Rezension über:

Peter Borscheid / Niels Viggo Haueter (eds.): World Insurance. The Evolution of a Global Risk Network, Oxford: Oxford University Press 2012, XVI + 730 S., ISBN 978-0-19-965796-4, GBP 95,00
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Rezension von:
Nicolai Hannig
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nicolai Hannig: Rezension von: Peter Borscheid / Niels Viggo Haueter (eds.): World Insurance. The Evolution of a Global Risk Network, Oxford: Oxford University Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22271.html


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Peter Borscheid / Niels Viggo Haueter (eds.): World Insurance

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Globalisierung, das haben Historiker bereits überzeugend dargelegt, stand im Kontext von Industrialisierung und Modernisierung ebenso wie etwa von Kolonialismus und Imperialismus. Weniger bekannt sind hingegen Zusammenhänge im Bereich der Sicherheit. Damit sollen in erster Linie ökonomische Aspekte und nicht unbedingt militärische Felder angesprochen sein. So setzte die Expansion der Versicherungsindustrie seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Globalisierungsschub in Gang, der teils parallel zu den anderen weitaus bekannteren Globalisierungstrends verlief, ihnen andernteils aber auch vorausging.

Ihren Ursprung fand diese Form des ökonomischen Sicherheitsdenkens in Europa. Wie sich die Assekuranz von dort, insbesondere von den Britischen Inseln, in der ganzen Welt verbreitete, ist Sache des voluminösen Sammelbandes zur World Insurance, den Peter Borscheid und Niels Viggo Haueter herausgegeben haben. In insgesamt sechs Teilen, die wiederum aus Beiträgen zur Versicherungsgeschichte verschiedener Länder bestehen, wendet sich die von der Swiss Re finanzierte Studie Europa, Nordamerika, dem subsaharischen Afrika, dem Nahen Osten und Nordafrika, Fernost und dem Pazifik sowie schließlich Lateinamerika und der Karibik zu. Jede einzelne Sektion, das gilt es hervorzuheben, wird mit einem souveränen Überblick Borscheids eingeleitet, in dem der Marburger Emeritus die großen Linien der regionalen Entwicklungen zusammenführt. Dieser Aufbau zusammen mit der umfangreichen Gesamtbibliografie und dem ausführlichen Index machen den Band zu einem unschätzbaren Arbeitsbuch, das wohl gar nicht von Anfang bis Ende gelesen, sondern vielmehr über einen langen Zeitraum immer wieder zu Rate gezogen werden möchte.

Im Zentrum aller Beiträge steht die anfangs von Borscheid exemplifizierte These einer "European Invention" der Versicherungsbranche, die im 18. Jahrhundert eng mit der europäischen Handelsexpansion verknüpft war. Neben den maritimen Kontexten, in denen die Verfasser einen wesentlichen Entstehungszusammenhang sehen, dürften auch generelle Verschiebungen in der zeitgenössischen Zeitwahrnehmung, basierend etwa auf probalistischen Rechnungen oder partiellen Säkularisierungstendenzen für diese anfängliche Europazentriertheit verantwortlich gewesen sein. Überzeugend und am neueren Forschungsstand orientiert ist zudem die Annahme, dass auch eine veränderte Naturwahrnehmung die Versicherungsbranche auf den Plan rief. Überschwemmungen, Erdbeben und Stadtbrände waren in der Tat wichtige Bezugspunkte der Assekuranz. Denn auch Naturgefahren sollten nicht mehr nur erlitten und im Nachhinein bewältigt, sondern präventiv bearbeitet, kalkuliert und somit in Risiken transformiert werden. Die dabei vertretene Ansicht, dass für diesen Wandel des Katastrophenmanagements das freilich exzeptionelle Erdbeben von Lissabon 1755 verantwortlich war, zeigt allerdings eher, wie langlebig der Mythos um das Lissabonner Beben ist, als dass sie den Zusammenhang von Naturgefahren und Versicherung historisch erklärt, zumal die einzelnen Beiträge diese Überlegungen nur sporadisch aufgreifen. Wie sehr sich die generelle Haltung gegenüber Gefährdungen unterschiedlicher Art änderte, indem sich eine Branche gründete, die Gefahren gezielt zu identifizieren und in ein profitables Geschäftsmodell zu verwandeln versuchte, wird jedoch eingehend erläutert.

Die stets globale Perspektive des Bandes lässt darüber hinaus die dichte Verflechtung zwischen Internationalisierung der Versicherungsbranche und europäischer Migration deutlich werden. Gleichzeitig deutet sie die vergleichsweise langsame, teils episodenhafte Verbreitung des "Global Risk Network an". So waren es eben nicht unbedingt die besonders adaptionsfähigen Konzepte einer probabilistisch arbeitenden Versicherungswirtschaft, die die Assekuranz beispielsweise in Afrika Fuß fassen ließ. Vielmehr waren es ausländische Versicherungsnehmer, die zunächst dafür sorgten, dass im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Ländern wie Somalia oder Äthiopien exklusive Sub-Märkte für Auswanderer entstanden. Koloniale Vorbehalte verzögerten noch zusätzlich die lokale Einbindung der Versicherungsbranche. Dem "Post Magazine and Insurance Monitor" galt die indigene Bevölkerung jedenfalls als so "devoid of moral sense in the matter of truth", dass "it therefore urged insurance companies to be chary of seeking native lives [...] and limit their operations to men prominent and easily traced" (447), wie G. Balachandran in seinem Beitrag über Indien herausarbeitet. Ganz ähnlich verliefen Etablierungsprozesse in Algerien, Marokko und Tunesien, wo, wie Samir Saul hervorhebt, die Versicherungsbranche als "one of the by-products of colonial dependency, concomitant with the extension of European economic interests, and the establishment of French rule in the region" entstand (373).

Als wichtigen Wendepunkt in der ohnehin schon gebremsten und partiellen "Evolution of a Global Network" begreifen insbesondere die Autoren der Beiträge zu den europäischen Beispielländern den Ersten Weltkrieg. Im Verlauf der Zwischenkriegszeit begrenzten die großen Unternehmen ihre internationalen Aktivitäten, "to become largely closed national markets in the three decades following the outbreak of the First World War" (46). Bereits unmittelbar nach Ausbruch des Krieges hatten vor allem die Regierungen in London und Paris den Grundstein dieser Entwicklung gelegt, indem sie die heimischen Märkte anhielten, allen Versicherungsnehmern in den Feindländern ihre Policen zu annullieren. In Deutschland reagierten Politik und Versicherungswirtschaft daraufhin mit ähnlichen Nationalisierungen. Da sich derartige "self-isolations" (16) teils bis in die Zeit des Kalten Kriegs fortsetzten, dauerte es noch bis in die 1970er Jahre, bis sich Anzeichen einer "second globalization" bemerkbar machten. Getragen wurde diese zweite Internationalisierungsphase nun nicht mehr durch koloniale Kontroll- und Exklusionsansinnen westlicher Märkte, sondern durch Deregulierung und staatliche Liberalisierungen wie etwa in Lateinamerika: "The old animosity towards foreign direct investment - which had reached its apogee in the 1970s - was dropped, and from the beginning of the 1990s the subcontinent was flooded by hitherto unseen levels of foreign capital" (574), wie es Borscheid in seiner Zusammenfassung zur Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik pointiert darlegt.

Hervorzuheben bleibt abschließend die für Sammelwerke doch eher untypische Stringenz aller abgedruckten Beiträge. Bis auf wenige Ausnahmen greifen die einzelnen Autorinnen und Autoren sowohl in ihren Periodisierungen als auch in ihren Erklärungsmodellen immer wieder auf die großen Leitlinien der Herausgeber zurück. Der Band präsentiert somit eine homogene Thesenbildung und auch Grundlagenforschung zur Versicherungsgeschichte in globaler Perspektive zugleich. Formen exkludierender Internationalisierungen werden dabei genauso detailliert profiliert wie überfallartige Fast-Track-Globalizations.

Nicolai Hannig