Rezension über:

Saskia Handro / Bernd Schönemann (Hgg.): Raum und Sinn. Die räumliche Dimension der Geschichtskultur (= Geschichtskultur und historisches Lernen; Bd. 12), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2014, 212 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-643-12483-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Michele Barricelli
Historisches Seminar, Leibniz Universität, Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Michele Barricelli: Rezension von: Saskia Handro / Bernd Schönemann (Hgg.): Raum und Sinn. Die räumliche Dimension der Geschichtskultur, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 3 [15.03.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/03/25229.html


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Saskia Handro / Bernd Schönemann (Hgg.): Raum und Sinn

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Schon das erste Wort der Einleitung bläst zur Attacke. Geborgt wurde es von Jürgen Osterhammel: "Raumabstinenz". Gegen diese angebliche Ignoranz gegenüber Verdrängung oder gar Tabuisierung des Raumes (Richard Evans spricht von einer "strange aversion") in der deutschen Geschichtsschreibung und -didaktik möchten Herausgeber und Autoren des besprochenen Bandes anschreiben. Dafür werden neun Einzelstudien konzeptueller, erinnerungskultureller, politischer, praktischer (genauer: städtetouristischer) Art im Kontext des nach langer Enthaltung nun doch forcierten "spatial turn" vorgestellt. Was sie eingangs an Hans Georg Kirchhoff bemängeln, der auf dem Trierer Historikertag von 1986 passend zum eigentlich einschlägigen Rahmenthema "Räume der Geschichte - Geschichte des Raumes" immerhin eine fachdidaktische Sektion mit dem Titel "Raum als geschichtsdidaktische Kategorie" ausrichtete, nämlich dass damals die "theoretische Einbindung" (1) kaum gelungen sei, liefern die Herausgeber selbst indes nicht. Sie belassen es in ihrer Einleitung bei einigen wenigen Literaturhinweisen und behaupten frohgemut, die "geschichtsdidaktische Geschichtskulturforschung" verfüge über "ein theoretisches Fundament, das die Integration von Raumfragen in ihr Untersuchungsprogramm erlaubt" (2). Was also zu beweisen wäre.

Den Auftakt macht Christoph Hamann, der in der Disziplin seit langem mit profunden, erinnerungskulturell informierten Analysen historischer Bilder (meist Fotografien) hervortritt. Hier widmet er sich der "Semantisierung des Raumes am Brandenburger Tor" und betrachtet dazu eine Abfolge bekannter jüngerer Aufnahmen des Bauwerks, die sich zeitlich über Mauerbau und Mauerfall hinweg bis zu popkulturellen Anverwandlungen der Gegenwart erstrecken. Diskutiert werden, gewohnt stichhaltig, realgeschichtliche Abläufe, medienpolitische Strategien, bildästhetische Aspekte. Doch mit Ausnahme des Titels des Beitrags, wo die topografischen Koordinaten als Chiffren die Existenz des Baus verbürgen, sind engere Raumbezüge eher unterrepräsentiert. Viel stärker treten narrative Kategorien in Erscheinung, als Abbreviaturen, Symbolpolitiken (Stichwort Stacheldraht), Performanzen. Besondere Bezugsdisziplin der untersuchten Semantisierungen ist darüber hinaus die Physik, denn immer wieder spricht Hamann, um die oft dramatischen Geschehnisse am Brandenburger Tor zu charakterisieren, von Kraft, Magnetismus, Druck(ausgleich), Ventil, Implosion.

Durchaus größere räumliche Ausdehnung besitzt der Gegenstand von Maren Ullrich, welche in dem an ihre bereits vor einigen Jahren veröffentlichte Dissertation anschließenden Beitrag die deutsch-deutsche Grenze zwischen 1949 und 1990 als "Erinnerungslandschaft" modelliert. Doch auch ihr Ansatz ist zunächst nicht auf das dynamisierende Wirken von Dimensionalität, sondern auf Metaphern des Festen und Unverrückbaren bezogen ("materielle Zeichen", "vergegenständlichte Erinnerung"). Ullrich ist zweifellos eine Kennerin der ehemaligen deutsch-deutschen Grenztopografien, dazu der kleineren und größeren Denkmäler mitsamt ihrer Ikonografien am Wegesrand, endlich der zugehörigen Erinnerungsgebote und Schweigevorschriften. Diese Erinnerungskultur bereits historisierend, vermutet die Autorin gegen Ende richtig, dass durch das seit 1990 eingetretene Verblassen des bis dato leuchtenden Menetekels - demzufolge "die Menschen in der DDR ausschließlich unter der Teilung gelitten haben, während die Menschen in Westdeutschland ausschließlich für die Einheit gekämpft [...] haben" (40) - jene Art versteinerter Sinngebung nun entbehrlich wird.

Kerstin van den Boom berichtet über städtetouristische "Vermittlungsstrategien" von StattReisen Münster e.V. und erklärt mehrfach, aber kaum besonders aufregend, dass "Geschichte gerade in der Alltagswelt in Form von Spuren an ihrem ursprünglichen Ort immer noch präsent ist" (43). Einmal abgesehen von dieser unbestimmten Feststellung (warum "gerade in der Alltagswelt" - gibt es "Geschichte" anderswo nicht so sehr, nicht nur in "Spuren" oder an einem anderen als dem "ursprünglichen Ort"?), wird damit immerhin ein Hinweis auf räumliche Prägnanz gegeben. Etwas später heißt es jedoch: "Stadtrundgänge sind in hohem Maße narrativ." (47) Womit gerade wie bei Hamann der Schwerpunkt auf Text und Wort gelegt wird. Für das bezeugte Ziel der Rundgänge, einer "Mystifizierung bestimmter Standorte", welche angeblich "in der Presse" betrieben werde (58), entgegenzuwirken sowie eine "gesteigerte Urteilskraft in Bezug auf die Rekonstruktion von Geschichte und die kritische Verwendung historischer Quellen" herbeizuführen (59), scheint also ein kritisches Raumerleben und Raumempfinden eher nachrangig zu sein.

Im Anschluss breitet Bernd Mütter seine aus vielfältigen Veröffentlichungen bekannten, nichtsdestoweniger beachtenswerten Überlegungen zu "HisTourismus und historischem Lernen" aus. Zweifellos sind seine "Kategorien und Ziele historischen Lernens auf Reisen" (65) deutlicher auf die Verräumlichung von Zeiterfahrung (und damit Sinnbildung) bezogen als die bisher vorgestellten Ansätze. Der Beitrag leidet aber an einer gewissen Wiederholung, mangelnden Aktualisierung und auch dem trivialen Zeigefinger ("denn auch am historischen Ort ist die Zeit nicht stehen geblieben", 69). Im Zuge der Argumentsicherung überwiegen erneut Metaphern aus der Optik: "Fata Morgana", Fokussierung, Illusion, Schein.

Die drei nachfolgenden Beiträge zum Kontext der "Musealisierung" (des Raums?) - über das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen (Nikolaus Gussone), ein aktuell diskutiertes Haus der Geschichte für Nordrhein-Westfalen (Wilhelm Ribhegge) und Migrationsmuseen in Hamburg und Bremerhaven (Martin Schlutow) - bestechen einerseits durch historische Detailkenntnis, eine kritische Binnenperspektive und gesellschaftspolitische Relevanz. Der Aufsatz von Gussone ist jedoch mit 54 Seiten schlicht zu lang geraten, um im Umfeld teils elegischer Identitäts-, teils aktionistischer Programmpolitik seinen Punkt klar zu machen. Ribhegge dagegen stellt nur einleitend und dann im Fazit tatsächlich Überlegungen zur Musealisierung einer regionalen "Erinnerungsgeschichte" bzw. dem "historischen Potential" von Nordrhein-Westfalen an. Stattdessen liefert er eine konzise, flüssige Erzählung zur Geschichte des Bundeslandes "vor 1946", will heißen seit der Bildung der beiden preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen im Jahr 1815. Schlutow schließlich rekurriert in seinem Doppelporträt (Auswandererhaus Bremerhaven, BallinStadt Hamburg) auf die ziemlich martialische Konzeptualisierung bei Meik Zülsdorf-Kersting vom "Raum als Fläche" und "Raum als Aufmerksamkeit" sowie dem "Ringen um Raum" zwischen beiden (161). Er konstatiert an beiden Standorten ziemlich ähnliche Narrative "einer harmonisierenden Erzählung von der individuellen Suche nach Glück" (171), was wohl doch im Widerspruch zum zuvor als agonal charakterisierten Bedingungsfeld steht. Über die tatsächlichen Ausstellungsgestaltungen erfährt man jeweils wenig und der Raumaspekt verliert sich am Ende über Schilderungen von Kommunalpolitik. Und nur nebenbei gefragt: Haben all die gesehenen Binnengroßschreibungen auch eine Raumwirkung?

Die beiden letzten Beiträge widmen sich dem topografischen Zentralmedium der Karte. Cornelia Knappe stellt einige reizvolle, im Übrigen lesefreundlich reproduzierte Stücke des seit 1975 publizierten Westfälischen Städteatlas vor; man lernt dabei viel Spezielles über Urkataster, Umland- oder Wachstumsphasenkarten. Aufhorchen lässt Knappes Bemerkung, die regelmäßigen Lieferungen des Atlas unterlagen bis heute "Veränderungen, die weniger seine Konzeption betreffen als seine [durch die technische Innovation beeinflusste] Ausstattung". (185) Das wäre eine erstaunliche Ausnahme der Konservierung auf dem ansonsten einem rasanten Wandel ausgesetzten Feld der Geschichtskultur. In vieler Hinsicht liefert dann aber erst Vadim Oswalt, was man zuvor oft schmerzlich vermisste, nämlich eine Theorie des Räumlichen in der Geschichte - die weit über sein Untersuchungsobjekt, das sind die "Atlanten der Weltgeschichte", hinausweist und zugleich Ansätze einer Didaktisierung enthält. Oswalt, ohnehin einer der führenden Raumtheoretiker im Fach, hängt seine Argumentation an der Perlenschnur der geschichtswissenschaftlichen Neuorientierungen der letzten Jahrzehnte, eben den "turns" auf und urteilt spitz, dass jeder weitere "turn" immer nur eine neue Scheinobjektivität hervorgebracht habe. Er fasst, theoretisch sicher und mit einer profunden Kenntnis des internationalen Geschäfts, Geschichtskarten als "vielschichtiges Zeichensystem" (205) und vermerkt zutreffend, dass Karten nichts erklären, nichts begründen und stets nur im Indikativ des So-ist-es sprechen. (Damit allerdings erfüllen sie die Definition des Mythos, sodass Geschichtsatlanten als mythische Werke anzusehen sind.)

Zweifellos hat man es hier mit einem in vielen Teilen lesenswerten Band zu tun. Ob die Publikation der von den Herausgebern zu Beginn ins Feld geführten diachronen Raum-Analyse von Reinhart Koselleck etwas Wesentliches hinzufügen kann, misst sich vermutlich am Anspruch des Betrachters. Zum im Reihentitel immerhin prominent genannten "Historischen Lernen" findet man freilich in vielen Beiträgen wenig bis nichts. Deutlich wird jedoch, dass die Konstitution historischer Räume - wobei die konkrete Topografie der in den Texten diskutierten Geschichtslandschaften, Erinnerungsorte, Bildersäle zweitrangig ist - jedenfalls narrativ erfolgt. "Sinn" ist mithin nichts Rauminhärentes, sondern wird durch Erzählen erzeugt. Insofern müsste man urteilen, dass der "spatial turn" keineswegs eine Alternative oder Weiterentwicklung des "narrativist turn" sei, sondern eine seiner vielen Ableitungen oder Unterteilungen. Damit, wenn auch eher implizit, Ordnung hergestellt zu haben, ist kein geringes Verdienst des Werks.

Michele Barricelli