Rezension über:

Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2014, 338 S., 15 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-22353-3, EUR 24,90
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Rezension von:
Anna-Raphaela Schmitz
Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Anna-Raphaela Schmitz: Rezension von: Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/26865.html


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Volker Koop: Rudolf Höß

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Mit seiner Biographie über Rudolf Höß (1901-1947) möchte der Journalist und Publizist Volker Koop neue Akzente gegenüber bereits erschienenen Studien setzen und damit das Bild des ehemaligen Lagerkommandanten von Auschwitz korrigieren, beziehungsweise ergänzen. Koop hat bereits einige populärwissenschaftliche Monographien zu verschieden Themen der nationalsozialistischen Diktatur verfasst, etwa zu Martin Bormann, dem Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP [1], oder zur SS-Organisation "Ahnenerbe" [2]. Mit seiner Studie zu Höß rückt der Verfasser nun den SS-Obersturmbannführer, langjährigen Kommandanten (1940-1943) und Schutzhaftlagerführer (1944) des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in den Mittelpunkt. Höß wird als einer "der größten Massenmörder des Dritten Reiches" (7) bezeichnet, der verantwortlich für den Auf- und Ausbau der "größten Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten" (7) war. Der Führungsriege der nationalsozialistischen Eliten sicherlich nicht zugehörig, galt der Kommandant als äußerst effektiver Mitarbeiter und williger Befehlsempfänger des Regimes.

Basierend auf einem breiten Quellenbestand, unter anderem aus dem Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, dem Archiv des Instituts für Zeitgeschichte oder dem Archiv des International Tracing Service in Bad Arolsen, betrachtet der Verfasser das Leben des Kommandanten, der sich auch nach Kriegsende keiner Schuld bewusst war. Höß agierte nicht aus einer sadistischen Veranlagung heraus, sondern als rationaler Verwalter des Genozids, der durch die nationalsozialistische Weltanschauung geprägt war. Der Verfasser verzichtet weitestgehend auf psychologische Mutmaßungen - eine Stärke der Monographie.

Wie in der Einleitung angekündigt, möchte Koop vor allem Forschungslücken aus dem Leben vor der Karriere in den Konzentrationslagern schließen und nicht allein die Geschichte von Auschwitz-Birkenau nachzeichnen. So beschreibt der Autor komprimiert das Leben von Höß vor dem Eintritt in die SS. Koop geht auf die Herkunft, schulische Bildung, die Beteiligung am Ersten Weltkrieg und die anschließende Tätigkeit im Freikorps Roßbach ein. Auch die für den Lebensweg prägende Teilnahme am sogenannten "Parchimer Fememord" mit daraus resultierender Freiheitsstrafe und die Mitgliedschaft im Bund der Artamanen werden thematisiert. Sein Weg führte Höß dann als Mitglied der SS-Totenkopfverbände über die Konzentrationslager Dachau und Sachsenhausen hin zum Kommandanten des neu zu errichtenden Lagerkomplexes Auschwitz. Diese biographischen Stationen betitelt Koop im ersten Teil seines Werks mit Überschriften wie: "Lebenslügen des Rudolf Höß", "Persönlichkeit" oder "Zyniker". Weitere thematische Schwerpunkte sind die Tätigkeit Höß' als Amtschef D I im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt und der Lebensweg nach 1945 bis zu seinem Prozess mit Todesurteil. Der Journalist erzählt die Vita des SS-Mannes nicht chronologisch, sondern zeigt Lebensabschnitte in diversen thematischen Abschnitten auf. Warum der Verfasser den Lebensweg von Höß nicht linear nachzeichnet, wird für den Leser oftmals nicht ersichtlich.

Koop ist fortwährend bestrebt, den ehemaligen Lagerkommandanten anhand seiner autobiographischen Aufzeichnungen der Verfälschung zu überführen und listet dabei eine Reihe seiner Einschätzung nach nicht korrekter Angaben und Falschaussagen auf. So geht er auf das von Höß falsch angegebene Geburtsjahr (14) oder irreführende Angaben zur Schullaufbahn und zum Militärdienst ein (den Höß, laut Koop, statt 1916 erst zwei Jahre später angetreten habe, 22f.). Unter anderem wirft er Höß vor, in seinen Aufzeichnungen den Anschein erweckt zu haben, die eigene Familie hätte über Dienstpersonal verfügt (22). Koop zeigt hiermit auf, dass Höß in der Nachkriegszeit die eigene Biographie zu seinen Gunsten umformulierte, er verstrickt sich dabei aber immer wieder in biographische Details und lässt eine klare Einordnung in den wissenschaftlichen Kontext vermissen. Leider verzichtet der Verfasser auch auf eine aussagekräftige Interpretation dieser autobiographischen Ungenauigkeiten, sodass sich der Erkenntnisgewinn nicht erschließt und die Details für den Leser eher von nachrangigem Interesse sein dürften. Diese Aufzählungen der "Lebenslügen" (17) können darüber hinaus durch Koop selbst nicht immer kohärent belegt oder widerlegt werden. Da sie für die Tätigkeit von Höß im NS-Regime ohne Belang waren, wirken sie vor dem Hintergrund der späteren Verantwortung für die Gräueltaten in Auschwitz eher banal.

Interessant ist das Kapitel "Höß und seine Mittäter". Hier bezieht sich der Verfasser auf Vorgesetzte und Mitarbeiter - wie Himmler, Eichmann oder Wirth - und geht erstmals umfassend auf bislang wenig beachtete Skizzen über andere nationalsozialistische Führer ein, die Höß während seiner Haft in Krakau verfasste: die sogenannten "Charakterstudien". Der Verfasser hebt hervor, dass Höß die Studien vor allem deshalb verfasste, um vor den Alliierten und dem polnischen Volk die eigene Schuld - wenn er sie sich denn überhaupt eingestand - zu relativieren. Das wiederkehrende Element der autobiographischen Aufzeichnungen, die Selbststilisierung zum ohnmächtig Handelnden, beschreibt Koop zu Recht als eine der großen Lebenslügen des Kommandanten von Auschwitz.

Resümierend beschreibt Koop Höß als einen Mann, der sich stets benachteiligt fühlte und als Befehlsempfänger ohne signifikantes Anzeichen von Mitgefühl die Vernichtung der europäischen Juden in Auschwitz bewältigte. Illustriert wird das Leben des Lagerkommandanten durch passend ausgewähltes Bildmaterial. Doch allgemein mangelt es an einigen Stellen an distanzierter Betrachtung, da die Auszüge aus der Höß'schen Autobiographie nur knapp kommentiert werden und eine Konfrontation mit den historischen Fakten und eine Interpretation der Aussagen des Lagerkommandanten weitgehend ausbleiben. Gerade diese Aspekte wären jedoch elementar wichtig, um die Selbstkonstruktionen des Kommandanten aufzudecken. Des Weiteren verzichtet der Verfasser bedauerlicherweise auf eine zusammenfassende Erläuterung des gegenwärtigen Quellen- und Forschungstandes.

Schließlich fehlt die Einbettung von Rudolf Höß in das strukturelle Gefüge der nationalsozialistischen Institutionen und Organisationen, da Koop den ehemaligen Lagerkommandanten von Auschwitz vor allem biographisch untersucht. Gerade für Höß trifft jedoch zu, dass sein Handeln im Konzentrationslager nur partiell aus seinen biographischen Daten nachvollziehbar ist. Es bietet sich daher an, seine Vita in dem Kontext der nationalsozialistischen Struktur, Handlungspraxis und situativen Dynamik einzuordnen. Als reiner Befehlsempfänger hätte Höß in Auschwitz so nicht agieren können, da das vielschichtige Wechselspiel zwischen Tätern und Organisation den Genozid in Auschwitz-Birkenau sehr wahrscheinlich erst ermöglichte. Mit seiner Biographie legt Koop leider ein wenig überzeugendes Konzept für die Lebensbeschreibung von Rudolf Höß vor. Die vorliegende Studie verändert das bis dato bekannte Bild des Lagerkommandanten von Auschwitz insgesamt nur marginal.


Anmerkungen:

[1] Volker Koop: Martin Bormann. Hitlers Vollstrecker, Köln u.a. 2012.

[2] Volker Koop: Himmlers Germanenwahn. Die SS-Organisation Ahnenerbe und ihre Verbrechen, Berlin 2012.

Anna-Raphaela Schmitz