Rezension über:

Gottfried Oy / Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie, 2. korrigierte Auflage, Münster: Westfälisches Dampfboot 2014, 253 S., ISBN 978-3-89691-933-5, EUR 24,90
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Rezension von:
Jürgen Zarusky
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zarusky: Rezension von: Gottfried Oy / Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie, 2. korrigierte Auflage, Münster: Westfälisches Dampfboot 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/25462.html


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Gottfried Oy / Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion

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Reinhard Streckers Name taucht in vielen Darstellungen über die frühe Bundesrepublik auf, oder besser gesagt: Er flackert auf, um dann gleich wieder zu verschwinden. Mit der Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", die erstmals im November 1959 in Karlsruhe gezeigt wurde [1], hat Strecker zusammen mit einer Unterstützergruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) bundesrepublikanische Geschichte geschrieben. Die mit bescheidensten, aber für damalige Verhältnisse doch recht teuren Mitteln erstellte Ausstellung - das Titelbild des Buches zeigt Betrachter beim Studium der Mappen mit kopierten Dokumenten - machte national und international Furore. Sie dokumentierte Unrechts-Urteile, die von nach wie vor in der bundesdeutschen Justiz tätigen Juristen während der NS-Diktatur gefällt worden waren, z.B. Todesurteile wegen Kleindelikten oder Nichtigkeiten aufgrund der "Volksschädlings-" oder der "Polen-Strafrechtsverordnung". Auch wenn Politik und Öffentlichkeit teilweise versuchten, Strecker und seine Unterstützer als Helfershelfer des DDR-Regimes abzustempeln, das kurz zuvor seine Schwarzbuchkampagnen gestartet hatte, war eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Dokumentation nicht zu vermeiden - dies umso mehr, als Strecker und Wolfgang Koppel, der ihn mit dem SDS in Verbindung gebracht hatte, die Tournee der Ausstellung durch deutsche Universitätsstädte mit einer ganzen Reihe von Strafanzeigen wegen Rechtsbeugung verbanden, die sich gegen in Amt und Würden befindliche Juristen richteten. Auch wenn diese wenig bis gar keinen Erfolg hatten und die meisten Ermittlungsverfahren unter zweifelhaften Umständen [2] mit der Einstellung endeten, hatten die Studenten doch Rechtfertigungszwänge erzeugt und ein für die politische Kultur der Bundesrepublik essenzielles Thema etabliert. Die Bundesregierung baute schließlich in das neue Richtergesetz von 1961 eine Art Vorruhestandsregelung ein, mit der das Problem geräuschlos beseitigt werden sollte. Allerdings waren bei Weitem nicht alle ehemaligen NS-Richter gewillt, davon Gebrauch zu machen.

Wer der Initiator der Ausstellung war, was ihn antrieb und auch, welche Anstrengungen und Opfer diese Art von Aufklärungsaktivismus ihm abverlangte, blieb bis dato weitestgehend unbeleuchtet. Aufschluss erhält der Leser nun im ersten Teil des zu besprechenden Bandes, der auf 75 Seiten ein Gespräch der beiden Verfasser mit Reinhard Strecker dokumentiert, das im September 2011 geführt wurde. Den zweiten Teil bildet eine Studie von Gottfried Oy über die Auseinandersetzung der Neuen Linken mit dem Nationalsozialismus, den dritten ein polemischer Essay von Christoph Schneider über den heutigen Umgang mit diesem "Erbe". Das Gesamtergebnis ist ein interessantes, aber leider nicht wirklich durchgearbeitetes Buch. Wenn man nach einer zentralen Aussage sucht, dann ist es am ehesten die, dass entgegen einer verbreiteten Ansicht nicht die 1968er, sondern ihre Vorläufer in der Neuen Linken, gewissermaßen die 1958er, zu Eisbrechern der "Vergangenheitsbewältigung" in der Bundesrepublik wurden.

Bei Reinhard Strecker war es aber nicht zuletzt das Erlebnis eigener Verfolgung, das ihn zu seinen Aktionen führte. Der Sohn eines in der Bekennenden Kirche engagierten Juristen mit jüdischem Familienhintergrund belässt es im Gespräch aber bei Andeutungen über diese Umstände. Es geht um eine Art Transport von Kindern und Jugendlichen, den viele nicht überlebten. Strecker hält sich mit Auskünften über diese traumatische Erfahrung sehr zurück - was zu respektieren ist. Nach dem Krieg ging er als Jugendlicher zunächst nach Italien, dann nach Frankreich, wo er sich mit spanischen, sozialanarchistischen Franco-Flüchtlingen anfreundete, deren politische Ansichten ihm sympathisch erschienen. Kommunist - was ihm von interessierten Kreisen immer wieder nachgesagt wurde - war Strecker nie. Seit mehreren Jahrzehnten ist er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands - aus der er 1960 als SDS-Mitglied wegen der Ausstellung ausgeschlossen worden war, ohne ihr bis dahin überhaupt beigetreten zu sein.

1954 kam er zurück nach Deutschland, holte das Abitur nach und arbeitete als Hilfskraft bei dem Judaisten Jacob Taubes. Wirklich zuhause fühlte er sich in Deutschland nicht. Den Anstoß zu seiner Dokumentationsarbeit gab der Wunsch, seinen Eltern, die ihn im Lande halten wollten, zu zeigen, dass sich hier im Kern nichts verändert habe. Er begann, akribisch biographische Daten von NS-Tätern und deren Nachkriegskarrieren zu recherchieren. Als er mit diesem Anliegen an die Öffentlichkeit trat, ergab sich der Kontakt zum SDS, und bald schon erhielt er auch Zugang zu polnischen Archiven. Er überwand, ähnlich wie der von ihm geschätzte Thomas Harlan, der Aufklärungs-Aktivist und Sohn des Filmregisseurs Veit Harlan ("Jud Süß"), die vom Kalten Krieg den deutschen Ermittlungsbehörden damals noch gesteckten Grenzen. Auch in Großbritannien und Frankreich stießen Streckers Aktivitäten auf Interesse, zugleich wuchs in der Bundesrepublik der Druck auf ihn so stark an, dass er seine beiden Kinder aus Angst um ihre Sicherheit zeitweilig ins Ausland verbrachte.

1961 stellte Strecker eine Dokumentation über Hans Globke zusammen, die nicht nur dessen Rolle bei der Kommentierung der Nürnberger Gesetze beleuchtete, sondern auch belegte, dass er schon zu Zeiten der Regierung Papen an einem Entwurf für ein antisemitisches Namensrecht gearbeitet hatte. Die Widerstände waren nun noch größer. Bundesbehörden behinderten das Erscheinen des Buches. Wegen der zeitgleich laufenden DDR-Kampagne gegen Globke galt Strecker vielfach als Agent oder nützlicher Idiot des Ostens. Das, so betont er, sei ein großes Missverständnis gewesen: "In den insgesamt 35 Jahren zwischen meiner Rückkehr nach Deutschland 1954 und dem Fall der Mauer 1989 durfte ich dreimal je einen Tag in die DDR. [...] Links sein und die DDR nicht für die einzige Alternative halten, das konnten sie dort nicht haben." (66 f.) Leider wurde er, auch das kommt zu Sprache, vom damaligen Archivchef des Instituts für Zeitgeschichte ebenfalls nicht gerade gut behandelt. (68 f.)

So informativ das Interview mit Reinhard Strecker vielfach auch ist, dem Leser wird die Sache nicht gerade leicht gemacht, weil der Gesprächsfaden ziemlich verschlungen ist und die immerhin 90 Fußnoten doch nicht den gesamten Erklärungsbedarf abdecken. Besonders störend ist, dass Gegenstände mehrfach nur angerissen und später an ganz anderer Stelle wieder aufgegriffen werden. Ein wenig mehr Redaktion hätte hier nicht geschadet. Dennoch: Wer etwas über die markante Persönlichkeit Reinhard Streckers erfahren will, muss zu diesem Buch greifen.

Auch wer eine Gegenerzählung zu dem 68er-Klischee von den Erstaufklärern der NS-Vergangenheit sucht, findet hier mit Gottfried Oys Studie ein entsprechendes Angebot. Ein zentrales Thema der Neuen Linken an der Schwelle von den 1950er zu den 1960er Jahren war die Überwindung des Antisemitismus, auch vor dem Hintergrund der Welle antisemitischer Schmierereien an Synagogen und anderen Stellen im öffentlichen Raum 1959/60. Der SDS, die neu gegründete Zeitschrift "Das Argument" und die Deutsch-Israelische Studiengruppe, zu deren Gründungsmitgliedern Reinhard Strecker zählte, organisierten am 13./14. Februar 1960 an der FU Berlin den Kongress "Die Überwindung des Antisemitismus" - ein Titel, der heute schon nahezu optimistisch klingt. Über 160 Personen nahmen teil, unter ihnen nicht wenige Prominente. Die Philosophin Margherita von Brentano griff die Problematik zusammen mit ihrem Assistenten Peter Furth in dem Seminar "Antisemitismus und Gesellschaft" auf, das, so Oy, "eindeutig aus der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Thema hervorsticht". In deutlichem Kontrast zu damals vorherrschenden Interpretationen sahen Brentano / Furth im Holocaust den Kern des Nationalsozialismus und interessierten sich für die Komplizenschaft der "Volksgemeinschaft". Brentano stützte sich in ihrer Auseinandersetzung mit den bürokratischen Prozessen der Judenverfolgung auf Raul Hilbergs 1961 erschienenes großes Werk, das auch im "Argument"-Kreis rezipiert wurde (127). 1982 brachte der linke Berliner Verlag Olle & Wolter - lange vor den schwarzen Fischer-Bänden von 1990 - die deutsche Ausgabe heraus. Vielleicht, Oy thematisiert das nicht, war das eine Spätfolge der aktiven Auseinandersetzung der Berliner Neuen Linken mit Nationalsozialismus und Antisemitismus, die er eigentlich mit der antizionistischen Umorientierung 1969/70 bereits ans Ende gekommen sieht. Hier zeichnen sich zwei gegensätzliche Traditionslinien ab, die bis in die Gegenwart hineinreichen, etwa im Konflikt zwischen pro-israelischen "Antideutschen" und antizionistischen "Antiimperialisten". Doch sind wohl auch diese Linien verschlungener als es zunächst scheinen mag: Peter Furths weiterer Weg führte ihn 1998 zusammen mit den einstigen SDS-Aktivisten Bernd Rabehl und Horst Mahler 1998 zur weit rechts angesiedelten Burschenschaft Danubia in München, wo er in seinem Vortrag "Verweigerte Bürgerlichkeit" in milieuangemessenem Jargon die "Holocaustschuld" zur "Grundlage einer letzten, der verstiegensten Citoyenromantik" erklärte.

Von einer ganz anderen Position aus kritisiert Christoph Schneider in seinem den Band abschließenden Beitrag Entwicklung und aktuelle Tendenzen der Vergangenheitsbewältigung. Nicht selten polemisch reibt er sich an den wohlfeil-gefälligen Formeln, in die sie heute oft gegossen und dabei ihres gesellschaftskritischen Gehalts beraubt wird. Gegen all das hilft wohl nur die Schärfe der Konkretion - von der allerdings auch der vorliegende Band noch eine Spur mehr hätte vertragen können.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Ungesühnte Nazijustiz. Hundert Urteile klagen ihre Richter an, hg. von W. Koppel i.A. des Organisationskomitees der Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", Karlsruhe 1960; Stephan Alexander Glienke: Die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" (1959-1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, Baden-Baden 2008.

[2] Vgl. Glienke, Ausstellung, 235.

Jürgen Zarusky