Rezension über:

Ilan Pappé: The Forgotten Palestinians. A History of the Palestinians in Israel, New Haven / London: Yale University Press 2011, 344 S., 1 Kt., ISBN 978-0-300-13441-4, GBP 18,99
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Rezension von:
Axel Meier
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Axel Meier: Rezension von: Ilan Pappé: The Forgotten Palestinians. A History of the Palestinians in Israel, New Haven / London: Yale University Press 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 5 [15.05.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/05/19509.html


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Ilan Pappé: The Forgotten Palestinians

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Mit The Forgotten Palestinians knüpft der israelische Historiker Ilan Pappé an sein umstrittenes Buch über die Vertreibungen der arabischen Bevölkerung aus Palästina in der Zeit des israelischen Unabhängigkeitskrieges [1] an. Die Protagonisten seiner Forschung, die arabischstämmigen Bewohner des heutigen Israels, nehmen in unserer Wahrnehmung des Nahost-Konflikts eine eher marginale Rolle ein. Im jüdischen Israel dagegen herrscht eine wahre Phobie gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe. Aufgrund ihrer höheren Geburtenrate wird sie dort als "demografische Zeitbombe" betrachtet, die langfristig den jüdischen Charakter des Landes gefährde.

Dem entsprechend nennt Pappé als Ziel seines Werkes nicht die Idealisierung der israelischen Palästinenser, sondern "to humanize them in places where they are forgotten, marginalized or demonized." (14) Sein persönlicher Antrieb, dieses Buch als "part of the oppressing majority" zu schrieben, ist, wie er sagt, die Suche nach "my own peace of mind and moral satisfaction." (13)

Methodisch ist Pappés Buch eine klassische erzählende Geschichtsschreibung. Erst im Appendix geht er auf die theoretischen Paradigmen anderer Autoren ein, die ihm zwar zu wenig historisch, aber hilfreich für die Beschreibung der aktuellen Situation erscheinen. Gegliedert ist der Text in Zeitabschnitte, die im wesentlichen den Zäsuren der allgemeinen israelischen Geschichtsschreibung entsprechen.

In den ersten beiden Kapiteln beschreibt Pappé das Leben der Palästinenser in den ersten Jahren des Staates Israel, als sie unter einer Militärverwaltung lebten, die aus den Notverordnungen der britischen Mandatsmacht abgeleitet war, welche von den zionistischen Führern selbst bekämpft worden waren. Anhand einer Reihe von Beispielen zeigt Pappé wie Landenteignungen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit zur sozialen Verelendung eines Teils dieser Gruppe führte. Der juristische Kampf gegen Landenteignungen und für die Erlangung der israelischen Staatsbürgerschaft (anders als einwandernde Juden wurden in Israel lebende Araber nicht automatisch Staatsbürger) prägte in dieser Phase die Existenz der Palästinenser in Israel.

Daneben waren die palästinensischen Israelis bestrebt, eine eigene nationale Identität zu entwickeln. Ihr Dilemma war es, dass das jüdische Israel ihnen misstraute, und die arabische Welt kein Verständnis dafür hatte, dass sie nicht gegen die Existenz des jüdischen Staates kämpften. Zur Anschauung zitiert Pappé den israelisch-palästinensischen Dichter Rasched Husayn: "Who are we, the Arabs of Israel? Here they see us as a fifth column, there as traitors. We live in two worlds and belong to none." (77)

In den folgenden Kapiteln legt Pappé seinen Schwerpunkt auf die Herausbildung einer spezifischen israelisch-palästinensischen Identität. Seine Beschreibungen, wie der Austausch mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten seit 1967 und mit der arabischen Welt nach dem Friedensschluss mit Ägypten 1979 die eigene Identitätsstiftung befeuerte, sind die stärksten Momente des Buches. Die Reflexion ihrer Lebenssituation in Romanen, Theaterstücken und Filmen war entscheidend für die Formierung eines für den politischen Kampf notwendigen Zusammengehörigkeitsgefühls.

Geprägt war der Kampf der israelischen Palästinenser vor allem von den Protesten gegen die Landenteignungen. Gleichzeitig gründeten sie neue politische Körperschaften und NGOs, die versuchten, die Bereiche auszufüllen, für die der Staat seine Verantwortung nicht wahrnahm, z.B. medizinische Versorgung, Umweltschutz, Rechtshilfe.

Die scheinbare Pazifizierung des Verhältnisses zwischen Israel und den Palästinenser infolge des Abkommens von Oslo 1992 hatte für die Palästinenser in Israel fatale Folgen. Die israelische Bereitschaft, einen palästinensischen Staat in Gaza und Westjordanland zu akzeptieren, wurde mit der Forderung an die israelischen Palästinenser verknüpft, dort zu leben, falls sie mit ihrer Existenz in Israel nicht zufrieden sein sollten. Andererseits führten die durch das Oslo-Abkommen geschürten Hoffnungen auf einen Modus vivendi zwischen Israel und seinen Palästinensern zu einem Ausbau der Zivilgesellschaft unter den israelischen Palästinensern, und forcierte so den Trend zu einer autonomen Existenz.

Mit der Einwanderung aus den post-sowjetischen Ländern in den 1990er-Jahren verschärfte sich der Druck auf die israelischen Palästinenser wieder. Erstere drängten in die Lebensräume der Letzteren, und Gelder, die eigentlich für den Ausbau der Lebensräume der Palästinenser gedacht waren, wurden nun für die Integration der Einwanderer verwendet. Außerdem zeigte sich schnell, dass die neuen Einwanderer vorzugsweise für die Parteien stimmten, die eine besonders ablehnende Haltung gegenüber Arabern propagierten.

Hier zeigt sich ein Trend, der sich bis in die Gegenwart noch verstärkt hat: Seit den 1980er-Jahren entwickelte sich ein "Neo-Zionismus", der sich auf sich eine informelle Allianz zwischen fundamentalistischen und religiös-orthodoxen Zionisten mit Siedlern in den besetzten Gebieten und den marginalisierten Teilen der jüdischen Gesellschaft gründet, deren kleinster gemeinsamer Nenner ihr Antiarabismus ist. Die Bedeutung des Neo-Zionismus zeigt sich darin, dass die rechtsextreme Partei Israel Beitenu an der aktuellen Regierung beteiligt ist und in Avigdor Liebermann den israelischen Außenminister stellt.

Oberflächlich gesehen ist Pappés Buch eine eindrückliche Darstellung des Lebens der israelischen Araber in dem Land, das seinem Selbstverständnis nach jüdisch ist. Seine Beschreibung der mehr oder weniger subtilen Formen der Diskriminierung im Bildungssystem und in der Arbeitswelt, sowie der Verdrängungspolitik der verschiedenen Regierungen ist genau so eindringlich wie seine Ausführungen zur Bildung einer eigenen kulturellen Identität der israelischen Palästinenser.

Ilan Pappé verhehlt nicht, dass er in diesem Konflikt Partei ergreift. Aber das ist das Problem dieses Buches. Es ist einseitig und ignoriert die Grauzonen, Zwischentöne und Widersprüche, die in diesem Konflikt so zahlreich sind. Gelegentlich finden sich Andeutungen, zum Beispiel zur Kollaboration israelischer Palästinenser mit dem israelischen Geheimdienst, doch ist Pappé dann "unwilling" diese weiter auszuführen. (61) Es fällt auf, dass die Protagonisten des Buches im Wesentlichen als einheitliche Gruppe erscheinen. Differenzierungen, zum Beispiel das engere Verhältnis der Drusen zum jüdischen Staat, kommen nur selten vor. Der Autor beschränkt sich darauf, alle israelischen Palästinenser pauschal zu viktimisieren.

Im Epilog versteigt Pappé sich zu einer wenig hilfreichen, aber reichlich gespenstischen Diskussion darüber, ob Israel nun eine Ethnokratie, ein Apartheidsstaat, ein Mukhabarat (Geheimdienst)-Staat arabischer Prägung oder ein Unterdrückungsstaat ist.

Zu empfehlen ist, Pappés Buch in Verbindung zum Beispiel mit dem etwa zeitgleich erschienenen Buch Israel's Palestinians. The Conflict within von Ilan Peleg und Dov Waxman zu lesen, das nicht bei der Anklage Israels stehen bleibt, sondern versucht, Wege aufzuzeigen, wie der Konflikt entschärft werden könnte.


Anmerkung:

[1] Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt 2007.

Axel Meier