Rezension über:

Engelbert Winter / Klaus Zimmermann: Zwischen Satrapen und Dynasten. Kleinasien im 4. Jahrhundert v. Chr. (= Asia Minor Studien; Bd. 76), Bonn: Verlag Dr. Rudolf Habelt 2015, VIII + 214 S., 18 Bildtafeln, ISBN 978-3-7749-3937-0, EUR 79,00
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Rezension von:
Bruno Jacobs
Universität Basel
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Bruno Jacobs: Rezension von: Engelbert Winter / Klaus Zimmermann: Zwischen Satrapen und Dynasten. Kleinasien im 4. Jahrhundert v. Chr., Bonn: Verlag Dr. Rudolf Habelt 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 12 [15.12.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/12/27456.html


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Engelbert Winter / Klaus Zimmermann: Zwischen Satrapen und Dynasten

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Ann C. Gunter hat in ihrer hervorragenden Monographie Greek Art and the Orient (siehe die Besprechung in sehepunkte, Ausgabe 10 [2010], Nr. 9) betont, dass für jene Gebiete zwischen Ägypten und dem Iranischen Hochland, mit denen die Griechen während der sogenannten Orientalisierenden Epoche in Kontakt kamen, das Assyrerreich die politischen Rahmenbedingungen steckte und dass nur unter Berücksichtigung dieser Konstellation die Umstände jenes Kulturkontaktes richtig zu verstehen seien. Analog besteht auch für die wissenschaftliche Beschreibung der politischen, sozialen und kulturellen Entwicklung in den achämenidischen Provinzen Kleinasiens die Aufgabe, diese einerseits in ihren sich individuell ausprägenden regionalen Zügen zu beschreiben, sie aber andererseits stets auch im Kontext des Reichsganzen zu sehen. Wie eine Mahnung klingt da der Satz, mit dem P. Briant seinen Beitrag zum vorliegenden Kolloquiumsband eröffnet (177-193): "Marquée par sa double charactéristique d'unité (impériale) et de diversité (régionale), la formation politique achéménide a souvent été analysée à l'aide d'un seul de ces outils." [1]

Vier der acht publizierten Artikel sind Karien gewidmet. Von diesen wiederum beschäftigen sich zwei mit der Administration der Provinz und bemühen sich um eine genauere Bestimmung der Position der Hekatomniden. In jedem Falle spielen die Titel König respektive Satrap, die einzelnen Hekatomniden inschriftlich beigelegt werden, eine Rolle. Chr. Marek (1-21) vertritt die Auffassung, dass sich die Hekatomniden, eigentlich Vasallenkönige, den Satrapentitel zur Steigerung ihrer Autorität beigelegt hätten, obwohl sie keine Satrapen im eigentlichen Sinne waren. Er begründet seine Auffassung mit der Behauptung, der Satrapentitel habe nur Iranern zugestanden, spricht ihn also auch Zenis und Mania, die von Xenophon Satrapen Mysiens genannt werden und Untergebene des Satrapen Pharnabazos waren (Hell. 3,1,10-13), ab. Eine Hierarchie, in der Satrapen über Satrapen standen, habe es nicht gegeben (7f.).

M. Nafissi (21-48) dagegen versteht den Titel Satrap als offizielle Beschreibung der Position der Hekatomniden; den Titel König dagegen hätten ihnen zunächst ihre Philoi beigelegt. Später hätten ihn die Satrapen gern akzeptiert, weil sich mit ihm die erbliche Weitergabe des Satrapenamtes leichter begründen ließ.

Diese Argumentationen schließen sich offensichtlich aus. Während der erste Teil von Nafissis Darlegung jedoch plausibel erscheint, ist seine Erklärung des Königstitels als eines willkommenen Arguments für die Weiterreichung des Satrapenamtes innerhalb der Familie (37) insofern problematisch, als die Erblichkeit dieser Stellung, sieht man von den Satrapenposten in alten Reichshauptstädten wie Sardes, Babylon oder Memphis einmal ab, durchaus üblich war. Dies kann ein Blick nach Phrygien am Hellespont, Armenien oder Kilikien, um nur einige zu nennen, zeigen.

Gegen Mareks Argumentation ist einzuwenden, dass angesichts der uns in der achämenidischen Reichsverwaltung allenthalben begegnenden strikten Hierarchisierung - man denke an das Festungsarchiv von Persepolis oder die Briefe des Axvamazda aus Baktrien - über- und untergeordnete Kompetenzen grundsätzlich nicht zu bestreiten sind. Angesichts der vom Verfasser selbst betonten Inkonsequenz der Quellen in ihrer Begrifflichkeit (6f.) ist die vorgenommene Einschränkung des Begriffs Satrap nicht begründbar. Auch die Wortbedeutung Schützer des Reichs respektive der Herrschaft liefert hier kein Argument.

Nebenbei sei angemerkt, dass sowohl Marek als auch Nafissi den sogenannten Satrapenaufstand als wichtiges Ereignis in der Geschichte der Satrapie, aber auch Kleinasiens insgesamt, bezeichnen und in diesem Zusammenhang M.N. Weiskopf zitieren, obwohl dieser die Verlässlichkeit der einzigen für dieses Ereignis existierenden Quelle (Diod. XV 90, 3-4) bestritten und die Historizität des genannten Vorgangs als komplexes Ereignis überzeugend widerlegt hat. [2]

L. Karlsson (75-82) argumentiert für die mutmaßliche Umwandlung des Heiligtums des Zeus in Labraunda in einen Paradeisos. Auch in seinem Beitrag liegt das übrige Achämenidenreich eher außerhalb des Blickfeldes und liefert lediglich Stichwörter für eine recht spekulative Argumentation. Der Verfasser behauptet, Karien sei 387 v. Chr. als Satrapie eingerichtet [3] und Hekatomnos als Satrap bestimmt worden. Das Zeus-Heiligtum sei von den Hekatomniden, die einen Paradeisos nach persischem Vorbild benötigt hätten, zu einem solchen umgestaltet worden. Die Begründung hierfür liefern assoziativ herangezogene Schriftquellen. Ein Berg, eine Quelle und ein Grab im Bereich des Heiligtums in Labraunda werden mit für Paradeisoi in klassischen Quellen erwähnten Elementen parallelisiert. Einen mutmaßlichen Ahnenkult für Hekatomnos verbindet der Autor unter Hinweis auf die bekannten Stellen bei Arrian (An. 6, 29, 7) und Strabon (15, 3, 7) mit den Opfern für Kyros in Pasargadai. Eine Assoziation mit dem Paradies der Bibel, das als Ort der Auferstehung bezeichnet wird, gipfelt in der Frage, ob auch die Karer an Wiedergeburt glaubten. Dies alles wird vorgetragen ohne eine Auseinandersetzung etwa mit dem archäologischen Befund in Pasargadai, [4] der Ahnenverehrung bei den Achämeniden [5] oder mit einschlägiger Literatur zu Paradeisoi; Chr. Tuplin hat eine Kategorisierung des Hains von Labraunda als Paradeisos abgelehnt. [6]

Schließlich ist auch der Beitrag von H.-H. Nieswandt und D. Salzmann (83-133) ein Beispiel für die Problematik, die sich ergibt, wenn man die Betrachtung ausschnitthaft auf eine begrenzte Region beschränkt. Die Autoren stellen in diesem außerordentlich materialreichen Beitrag eine Registerstele vor, die den Toten in abgekürzter Form vermutlich als erfolgreichen Kämpfer und Jäger präsentiert. Für die Interpretation ziehen die Verfasser die vielbemühte Xenophon-Stelle Cyr. 8, 6, 10-12 heran, derzufolge Kyros der Große seine Satrapen angewiesen habe, den Königshof in ihren Provinzen zu imitieren. In jenem Passus ist jedoch von Bildkunst nicht einmal andeutungsweise die Rede. Wer den Text dennoch auf sie beziehen möchte, müsste jedenfalls erklären, warum repräsentative Bildkunst zur Achämenidenzeit nur in Regionen mit alter Bildtradition entstand, während man die Anweisung im übrigen Reich ignorierte.

Die Deutung des Stücks durch die Verfasser verdichtet sich in der Aussage, der Dargestellte wolle "offensichtlich in sehr enger Verbundenheit zum Satrapen bzw. Großkönig gesehen werden, denn die Tracht- bzw. Rüstungsbestandteile sind die eines hochrangigen Höflings". Der Dargestellte ist jedoch mit der Reitertracht bekleidet wie die meisten Grabherrn auf den Denkmälern, die der beigegebene Katalog (101-108) auflistet, auch. Eine spezifische Botschaft war durch sie nicht zu vermitteln. Man trug sie bei Kampf und Jagd, und in qualitätvollerer Ausführung war sie vermutlich ein Statussymbol, ist sie doch häufig als Geschenk genannt und abgebildet. Die Darstellungen sind also ein gutes Beispiel für den "Konsens der Eliten". [7]

Für alle vier hier zur Besprechung ausgewählten Beiträge gilt, dass den anregenden Überlegungen zu den lokalen Gegebenheiten keine adäquate Einordnung in den imperialen Kontext gegenübersteht.


Anmerkungen:

[1] Der Rezensent möchte seiner Irritation darüber Ausdruck geben, dass er sich in Briants Beitrag mit Publikationen nicht zitiert findet, in denen er Probleme, die der Verfasser anspricht, z.B. die Notwendigkeit der Relativierung des Begriffs "Einfluss" oder die Schwierigkeit, die persische Diaspora Kleinasiens mit Denkmälern in Verbindung zu bringen, behandelt hat; siehe jetzt B. Jacobs: Bildkunst als Zeugnis für Orientierung und Konsens innerhalb der Eliten des westlichen Achämenidenreichs, in: R. Rollinger / K. Schnegg (Hgg.): Kulturkontakte in antiken Welten: Vom Denkmodell zum Fallbeispiel, (= Colloquia Antiqua; 10), Leuven 2014, 343-368, mit älteren Titeln.

[2] M.N. Weiskopf: The So-Called "Great Satraps' Revolt" 366-360 B.C., (= Historia. Einzelschriften; 63), Stuttgart 1989.

[3] Siehe jedoch B. Jacobs: Die altpersischen Länder-Listen und Herodots sogenannte Satrapienliste (Historien III 89-94), (= Alter Orient und Altes Testament; 306), Münster 2003, 316-322.

[4] R. Boucharlat: Gardens and Parks at Pasargadae: two 'paradises'?, in: R. Rollinger et al. (Hgg.): Herodot und das Persische Weltreich, (= Classica et Orientalia; 3), Wiesbaden 2011, 557-574; Chr. Benech / R. Boucharlat / S. Gondet: Organisation et aménagement de l'espace à Pasargades - Reconnaissances archéologiques de surface, 2003-2008. ARTA 2012.003.

[5] W. Henkelman: An Elamite Memorial: The šumar of Cambyses and Hystaspes, (= Achaemenid History; 13), Leiden 2003, 101-172; R. Rollinger: Herrscherkult und Königsvergöttlichung bei Teispiden und Achaimeniden. Realität oder Fiktion? in: L.-M. Günther / S. Plischke (Hgg.): Studien zum vorhellenistischen und hellenistischen Herrscherkult, (= Oikumene; 9), Berlin 2013, 11-54.

[6] Chr. Tuplin: Achaemenid Studies, (= Historia. Einzelschriften; 99), Stuttgart 1996, 80-131, bes. 92 Anm. 43.

[7] Vgl. Anm. [1].

Bruno Jacobs