Rezension über:

Elisabeth Fritz: Authentizität - Partizipation - Spektakel. Mediale Experimente mit "echten Menschen" in der zeitgenössischen Kunst (= Kunst - Geschichte - Gegenwart; Bd. 3), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2014, 336 S., 83 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-22164-5, EUR 49,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Lucia Rainer
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Jessica Petraccaro-Goertsches
Empfohlene Zitierweise:
Lucia Rainer: Rezension von: Elisabeth Fritz: Authentizität - Partizipation - Spektakel. Mediale Experimente mit "echten Menschen" in der zeitgenössischen Kunst , Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/26881.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Elisabeth Fritz: Authentizität - Partizipation - Spektakel

Textgröße: A A A

Seit den 1990er-Jahren werden partizipatorische Kunstprojekte vermehrt kritisch hinterfragt. Der Vorwurf lautet: künstlerische Praktiken [1] dienen lediglich als Mittel zum Zweck: die Kunst werde instrumentalisiert. Zeitgleich ist eine Konjunktur von Konzepten des Authentischen zu beobachten, welche ein Verlangen nach Tatsächlichkeit und Unmittelbarkeit produzieren und stimulieren. Dieses Verlangen nach 'dem Echten' spiegelt das Bedürfnis nach Authentizität und ist in unterschiedlichen sozialen Feldern [2] - und insbesondere feldübergreifend - zu beobachten. Hier setzt das Buch "Authentizität Partizipation Spektakel. Mediale Experimente mit 'echten Menschen' in der zeitgenössischen Kunst" (2014) an. Im Feld der Kunst, der Wissenschaft und der Populär- und Medienkultur analysiert Elisabeth Fritz mediale Experimente mit 'echten Menschen'. Anhand einer Detail-Analyse von international verorteten Praxisbeispielen veranschaulicht sie, wie in experimentellen Anordnungen Authentizitäts-Strategien - und daraus resultierende Authentizitäts- und Realitätsansprüche - erzeugt und behauptet werden. Der Fokus ihrer Studie liegt auf dem stetigen Wechselspiel von tatsächlicher Partizipation, experimenteller Situation und filmischer Beobachtung.

Die Studie gibt Einblick in eine Auswahl internationaler Kunstprojekte, welche als zeitgenössische Partizipationskunst benannt werden und den im 20. und 21. Jahrhundert situierten, medienkulturellen Wandel vielschichtig reflektieren. Sie untersucht, wie eine Auswahl von Praxisbeispielen feldübergreifende Praktiken der Partizipation, Authentizität und Medien reflektieren und sich dazu in Beziehung setzen. Das 'authentische Leben' und die 'authentischen Menschen' stellen dabei sowohl den Untersuchungsgegenstand der Studie als auch den historischen Topoi dar. Anstatt jedoch 'das Echte' zu beweisen, bzw. es zu widerlegen, stellt sowohl die Darstellungsform als auch der Anspruch auf Authentizität das Verbindungsglied zwischen Partizipationskunst, Sozialexperiment und Reality-Fernsehen dar. Dabei wird 'das Authentische' aber nicht als Absolutum, sondern als "relative, dynamische und kontextuell veränderbare Zuschreibung" (19) verstanden.

Hervorzuheben ist, dass der Authentizitätsbegriff die leitende Analysekategorie und den Untersuchungsgegenstand darstellt, wobei Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten im Rahmen der Partizipationskunst, der Sozialwissenschaft und der Populärkultur erforscht und sichtbar gemacht werden. In diesem Kontext liegt der Studie die Behauptung zugrunde, dass die dem Feld der Kunst zugeordneten Praktiken der Selbstreflexivität und der Meta- und Intertextualität tatsächlich kein Differenzierungskriterium darstellen. Stattdessen seien Praktiken auch in den Feldern der Wissenschaft und in der Populärkultur, vor allem im Rahmen von medialen Experimenten, zu beobachten. Jedoch gerade hinsichtlich dieser Erkenntnis wäre zu fragen, inwiefern das gewählte methodische - und kulturwissenschaftliche verankerte - Vorgehen wirklich Einblick in die tatsächlichen Praktiken der drei unterschiedlich positionierten Felder gibt - beziehungsweise - geben kann. Obgleich die Autorin die Praxisbeispiele im Rahmen ihrer diskursiven Verankerung analysiert, ist die Verortung im größeren historisch-gesellschaftlichen Kontext nur angedeutet. Ungeklärt bleibt nicht nur, warum sich die Autorin für die ausgewählten Praxisbeispiele entscheidet und wie sich ihr Auswahl-Raster zusammensetzt, sondern insbesondere wie sich ihre Analyse-Ergebnisse konkretisieren und plausibilisieren lassen. Diesbezüglich ist schwer nachzuvollziehen, dass die Auswahl der Praxisbeispiele exemplarisch zu verstehen ist und die gewonnenen Erkenntnisse auf weitere - ähnlich ausgerichtete - Partizipationsprojekte der Gegenwartskunst tatsächlich übertragen werden können (vgl. 15).

Überzeugend ist hingegen, wie die Autorin das Konzept der Partizipation - im Rahmen der Kunst und vor dem Hintergrund praxisbezogener und diskursiv verhandelter Veränderungen des 20. und 21. Jahrhunderts - im ersten Kapitel der Studie herausarbeitet. Im zweiten Kapitel liegt der Fokus auf dem Sozialexperiment. Mithilfe dieses in den Sozialwissenschaften verorteten Konzeptes werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, beziehungsweise Wechselwirkungen, zwischen dem künstlerischen und sozialwissenschaftlichen Feld plausibel veranschaulicht. Darauf aufbauend erörtert Kapitel drei den historischen Wandel medialer Experimente und populärkultureller Konzeptionen in Film und Fernsehen. Der besondere Fokus liegt hier auf der Beobachtung und medialen Vermittlung des 'echten Lebens'. Kapitel vier führt den Begriff des Spektakels ein und schlägt eine Verbindung zum Konzept von Partizipation vor.

Die Studie endet mit dem Vorschlag, dass die fünf benannten Kriterien, welche postdokumentarischen Medienformaten zugrunde liegen, d.h. (1) Künstlichkeit und Inszenierung, (2) Affekt und Spektakularität, (3) performativer Kameraeinsatz und mediale Ästhetik, (4) Rollenspiel und Typen von 'echten Menschen' und (5) Nähe und Distanz zu den Rezipierenden auch auf postpartizipatorische Kunstprojekte zutreffen. Wie diese für die ausgewählten Praxisbeispiele gelten und wie die jeweiligen Künstler dazu Position beziehen, wird zusammenfassend im Rahmen des Resümees erläutert. Die zentrale Frage, wie sich das künstlerische Feld bezüglich des Partizipationskonzeptes behaupten kann, obgleich jenes von der Unterhaltungsindustrie besetzt ist, beantwortet die Autorin systematisch und überzeugend. Auch die dialektischen Eigenschaften des Authentizitätsbegriffes sind im Zusammenspiel von Theorie und Praxis - zwischen sozial-anthropologischer und philosophischer Theorie und der künstlerischer Praxis - gut verständlich und sorgfältig aufbereitet.


Anmerkungen:

[1] Theodore Schatzki: Practice mind-ed orders, in: The Practice Turn in Contemporary Theory, hgg. v. Theodore Schatzki / Karin Knorr Cetina / Eike von Savigny, London / New York 2001, 50-63.

[2] Pierre Bourdieu: The Field of Cultural Production, Cambridge 1993.

Lucia Rainer