Rezension über:

Alfons Adam: "Die Arbeiterfrage soll mit Hilfe von KZ-Häftlingen gelöst werden". Zwangsarbeit in KZ-Außenlagern auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, Berlin: Metropol 2013, 432 S., ISBN 978-3-86331-083-7, EUR 29,90
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Rezension von:
Dieter Bacher
Cluster Geschichte, Ludwig Boltzmann Gesellschaft, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Dieter Bacher: Rezension von: Alfons Adam: "Die Arbeiterfrage soll mit Hilfe von KZ-Häftlingen gelöst werden". Zwangsarbeit in KZ-Außenlagern auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, Berlin: Metropol 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/27158.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Alfons Adam: "Die Arbeiterfrage soll mit Hilfe von KZ-Häftlingen gelöst werden"

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Zwischen 1939 und 1945 wurden auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, einschließlich der besetzten Gebiete, rund 13,5 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit eingesetzt. Den größten Teil dieser Gruppe machten die rund 8,4 Millionen zivilen Zwangsarbeiter aus. Daneben wurden rund 4,6 Millionen Kriegsgefangene und 1,7 Millionen KZ-Häftlinge zum Arbeitseinsatz herangezogen. Ihr Einsatz, der durch die immer größeren Verluste an "inländischen" Arbeitskräften bald unumgänglich wurde, erfolgte in nahezu jedem Zweig der Kriegswirtschaft.

Die vorliegende Publikation von Alfons Adam, der am Institut Theresienstädter Initiative in Prag tätig ist, widmet sich der Gruppe der KZ-Häftlinge und greift den Einsatz von Häftlingen zur Zwangsarbeit in KZ-Außenlagern im heutigen Tschechien als Thema heraus. Zu diesen gab es bisher kaum Detailstudien, sie werden vor allem in Überblickswerken zum KZ-Lagersystem und dem Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen erwähnt. [1] Dieser Umstand, so hält der Autor in der Einleitung seines Buches fest, sei auch einer der Hauptgründe für die Abfassung der vorliegenden Studie gewesen.

In den einleitenden Kapiteln stützt sich der Autor auf die zum Thema "Zwangsarbeit" bereits sehr umfangreich vorliegende Fachliteratur. Er bezieht sich sowohl auf Standardwerke - lediglich die seit 1985 in mehreren Auflagen erschienene, grundlegende Studie Fremdarbeiter von Ulrich Herbert findet sich nicht; er zitiert aber andere, aktuellere Arbeiten Herberts - als auch, und das ist zweifellos ein großer Gewinn, umfassend auf tschechischsprachige Fachliteratur, die ansonsten in deutschen Studien kaum berücksichtigt wird.

Die zweite Basis bieten die umfangreichen Quellenrecherchen des Autors in vor allem deutschen und tschechischen Archiven. Auch wenn zahlreiche Aktenbestände zu den Lagern nicht mehr existieren, schätzt Adam die Quellenlage noch als verhältnismäßig gut ein (24f.). Um die Lücken zu schließen, zieht er als zweiten Zugang die Akten zu Firmen heran, die KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte einsetzten. Aus diesen ließen sich ebenfalls Erkenntnisse über die Lager selbst gewinnen.

Generell legt Adam großen Wert auf die Einbettung des Arbeitseinsatzes von KZ-Häftlingen in den wirtschaftlichen Kontext des "Sudetengaues" und des "Protektorates Böhmen und Mähren". Er spricht dabei zahlreiche Nebenaspekte an: "Arisierungen" jüdischer Betriebe im heutigen Tschechien, den Abzug von Arbeitskräften ins "Altreich" aufgrund höherer Löhne oder die Verlegung kriegswichtiger Produktionen ins Protektorat aufgrund steigender Luftangriffe im "Altreich".

Die Kontextualisierung des Arbeitseinsatzes der KZ-Häftlinge scheint dem Autor generell ein wichtiges Anliegen gewesen zu sein, wendet er doch rund ein Viertel des Gesamtumfanges dafür auf. So bemüht er sich auch, einen kurzen Blick auf die anderen beiden Hauptgruppen von "Zwangsarbeitskräften" - zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene - zu werfen und auch deren Situation im heutigen Tschechien kurz zu skizzieren. Dieses Bestreben erscheint bezüglich des Themas der Arbeit sinnvoll, kann in Anbetracht des Umfangs dieses Forschungsbereichs aber nur stark reduziert und damit lückenhaft erfolgen.

Nach der Kontextualisierung des Themas setzt Adam in seiner Arbeit zwei Schwerpunkte: die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der KZ-Häftlinge in den Außenlagern und Betrieben sowie die Struktur und Entwicklung jedes einzelnen Lagers und Kommandos.

Bei der Analyse der Lebens- und Arbeitsverhältnisse wählt der Autor eine nahezu "klassische" Struktur: Nach kurzer Betrachtung der Lagerorganisation geht er auf Kernaspekte wie Unterkunft, Versorgung mit Nahrungsmitteln und Kleidung sowie medizinische Versorgung ein. Aus dem "klassischen" Schema dieses Kapitels sticht seine Detailanalyse der Rolle von weiblichem Aufsichtspersonal in den Lagern hervor. Adam begründet die Behandlung dieses Aspekts damit, dass in der Nachkriegsjustiz der Tschechoslowakei viele Prozesse gegen weibliches Aufsichtspersonal der Lager geführt wurden und deshalb in den Gebietsarchiven entsprechend viel Quellenmaterial vorhanden sei (130). Seine Darstellung stützt sich zusätzlich auf tschechischsprachige Literatur und einige Auszüge aus Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen Häftlingen und gibt einen guten Einblick in diesen Teilaspekt, der für das Buch nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, es aber sinnvoll ergänzt.

Das zweite Schwerpunkt-Kapitel ist der eigentliche Hauptteil des Buches. Der Autor teilt die von ihm gefundenen und analysierten KZ-Außenlager und -kommandos in vier Unterkategorien ein und liefert dann zu jedem größeren Lager eine Einzelbetrachtung, bei den kleineren Lagern und Kommandos fasst er teilweise auch mehrere zusammen. Auch die einzelnen Beiträge sind übersichtlich und klar strukturiert - nach Erläuterung der Entwicklung des Lagers beziehungsweise des Kommandos geht er auf Anzahl und Herkunft der dort Inhaftierten, auf die Betriebe, die aus diesen Lagern ihre Arbeitskräfte erhielten, und auf die Lebenssituation im Lager selbst ein. Diese Gliederung macht diesen Teil übersichtlich und gut benutzbar. Adam stützt sich hier vor allem auf die von ihm ausgewerteten Aktenbestände - es fehlt ein wenig der "individuelle" Zugang zu den einzelnen Lagern, zum Beispiel über Interviews mit ehemaligen Gefangenen, die der Autor in den anderen Kapiteln seines Buches durchaus zahlreich einfließen lässt. Auch wenn dem Autor vermutlich nicht zu jedem einzelnen Lager Interviews vorlagen, wäre es hier eventuell ein Gewinn gewesen, die vorhandenen Interviews in größerem Maße auch hier einfließen zu lassen, um, wenn möglich, der "administrativen" Sichtweise stärker die Perspektive der Häftlinge gegenüberzustellen.

Zudem hätte die generell sehr detaillierte und vor allem im Einleitungsteil sehr breit angelegte Darstellung des Themas zusätzlich davon profitiert, dem Schicksal der Häftlinge nach Kriegsende 1945 etwas mehr Raum in der Darstellung einzuräumen. Nur in der das Buch zusammenfassenden Schlussbetrachtung kommt dieser Aspekt sehr kurz zur Sprache. Eine ausführlichere Behandlung wäre möglicherweise eine gute Ergänzung gewesen.

Positiv hervorzuheben ist, dass der Anhang neben einem Orts- und Personenregister auch ein Firmenregister enthält. Dieses ist in Bezug auf die stark wirtschaftslastige Ausrichtung der Publikation außerordentlich hilfreich, denn damit sind gezielte Recherchen zu einzelnen Betrieben, von denen die meisten an mehreren Stellen des Buches genannt sind, möglich. Ebenfalls sehr hilfreich ist die tabellarische Auflistung der analysierten Lager, die praktisch das "Lagerkapitel" nochmals zusammenfasst. Hier finden sich neben der Lagerbezeichnung die zuständige Firma beziehungsweise Dienststelle, der Existenzzeitraum, die Höchstbelegung und die Zahl der Todesfälle.

Es ist dem Verfasser durchaus hoch anzurechnen, sich dieses Themas angenommen zu haben. Die Aufarbeitung der KZ-Außenlager in der heutigen Tschechischen Republik ist zweifellos kein leichtes Unterfangen, Adam hat diese Aufgabe aber gut und lobenswert gemeistert. Entstanden ist ein Buch, das dem Leser sowohl einen Gesamtüberblick über die Lager als auch einen detaillierten Einblick in jedes einzelne Lager gibt, beides gut verständlich eingebettet in den größeren historischen Kontext. Eine Publikation also, die eine von zahlreichen noch immer bestehenden Lücken in diesem Forschungsgebiet gut zu schließen vermag.


Anmerkung:

[1] Vgl. dazu u.a. die Bände 4-6 der von Wolfgang Benz und Barbara Distl herausgegebenen Reihe Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2006-2007; als älteres Nachschlagewerk vgl. auch Martin Weinmann (Hg.): Das nationalsozialistische Lagersystem, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 2001. Ein paar wenige im heutigen Tschechien gelegene Lager erwähnt auch Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz - Todesmärsche - Folgen, Wien / Berlin 2010.

Dieter Bacher