Rezension über:

Naghmeh Sohrabi: Taken for Wonder. Nineteenth-Century Travel Accounts from Iran to Europe, Oxford: Oxford University Press 2012, X + 179 S., ISBN 978-0-19-982970-5, GBP 45,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Tilmann Kulke
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Naghmeh Sohrabi: Taken for Wonder. Nineteenth-Century Travel Accounts from Iran to Europe, Oxford: Oxford University Press 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/10/22391.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 12 (2012), Nr. 10

Naghmeh Sohrabi: Taken for Wonder

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Typisch für das amerikanische System liegt hier nach sieben Jahren eine (stark) überarbeitete Dissertation aus dem Jahre 2005 in einem renommierten Verlag vor. Verfasst hat sie Naghmeh Sohrabi, die jetzt als Assistant Professor of Middle East History an der Brandeis University in Waltham, MA tätig ist, seinerzeit in Harvard. Der Gegenstand der Qualifikationsschrift sind vier Reiseberichte aus der Qajarenzeit (1794-1925). Zwischen 1809 und 1897 begab sich eine stetig anwachsende Zahl Perser aus unterschiedlichen Gründen auf Reisen. Boten bis etwa 1850 diplomatische Missionen, Entsendungen zur Aneignung von Wissen und Wallfahrten die Gelegenheit, die Heimat zu verlassen, so kamen am Ende des Jahrhunderts medizinische Gründe, Handelsaktivitäten und der Tourismus hinzu. Viele Reisende fertigten Berichte über ihre Fahrten an; nach einer Zählung sind in den Archiven etwa 238 Texte aus den 131 Jahren erhalten, wobei die meisten von ihnen nicht gedruckt vorliegen.

Reisebücher scheinen auf den ersten Blick ein klares, einfach zu bearbeitendes Genre zu sein, lassen sich dort doch offenbar in vielen Fällen interessante Rückschlüsse auf die Wahrnehmung der Europäer und der von ihnen im Laufe des 19. Jahrhunderts in die Welt getragenen Errungenschaften der sogenannten "Moderne" durch die "Orientalen" ziehen. Allerdings ist man in den letzten Jahren davon abgekommen, die Texte auf diese Weise zu lesen, da letzten Endes nur der Wunsch dahinter stand zu sehen, inwieweit die Iraner in der Lage waren, die europäischen "Zivilisationsleistungen" überhaupt zu "verstehen". Zu selektiv, zu orientalistisch, zu essentialistisch war diese Form der Lektüre. Nachdem nun in den letzten Jahrzehnten das lineare Modernisierungsparadigma aufgegeben wurde und im Rahmen des Globalisierungsprozesses ein neues Interesse an Verflechtungszusammenhängen aufgekommen ist, bieten Reiseberichte einen hochinteressanten Ansatzpunkt, die Interaktionen und Rückkopplungen zwischen kultursemiotisch durchaus unterschiedlichen Räumen zu analysieren. Die qajarischen Texte sind eben nicht nur in Bezug auf Europa interessant, sondern auch für ein Verstehen der innerqajarischen Angelegenheiten und Sichtweisen. Reiseberichte wurden ganz gezielt zur Staatspropaganda genutzt, die auf eine europäische Leserschaft ebenso abzielte wie auf eine iranische. Insofern möchte die Verf. die Werke als rhetorisch Texte in einem ganz bestimmten historischen Kontext mit einer genau zu definierenden Funktion ernst nehmen.

Interessanterweise fügt sich die oben beschriebene traditionelle Lesart der Fahrtenbücher in eine ähnlich gelagerte Wahrnehmung der qajarischen Geschichte. Immer wieder geht es um die Beantwortung der Frage, ob diese Epoche eine Ära des schleichenden Niedergangs oder der beginnenden Modernisierung gewesen sei. Auf der einen Seite sind die Änderungen im militärischen, rechtlichen, administrativen und im sozialen Bereich im 19. Jahrhundert ebenso unverkennbar wie der aufkommende Nationalismus und die zunehmende öffentliche Politisierung des Landes. Auf der anderen Seite ließen die katastrophalen Niederlagen gegen die Russen in den Kriegen von 1804 bis 1823 und von 1826 bis 1828 allgemeinen das Bewusstsein in der Bevölkerung entstehen, gesellschaftlich auf dem Abstieg zu sein. Viele moderne Historiker interpretieren daher die Geschichte des Landes von der konstitutionellen Revolution des Jahres 1906 aus als eine Periode des wechselhaften Kampfes um Reform und Modernisierung. Eine derart teleologische Geschichtsschreibung neigt allerdings dazu, gewisse Aspekte - wie die Entwicklung moderner politischer Konzepte, die Formierung einer politischen Öffentlichkeit oder das Aufkommen von Massenbewegungen - zu sehr zu betonen und andere Entwicklungen zu vernachlässigen oder zu ignorieren.

Dies alles gilt es zu wissen, wenn man verstehen möchte, warum sich im Laufe der Zeit ein Kanon iranischer Reisewerke herausgebildet hat, mit dem sich die Forscher immer wieder beschäftigt haben. Denn nur Texte, aus denen man Argumente für die skizzierte innerqajarische Entwicklungslinie gewinnen konnte, galten als interessant und wichtig.

Das hier zu besprechende Buch setzt sich nun vor diesem Hintergrund mit vier ausgewählten Berichten von Reisen nach Europa auseinander. Es handelt sich um folgende Personen und Werke: Um (1) Mirza Abdul Hasan Khans (1764-1846) "Buch der Wunder", (2) Mirza Fattah Khan Gamrudis (st. 1848) "Reisebericht", (3) Nasir ad-Din Shahs (reg. 1848-1896) diverse als "Ruznamah" oder "Safarnamah" titulierte Schriften, und um (4) Hajji Pirzadehs (st. 1903) "Fahrtenbuch". Den Texten und ihren Autoren, die bewusst mit den vier Herrschern der Epoche - Fath Ali Shah (reg. 1797-1834), Muhammad Shah (reg. 1834-1848), Nasir ad-Din Shah (reg. 1848-1896) und Muzaffar ad-Din Shah (reg. 1896-1907) - korrespondieren, widmet die Verf. jeweils ein eigenes Kapitel.

In "The Reluctant Tourist: Mirza Abdul Hasan Khan and His "Book of Wonder'" (21-46) geht es um die Erfahrungen, die der außerordentliche Gesandte von Fath Ali Shah zu King George III im Jahre 1809 später in schriftlicher Form vorlegte. Der Bericht spiegelt letztlich die Haltung des qajarischen Hofes zu Beginn des 19. Jahrhunderts wider, als die Briten langsam begannen, ein Interesse an Persien als Pufferstaat zu entwickeln. Auf der anderen Seite zeigt das "Hayratnamah" deutlich, wie selbstbewusst der qajarische Herrscher und die höfische Elite diesem Ansinnen entgegentraten. Eine Generation später hatte sich die Situation dramatisch verändert. Muhammad Shah (reg. 1834-1848) schickte eine Gesandtschaft unter Führung von Ajundanbashi (st. nach 1860) nach Europa, um sich unter anderem über die britische Okkupation im Zuge des Herat-Feldzuges von 1837 zu beschweren. ["Long Day's Journey into Night: Mirza Fattah Khan Garmrudi's Accounts of Europe" (47-72)] Die Mission an den Hof von Queen Victoria wurde anschließend von dem Vertreter Ajundabashis, dem genannten Mirza Fattah Khan Garmrudi, in mehreren zusammenhängenden Texten zu Papier gebracht. Garmrudis Arbeit zeigt einen frühen Versuch, neue geographische Konzepte in den Reisebericht einzubauen, ohne allerdings die alten narrativen Muster aufzugeben.

Moderne Technologien - Eisenbahn, Presse, Telegraphie - erlaubten es dann Nasir ad-Din Shah, als erster iranischer Herrscher selbst nach Europa zu reisen. ["The Travelling King: Nasir al-Din Shah and His Book of Travel", 73-104] Er nutzte das Medium des Reisejournals in erster Linie dazu, zu Hause trotz langen Abwesenheiten ständig präsent zu sein. Auf die geographischen Informationen, die Gamrudi noch liefern musste, kann der iranische Machthaber getrost verzichten, denn das von ihm ins Leben gerufenen herrschaftliche Übersetzungsbüro hatte den durchschnittlichen Leser bereits zur Genüge mit entsprechenden Kenntnissen versorgt.

Am Ende des 19. Jahrhunderts kommt es schließlich zur Popularisierung des Genres. Schichten, die bisher nicht auf Reisen gingen, machten sich nun auf in die Ferne. Ein Beispiel, das sich Naghmeh Sohrabi ausgesucht hat, ist das "Sefaratnamah" aus der Feder des Sufis Hajji Pirzadeh (1835-1903). ("A Dervish and a Merchant Walk into Europe The Popularization of Travel Writing", 105-124) Deutlich ist in diesem Bericht zu spüren, dass auch die europäische Welt für die qajarischen Reisenden nicht mehr voller Wunder war, sondern sich vielmehr eine Form von Entzauberung breit gemacht hat, die man bislang gemeinhin eher auf europäischer Seite konstatiert hat.

Insgesamt gesehen bietet die Studie über qajarische Reiseberichte anhand von vier sorgfältig ausgewählten Beispielen eine gelungene Revision des etablierten Textkanons dieses doch recht komplexen Genres. Es wird in der Folgezeit darum gehen, auf dieser Basis mit weiteren Studien aufzubauen, die sich eventuell noch intensiver um die narrativen Strukturen der Texte kümmern. Eine genaue Analyse der erzählerischen Performanz im Zusammenspiel mit einer genauen Einbettung in den historischen und gesellschaftlichen Kontext sowohl der Ausgangsländer wie auch der Zielorte böte die Gelegenheit, die zahlreichen noch nicht weiter untersuchten persischen Berichte über Reisen in ferne und auch nahe Länder und Regionen in einen Gesamtzusammenhang zu stellen, der die etablierten Sichtweisen der mit der qajarischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts befassten Geschichtswissenschaftler korrigieren - oder zumindest erweitern - könnte. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Naghmeh Sohrabi mit ihrer modifizierten Qualifikationsschrift auf jeden Fall getan.

Stephan Conermann