Rezension über:

Richard Moore: Nuclear Illusion, Nuclear Reality. Britain, the United States and Nuclear Weapons, 1958-64 (= Nuclear Weapons and International Security since 1945), Basingstoke: Palgrave Macmillan 2010, XV + 332 S., ISBN 978-0-230-23067-5, GBP 65,00
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Rezension von:
Susanna Schrafstetter
University of Vermont
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Susanna Schrafstetter: Rezension von: Richard Moore: Nuclear Illusion, Nuclear Reality. Britain, the United States and Nuclear Weapons, 1958-64, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/07/18714.html


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Richard Moore: Nuclear Illusion, Nuclear Reality

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Richard Moores Studie ist im Rahmen eines neuen Forschungsprojekts zur Geschichte der britischen Kernwaffen am Mountbatten Centre for International Studies der University of Southampton entstanden und als zweiter einer insgesamt auf fünf Bände angelegten Untersuchung des britischen Atomwaffenprogramms von 1952 bis 1976 erschienen. Diese Arbeiten bilden gleichsam eine dritte Welle von Studien zur Atommacht Großbritannien nach den zahlreichen Veröffentlichungen der 1970er bzw. frühen 1980er Jahre sowie der 1990er Jahre. [1]

Die Geschichte der britischen Kernwaffen ist damit gut erforscht, dies gilt allerdings in viel geringerem Maße für die Technik- als für die Politikgeschichte. Das Forschungsprojekt des Mountbatten Centre will dies ändern. Moore verknüpft in seiner Arbeit die Ebene der Politik- und Diplomatiegeschichte ("policy-making") mit der technologischen Ebene ("policy-implementation"), der Waffenentwicklung und militärischen Planung. Er behandelt die Jahre 1958 bis 1964 und teilt seine Studie in vier Teile: Die Jahre 1958 bis 1961 (Nuclear Illusion) werden in zwei Kapiteln, eines zu policy-making und eines zu policy-implementation, untersucht; danach folgen zwei Kapitel zu den Jahren 1961 bis 1964 (Nuclear Reality). Die Zäsur 1961 markiert, wie Moore selbst feststellt, keinen präzisen Wendepunkt, auch will er die Dichotomie zwischen "illusion" und "reality" eher als eine graduelle Entwicklung Großbritanniens von einem nuklearen Zwerg (1958) hin zu einer etablierten Atommacht (1964) verstanden wissen (2).

Die Studie setzt mit dem Jahr 1958 ohne Zusammenfassung der Vorgeschichte ein und ist damit ausdrücklich als zweiter Band der mehrbändigen Reihe zu verstehen. Für Moore dient die politik- und diplomatiegeschichtliche Ebene als Aufhänger, um die technologischen Entwicklungen in ihren Bezugsrahmen einzuordnen und die konkreten Auswirkungen von policy-making auf policy-implementation darzustellen. Dies gelingt ihm im zweiten Teil der Arbeit gut, trotzdem bleibt eine gewisse Zusammenhanglosigkeit zwischen den Ebenen, wie er selbst schreibt: "It sometimes appears that there were two distinct British nuclear weapons programmes underway at the same time: one in the cloisters of Whitehall and Westminster, focusing almost exclusively on future spending plans and their justification, and one in research establishments, factories and military bases across the United Kingdom [...]". (2)

Das erste Kapitel behandelt bekanntes Terrain: die Wiederherstellung der nuklearen Zusammenarbeit zwischen den USA und Großbritannien durch das Abkommen von 1958, sowie die Entscheidung, die Entwicklung der britischen Rakete Blue Streak zugunsten der Übernahme der amerikanischen Skybolt aufzugeben. Moore kann hier und da mit neuen Einsichten aufwarten. So war die Aufgabe von Blue Streak eine auf politischen und nicht, wie bisher angenommen, eine auf technischen und strategischen Gründen basierende Entscheidung. (50) Moore betrachtet auch das Holy Loch-Abkommen (1960) über die Nutzung schottischer Basen durch die amerikanische Polarisflotte in einem neuem Licht: Zu einer Zeit, als die British Campaign for Nuclear Disarmament (CND) ihre größte Unterstützung erfuhr, stimmte Macmillan dem Abkommen nur widerwillig zu. Moore kommt zu dem Schluss: "Holy Loch should perhaps take its place, alongside Blue Streak and Skybolt, in the list of British nuclear political crises". (68) Seine Behauptung, dass innenpolitische Faktoren bei der Beurteilung der politischen Entscheidungen bisher kaum Beachtung gefunden haben, ist allerdings ein wenig überzogen.

Im zweiten Kapitel geht Moore detailliert auf die Planung und Entwicklung ganzer Generationen von Raketen und Sprengköpfen ein. Wichtig ist ihm dabei, zu betonen, dass das britische Atomprogramm eigenständige Entwicklungserfolge feiern konnte, dass amerikanische Wissenschaftler großes Interesse an britischem Design zeigten (und damit das Abkommen von 1958 keine technologische Einbahnstraße war), und dass auch nach dem Abkommen von 1958 britische Wissenschaftler in einigen Bereichen eigene Technologien weiter entwickelten. Während das erste Kapitel vor allem durch hervorragende Lesbarkeit und klare Analyse besticht, verliert sich das zweite Kapitel ein wenig in der Vielzahl von besprochenen Waffensystemen, die geradezu einkaufslistenartig abgearbeitet werden. Hier hätte man sich wirkungsvoller auf die interessantesten Beispiele konzentrieren können. In manchen Punkten erliegt der Autor auch der Faszination der Technik. Dies mutet gerade bei der Beschreibung der Arrangements für unterschiedliche Arten von atomaren Tests in Australien etwas seltsam an. (92-4)

Der zweite Teil des Buches spannt den Bogen von 1961 bis zum Wahlsieg der Labour Partei im Oktober 1964. Mit der amerikanischen Entscheidung, die Entwicklung der Skybolt-Rakete einzustellen, war die Zukunft der unabhängigen britischen Atomstreitmacht plötzlich ungewiss. Die Skybolt-Krise von 1962 bildete den Auftakt für eine ganze Reihe von diplomatiegeschichtlichen Entwicklungen: das Treffen zwischen Kennedy und Macmillan in Nassau, bei dem Kennedy das Polaris-System als Ersatzlösung für Großbritannien anbot, sowie die daraus resultierende Forcierung der Pläne für eine Multilaterale Atomstreitmacht durch das amerikanische State Department, Präsident De Gaulles Verärgerung über die bilaterale nukleare Kollaboration der Angelsachsen und sein Veto gegen den britischen Beitritt zur EWG im Januar 1963 - all dies ist bereits hinlänglich analysiert worden. Hier hat der Verfasser nichts Neues zu bieten.

Im technischen Kapitel des zweiten Teils gelingt es Moore, anschaulich zu verdeutlichen, wie sich die politischen Entscheidungen auf die technische Entwicklung auswirkten. Trotz erheblicher technischer Probleme bei der Entwicklung der Blue Steel-Rakete wuchs der Erfolgsdruck auf dieses Programm nach dem Ende von Skybolt dramatisch, da Blue Steel als Interimslösung den "deterrence gap" bis zur Fertigstellung von Polaris überbrücken musste. Das Polaris-Abkommen ist bekanntlich vielfach analysiert worden. Moore ergänzt nun die technologische Ebene und beschreibt, wie im Anschluss an das Abkommen Debatten über die Auswahl eines bestimmten Polaris-Raketenmodells stattfanden, wie englisches Sprengkopfdesign an amerikanische Raketentechnologie angepasst werden musste und wie ein als Träger geeignetes U-Bootmodell ausgewählt wurde. Abschließend betont Moore nochmals die eigenständigen Entwicklungsleistungen des britischen Atomprogramms.

Der Band ist eine technikgeschichtliche Studie, die nicht nur Spezialisten auf diesem Gebiet anregende Lektüre bietet, sondern die technologischen Entwicklungen von 1958 bis 1964 in ihrem politischen Kontext verortet. Für Leser, die sich einen ersten Überblick über die Geschichte des britischen Atomprogramms verschaffen wollen, ist dieses Buch allerdings nicht geeignet.


Anmerkung:

[1] Vgl. Andrew Pierre: Nuclear Politics. The British Experience with an Independent Strategic Force 1939-1970, Oxford 1972; Margaret Gowing: Independence and Deterrence. Britain and Atomic Energy 1945-52, (2 Bde.), London 1974; Lawrence Freedman: Britain and Nuclear Weapons, London 1980; Ian Clark: Nuclear Diplomacy and the Special Relationship. Britain's Deterrent and America 1957-62, Oxford 1994; Martin Navias: Nuclear Weapons and British Strategic Planning 1955-58, Oxford 1991; John Baylis: Ambiguity and Deterrence. British Nuclear Strategy 1945-1964, Oxford 1995.

Susanna Schrafstetter