Rezension über:

Matthias Becher: Otto der Große. Kaiser und Reich. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2012, 332 S., 20 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-63061-3, EUR 24,95
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Rezension von:
Christine Kleinjung
Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Christine Kleinjung: Rezension von: Matthias Becher: Otto der Große. Kaiser und Reich. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: https://www.sehepunkte.de
/2013/09/21114.html


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Matthias Becher: Otto der Große

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Otto I., der Große, galt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in der Geschichtswissenschaft als Verkörperung deutscher Größe, ihm wurde ein zentraler Beitrag bei der Formierung des "deutschen Volkes" zugesprochen, im Besonderen aufgrund seines Sieges in der Lechfeldschlacht und der vermeintlichen Einigung der "deutschen" Stämme im Angesicht der äußeren Bedrohung. Der gleiche Otto aber gilt auf der anderen Seite seit der wegweisenden anthropologischen und pragmatischen Wende der 1980er Jahre als Repräsentant einer archaischen Gesellschaft. [1] Um die liudolfingisch-ottonische Königsherrschaft kreisen nach wie vor rege Forschungsdebatten und eine moderne Biographie muss zwischen diesen Spannungspolen lavieren. 2001 erschien im Zuge der großen Ottonen-Ausstellungen der Jahrtausendwende eine Otto-Biographie Johannes Laudages [2], in der er sich stark an den Forschungen Gerd Althoffs orientierte. Elf Jahre später nun liegt mit dem Werk von Matthias Becher eine neue Biographie über den ottonischen Herrscher vor.

Keines der beiden Bücher wird durch die Existenz des anderen überflüssig. Jeder Autor geht anders an die Sache heran, wie Matthias Becher in seinem Vorwort selbst konstatiert, "gewinnt dem gleichen Gegenstand neue Facetten ab" (7, mit Verweis auf die zahlreichen Biographien Karls des Großen). Bechers Ansatz ist von dem gewählten Gegenstand und der gewählten Form geprägt: wie kann man eine Biographie eines mittelalterlichen Herrschers schreiben, mit welchen Schwierigkeiten hat man zu kämpfen? Die Reflexionen darüber schlagen sich in der Gestaltung der insgesamt zehn Kapitel nieder: Matthias Becher berücksichtigt in seiner Darstellung die wichtigsten Determinanten mittelalterlicher "Herrscher-Persönlichkeit": 1. die Quellengebundenheit, vor welchem Hintergrund sind mittelalterliche Persönlichkeitsdarstellungen verfasst, 2. Das Eingebunden-Sein in Familie und Verwandtschaft, 3. Vor welchen Rahmenbedingungen findet königliche Herrschaft im 10. Jahrhundert eigentlich statt.

An Überlegungen bezüglich des Erkenntniswerts der Quellen, die über Otto I. berichten, führt bei der Abfassung einer solchen Biographie kein Weg vorbei und so beginnt das Buch mit einem Überblick über die wichtigsten Zeugnisse zu Ottos Leben und Wirken, es folgen ein Kapitel zu Herrschaft und Gesellschaft im 9. und 10. Jahrhundert und ein knappes Kapitel zu Vorgängern und Vorfahren. Becher behandelt jedoch Heinrich I. und die Begründung der liudolfingischen Königsmacht gesondert auf immerhin 41 Seiten (68-109). Erst auf Seite 110 taucht der Protagonist Otto I. auf. Die Darstellung zu Ottos Leben ist chronologisch angelegt. Sie beginnt mit den "schwierigen Anfängen", fährt fort mit "Dominanz und Expansion" (worunter das Verhältnis zu benachbarten Reichen und Völkern gemeint ist), widmet sich dann dem Aufstand Liudolfs, des Sohnes Ottos I. Anschließend behandelt Becher den "Höhepunkt" der Herrschaft und die Konsolidierung des Reiches nach dem Sieg über die Ungarn, beendet seinen Durchlauf mit einem Kapitel zu "Otto und das Kaisertum", in dem es generell auch um die Verhältnisse in Rom und Italien geht. Im Schlusskapitel zieht Matthias Becher eine Bilanz und fragt nach der historischen "Größe" Ottos, danach, wie ein historisches Urteil über Otto ausfallen kann.

Der Band kommt ohne Fußnoten aus, recht knappe Anmerkungen finden sich im Anhang vor der Bibliographie. Der Anhang umfasst weiterhin eine Karte des Reichs unter Otto dem Großen, die sich der Leser selbst erschließen muss, da hier offensichtlich aus Versehen die Legende nicht mit abgedruckt wurde (vgl. etwa die Karte auf 243 mit Legende), sowie eine Stammtafel der Liudolfinger.

In seinem Fazit bleibt Becher an manchen Stellen bei etwas zu allgemeinen Formulierungen stecken, so etwa bei seiner Antwort auf die Frage, ob Geschichte von Personen gemacht wird oder Strukturen entscheidend sind (256). Er betont zwar, dass Akteure in Strukturen agieren, geht dann jedoch sehr schnell zu einem Punkt über, der für ihn im Mittelpunkt steht: die Wahrnehmung Ottos und die Bewertung Ottos durch die Zeitgenossen und die Nachwelt. Ihn interessiert besonders, welche Kriterien dabei angelegt wurden. Diese werden jedoch recht knapp behandelt. Becher geht stärker auf die Bewertung Ottos in der Historischen Wissenschaft ein. Es folgt ein ausführlicher Überblick zu den Fragen der nationalen Geschichtsschreibung nach der Entstehung des deutschen Reiches. Als Ergebnis hält er - zurückgreifend auf die Forschungen seit Tellenbach - fest, dass sich historische Leistungen nur aus der je eigenen Zeit einer handelnden Person beurteilen lassen (265) und dass die Zeitgenossen nicht in nationalen Kategorien dachten.

Matthias Becher hat eine klare und gut strukturierte Darstellung geschrieben. Sie ist nicht mit Details überfrachtet und gut lesbar. Besonders hervorzuheben ist die durchgängige Quellenorientierung. Matthias Becher legt viel Wert auf methodische Fragen und weist auf Probleme hin (z.B. 150 zu Quellen über Missionierung). Positiv hervorzuheben ist, dass die Probleme der ottonischen Geschichtsschreibung nicht nur im Einführungskapitel kurz behandelt, sondern im Laufe der chronologischen Darstellung zu Otto I. immer wieder bei Gelegenheit angesprochen werden. Matthias Becher gibt keine detaillierten Einblicke in Forschungsdiskussionen, sondern präsentiert den momentanen gemeinsamen Nenner und navigiert durch Forschungskontroversen, was besonders für Studierende wichtig ist. Die Bewertung Ottos I. wird ansprechend und differenziert mit Verweisen auf die Forschungsgeschichte diskutiert.

Als Adressatenkreis kann man sich sicher ein allgemeines historisch interessiertes Publikum vorstellen. Der Band ist besonders gut für Studierende geeignet, da viel Wert auf methodische Fragen gelegt wird, aber auch das Fachpublikum wird das Buch mit Gewinn lesen.


Anmerkungen:

[1] Gerd Althoff: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat (= Kohlhammer-Urban-Taschenbücher; 473), 3. Aufl., Stuttgart 2013.

[2] Johannes Laudage: Johannes, Otto der Große (912-973). Eine Biographie 2001.

Christine Kleinjung