Rezension über:

Martin Liepach / Dirk Sadowski (Hgg.): Jüdische Geschichte im Schulbuch. Eine Bestandsaufnahme anhand aktueller Lehrwerke (= Eckert. Expertise; Bd. 3), Göttingen: V&R unipress 2014, 145 S., ISBN 978-3-8471-0371-4, EUR 34,99
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Rezension von:
Christian Kuchler
Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, RWTH Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Christian Kuchler: Rezension von: Martin Liepach / Dirk Sadowski (Hgg.): Jüdische Geschichte im Schulbuch. Eine Bestandsaufnahme anhand aktueller Lehrwerke, Göttingen: V&R unipress 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/27017.html


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Martin Liepach / Dirk Sadowski (Hgg.): Jüdische Geschichte im Schulbuch

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Die Darstellung jüdischer Geschichte in deutschen Unterrichtswerken beschäftigt die Schulbuchforschung seit den Sechzigerjahren. [1] Zuletzt wurde das Thema neu aufgegriffen, da zum zweiten Mal eine deutsch-israelische Schulbuchkommission sich daran machte, das Bild Israels in Deutschland bzw. das Bild Deutschlands in Israel auf Basis der einschlägigen Lehrwerke zu analysieren. Die im Jahr 2015 vorgelegten Empfehlungen der Kommission ergänzen den hier zu besprechenden Band [2], der sich bewusst als komplementäre Ergänzung zu dem zwischenstaatlichen Forschungsprojekt versteht. Da beide Herausgeber des zu besprechenden Werks zugleich in der Schulbuchkommission mitgewirkt haben, bestehen inhaltlich enge Verbindungen. Der Band "Jüdische Geschichte im Schulbuch" konzentriert sich aber ausschließlich auf die Darstellung in deutschen Lehrwerken des Faches Geschichte und klammert damit die Behandlung jüdischer Themen in anderen Fächern, etwa in Religion, Sozialkunde oder Deutsch, vollständig aus.

Entlang der klassischen Epochenzuordnungen untersuchen fünf Beiträge die Rolle der jüdischen Geschichte für die Geschichtslehrwerke in Deutschland. Nachhaltigstes Problem der Publikation ist es jedoch, dass sie ihre Forschungsmethoden nicht hinreichend offenlegt. Zwar werden im Anhang alle konsultierten Schulbücher nach Epochen geordnet aufgeführt, doch bleiben die übergeordneten Forschungsfragen, mit welchen die Autoren diese untersuchen sollten, weitgehend im Dunkeln. Es wird darauf verwiesen, dass Schulbuchwissen als gesellschaftlich konsensfähiges Wissen anzusehen sei, warum aber welche Schulbücher in das Sample der Untersuchung aufgenommen wurden und welche Motive hinter dieser Entscheidung standen, wird ebenso wenig thematisiert wie die bedeutsame Frage, ob sich die Lehrwerke unterschiedlicher Schulformen in unterschiedlichen Bundesländern - nicht zuletzt aufgrund der sehr unterschiedlichen curricularen Anforderungen - tatsächlich vergleichen lassen. In den Einzeluntersuchungen wird auf diese strukturellen Unterschiede im Bildungssystem nicht hinreichend Rücksicht genommen (bspw. 17).

Die vorliegenden Studien zur Antike aus der Feder von Siegmar Sachse, zum Mittelalter von Wolfgang Geiger, zur Frühen Neuzeit von Dirk Sadowski, von Martin Liepach zum Kaiserreich und der Weimarer Republik sowie von Sinja Strangmann zur NS-Geschichte bieten denn auch sehr unterschiedlichen Ertrag. Während für die antike Geschichte vor allem beklagt wird, dass die jüdischen Wurzeln des Christentums zu wenig herausgestellt werden, moniert Wolfgang Geiger in seinen Befunden zum Mittelalter die Konzentration auf "Gettos, Geld und Gelbe Flecken". Die weiterhin bestehende Narration von den Juden als permanente Opfer der Geschichte wurzle in den Kapiteln zum Mittelalter. Das in fast allen Büchern geschilderte Verfolgungsparadigma klammere die oft friedliche Koexistenz von Christen und Juden zugunsten der Darstellung einer ausgegrenzten Minderheit aus und bahne damit der Vorstellung einer permanenten Verfolgung auch über das Mittelalter hinaus den Weg. Für die Frühe Neuzeit hingegen ist ein fast vollständiges Fehlen jüdischer Themen festzustellen. Dirk Sadowski macht es sich hier aber zur Aufgabe, positive Gegenbeispiele herauszustellen, die die Aufklärung und die Emanzipation thematisieren. Die beiden Beiträge von Martin Liepach heben sich von den anderen Texten positiv ab, da er in seinen Ausführungen zum Kaiserreich bzw. zur Weimarer Republik dezidiert Forschungsfragen ausweist und beantwortet. So belegt er, wie sehr die Schulbücher zur Zeit des Kaiserreichs sich auf die Entstehung des Antisemitismus in Deutschland konzentrieren und wie wenig dagegen die genuine Geschichte der Juden in Deutschland thematisiert wird.

In der abschließenden Untersuchung der Schulbuchdarstellungen zur NS-Zeit stellt Sinja Strangmann den sehr nationalen Blick beim Thema Holocaust heraus. Primär würden stets die deutschen Juden in den Blick genommen, während die osteuropäischen Opfer ausschließlich in Statistiken oder Bildern, die zudem von den Tätern gemacht wurden, erscheinen. Verfolgte und ermordete Juden aus Italien oder Frankreich fänden hingegen überhaupt keine Erwähnung, sodass Antisemitismus, Verfolgung und Ermordung zu einem rein deutschen Phänomen stigmatisiert werde. Ebenso kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass sich die Schulbücher auf Seiten der Opfer weiterhin auf besonders prominente Vertreter des NS-Regimes beschränken und ansonsten eher anonym von Kollektiven (z.B.: "die SS") sprechen. Eine Problematisierung des Agierens auf mittlerer und unterer Führungsebene wird für die Zeit des Holocaust in den Lehrwerken also weiterhin nicht vorgenommen. Vor diesem Hintergrund kommt die Autorin zu dem Fazit, Schülerinnen und Schülern in deutschen Klassenzimmern würde in sehr breitem Umfang zwar die Frage nach dem "Wie", nicht aber jene nach dem "Warum" des Holocaust ins Bewusstsein gerückt.

Insgesamt gibt der schmale Band eine gute Übersicht über die bestehenden Inhalte deutscher Schulbücher zum Thema jüdischer Geschichte. Allerdings ist das fast vollständige Fehlen einer theoretischen Fundierung und einer einheitlichen Fragestellung ein gravierendes Manko. Die Erhebungsmethoden hätten weit umfassender vorgestellt und problematisiert werden müssen. Nur dann wären die Einzelstudien tatsächlich vergleichbar gewesen und hätten noch stärker Anschluss finden können an bereits bestehende Forschungsbemühungen. Wenig verständlich für den Leser ist zudem, dass ein Kapitel zur Nachkriegsgeschichte nach 1945 bis in die Gegenwart vollständig fehlt. Der Verweis auf die Ergebnisse der Schulbuchkommission überzeugt hier nicht, da Interessierte von einem Band mit dem Titel "Jüdische Geschichte im Schulbuch" durchaus auch zeitgeschichtliche Informationen erwarten dürften. So bleibt festzustellen, dass mit dem Werk eine Aktualisierung einer bereits länger aufgeworfenen Forschungsfrage vorgenommen wird. Jedoch müsste neben die singuläre Untersuchung der jüdischen Geschichte auch eine Schulbuchanalyse treten, die die Bedeutung der anderen Religionen für den deutschen Geschichtsunterricht zum Thema macht.


Anmerkungen:

[1] Saul B. Robinsohn / Chaim Schatzker: Jüdische Geschichte in deutschen Geschichtslehrbüchern (= Schriftenreihe des Internationalen Schulbuchinstituts; Bd. 7), Braunschweig 1963.

[2] Deutsch-israelische Schulbuchkommission (Hg.): Deutsch-israelische Schulbuchempfehlungen (= Eckert. Expertise; Bd. 5), Göttingen 2015.

Christian Kuchler