel "Preserving Her Aeolic Song" (12-61) der Sappho-Rezeption durch Theokrit (16-39) und Apollonios Rhodios (39-61). Speziell wird gezeigt, wie "a poet who herself extensively reconfigured epic imagery into lyric comes in her turn to be recast into hexameter, the meter of epic" (62).

Komplementär dazu wirft das zweite Kapitel "Lyric into Elegy" einen Blick auf die Sappho-Rezeption in der elegischen Dichtung (62-104). Dabei liegt der Fokus auf zwei Aspekten: 1) auf Kallimachos (62-82), insbesondere im Spiegel von Catulls Dichtung im Sinne der Frage, "to what extent might Catullus be reading Sappho through Callimachus" (63); 2) auf dem hellenistischen Epigramm (82-92), und zwar dahingehend, dass "a poet whose art was both performative and part of an oral culture comes to have a particularly strong and lasting resonance in a later art form strongly associated with writing" (82). Ein Anhang diskutiert die Gestalt des alexandrinischen Sappho-Texts (92-104).

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit Alkaios (105-140): Dieser sei schon für die hellenistischen Dichter "the object of a multileveled reception in later poetic forms, philosophical discourse on poets and poetry, and local history of Mytilene" (106) gewesen und sei daher "emblematic of the complex evolution of singer to figure of cultural memorialization and artistic metaphor" (140). Dieser Evolution geht Acosta-Hughes anhand von 1) Theokrit (107-122), 2) Kallimachos (123-130) und 3) Horaz (130-133) nach. Auch hier erhellt ein Anhang die alexandrinische Gestalt des Alkaios-Textes (134-140).

Kapitel 4 - "From Samos to Alexandria" - analysiert die Rezeption von Anakreon und Ibykos (141-170): "Their dependent relationships with their powerful patrons, their production of encomiastic poetry, and their erotic poetry composed in the context of a court setting are all factors that make them significant models for the singers of third-century Alexandria" (141). In diesem Sinne untersuchen einzelne Unterkapitel: die Anakreon-Rezeption bei Apollonios Rhodios (148-150), im hellenistischen Epigramm (151-154), bei Theokrit (154-158) und bei Kallimachos (158-160); die alexandrinische Anakreon-Edition (160-163); die Ibykos-Rezeption in den Scholien zu Apollonios Rhodios (163-168) sowie im Herrscherlob (168-170).

Das letzte, fünfte Kapitel trägt den Titel "Simonides Recalled" (171-213): Während das moderne Bild von Simonides weniger unmittelbar auf seiner Dichtung als auf Anekdoten beruhe, soll die Untersuchung seiner Rezeption bei Kallimachos (171-179), Theokrit (179-198) und Apollonios Rhodios (198-206) sowie der ihm zugeschriebenen Epigramme (206-209) Erkenntnisse zu seinem Werk selbst liefern - und damit zum Werk eines Dichters, "who [...] composed in multiple poetic genres and whose poetry is often already a complex act of artistic reception, and in whom the Alexandrians found a model for some of the poetics that they were then to take up and elaborate" (10). Das Kapitel schließt ebenfalls mit einem Anhang zum alexandrinischen Simonides-Text (210-213).

Der Epilog "Lyric Transformed" (214-219) zieht ein Fazit und eröffnet die weitere Forschungsperspektive. Insofern dabei eine Diskussion der Epigramme zum Lyriker-Kanon dessen Abhängigkeit von der alexandrinischen Editionstätigkeit erweist, lenkt Acosta-Hughes noch einmal exemplarisch den Blick auf "the influence of editing, and of editions, on poetry" (218) - wobei beides in seiner Interdependenz zentral für unser heutiges Bild der archaischen Dichtung sei: "We owe the Alexandrians not only the preservation of these Archaic poets [...], but also the way in which we read them" (218).

Den Abschluss des Buches bilden ein Literaturverzeichnis (221-237) sowie ein Stellen- und Sachregister (239-246 bzw. 247-252).

"Arion's Lyre" widmet sich mit der antiken Rezeption archaischer Lyrik in anregender Weise einem spannenden Feld der gräzistischen Forschung. Hier können zahlreiche Rezeptions- und Transformationsprozesse aufgezeigt und zur Grundlage eines adäquateren Verständnisses hellenistischer Literaturproduktion in ihrem spezifischen kulturgeschichtlichen Kontext gemacht werden. Allerdings gilt der - von Acosta-Hughes selbst angeführte (8-9) - methodische Vorbehalt, dass die meisten der behandelten archaischen und / oder hellenistischen Texte höchst fragmentarisch erhalten sind und dass sich entsprechend oftmals nur "the suggestive possibility of an intertextual reading rather than its certainty" (9) zeigt - und mitunter sogar weniger als das (vgl. etwa 32-34), zumindest im theoretischen Rahmen dieser Studie, die von (der Skizze) einer ästhetischen Theorie der hellenistischen Allusion hätte profitieren können (insbesondere hinsichtlich notwendiger und hinreichender Kriterien für das Vorliegen und Erkennen eines intertextuellen Bezugs). In diesem Sinne hätte auch eine (sei es nur kursorische) Analyse insbesondere der antiken Pindar-Rezeption - wo ein umfangreiches Text- und Scholiencorpus vorliegt, das extensives Anschauungsmaterial für die alexandrinische Editions- und Kommentararbeit bietet (wie im Forschungsausblick angemerkt: 218-219) - die erzielten Ergebnisse methodisch absichern können.

Ungeachtet dessen ist es das Verdienst dieses Buches, einen bisher nicht hinreichend erforschten, nichtsdestoweniger zentralen Aspekt der hellenistischen Rezeption archaischer Lyrik sowohl in Hinsicht auf ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten als auch in Hinsicht auf ihre Bedeutung für die gesamte folgende Rezeptionsgeschichte produktiv beleuchtet zu haben.

Claas Lattmann